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Gnadenakt für eine “Bekehrte”?

La Habana del Este, in den 70er Jahren entstandenes Neubauviertel an Havannas Peripherie. Kreuz und quer stehen die Blöcke, einer sieht aus wie der andere, ein System der verwinkelten Straßen erkennen nur Einheimische. Das Haus, in dem María Elena Cruz Varela bis vor zwei Jahren wohnte, unterscheidet sich nur in einem Detail von den Nachbarn: Die Tür der rechten Wohnung in der fünften Etage, gleich unter dem flachen Dach, ist mit einem schweren Eisengitter gesichert.
Genutzt hat es nichts. Am 19. November 1991 verschafft sich eine Menschenmenge durch einen Trick Zutritt, nachdem sie drei Tage lang actos de repudio – “Akte des Abscheus” – vor dem Haus veranstaltet hat (unter Anleitung eines lokalen Parteifunktionärs, wie der Ehemann zwei Tage später berichtet). María Elena wird an den Haaren die Treppe heruntergezerrt; als sie den Mund aufmacht, stopft ihr eine Frau Papierzettelchen in den Mund: Von ihr unterzeichnete Flugblätter der “liberalen Oppositionsgruppe Criterio Alternativo” (Alternativstandpunkt). Wenig später brüstet sich die “Heldin” im Fernsehen: “Das war eine völlig normale Reaktion, die man von jedem Revolutionär erwarten darf, der Feindpropaganda in die Hände bekommt.” Was hat die Dichterin getan, daß ihr so viel Haß entgegenschlägt?

Von der Preisträgerin zur Unperson

Bis Ende der 80er Jahre gilt María Elena Cruz Varela als eines der größten lyrischen Talente Kubas. 1989 verleiht ihr der Künstlerverband UNEAC für ihre Gedichtsammlung “Hija de Eva” – Tochter der Eva – seine höchste Auszeichnung, den Nationalen Poesie-Preis Julián del Casal. Zwei Jahre darauf hat die UNEAC ihr so geschätztes Mitglied, dessen Gedichte immer stärker apokalyptische Ahnungen widerspiegeln, bereits in Unehren ausgestoßen. Auslöser: Ein Brief María Elenas an den “Herrn Präsidenten” Fidel Castro, in dem sie ihre Ablehnung so “unglücklicher” Losungen wie “Fidel ist unser aller Vater” (Verfasser: Raúl Castro) zu Protokoll gibt.
Und die Poetin hört nicht auf, sich in die Politik einzumischen. Im Mai unterschreibt sie gemeinsam mit neun KollegInnen ein als die “Erklärung der Zehn” bekanntgewordenes Papier, in dem unter anderem Direktwahlen zum Parlament, die Wiederzulassung der 1986 geschlossenen freien Bauernmärkte und eine allgemeine Amnestie gefordert werden. Am 15. Juli veröffentlicht die “Granma” eine Art Antwort. Obwohl María Elena und GefährtInnen darin als mittelmäßige Schreiberlinge abqualifiziert werden, erhält ihre Deklaration dadurch eine Publizität im Lande wie kein anderes Dokument der DissidentInnen zuvor oder danach.
Wenig später formiert sich der Freundeskreis der Dichterin zur politischen Gruppierung Criterio Alternativo, die brav ihre Legalisierung beantragt und (wie nicht anders erwartet) nie eine Antwort erhält. Auf eine schon ultimativ zu nennende Empfehlung des Exilkubaners Carlos Alberto Montaner hin heftet sich die kleine Gruppe das Etikett “liberal” an und wird daraufhin von Montaners (exil)Kubanischer Liberaler Union (ULC) adoptiert. Criterio Alternativo beteiligt sich auch an der Gründung der Demokratischen Kubanischen Konzertation, Sammelbecken gemäßigter DissidentInnengruppen, beschränkt sich aber nicht auf Diskussionen im stillen Kämmerlein wie die übrigen Grüppchen. Als die kleine Gruppe versucht, Einfluß auf die Delegierten zum 4. Parteitag der KP auszuüben, und schließlich gar Handzettel verteilt, ist das Maß dessen überschritten, was die Regierung zu tolerieren bereit ist. Es kommt zu den beschriebenen Ausschreitungen, und am 27. November werden María Elena Cruz Varela und MitstreiterInnen “wegen illegaler Vereinigung und Herabwürdigung” zu bis zu zweijährigen Haftstrafen verurteilt.

“Lieber als Dichterin sterben denn als Politikerin leben”

Acht Monate ihrer Gefängniszeit verbringt die Dichterin in einem Haftkrankenhaus. Die Liberale Internationale, die französische Präsidentengattin Danielle Mitterrand, die spanische Regierung, der internationale PEN-Club fordern ihre Freilassung. Die kubanische Führung sucht nach einem Weg, den “Fall María Elena” rasch und ohne Gesichtsverlust zu lösen. Im Frühling 1993 geht das Gerücht um, María Elena werde vorzeitig entlassen und dann ins Exil gehen; ihre Tochter Mariela ist bereits in Miami.
Es kommt anders. Die 39jährige verläßt das Gefängnis, zieht nach Matanzas zu ihrem Vater. Und dann: Die Lyrikerin María Elena gibt ein Interview (EL PAIS vom 27. 5. 93), das die Anhänger der Dissidentin María Elena zutiefst schockt und ratlos macht. “Ich habe nie eine politische Karriere angestrebt, die Entwicklung entglitt einfach meinen Händen”, sagt sie. Und: “Lieber als Dichterin sterben denn als Politikerin leben.”
Eine Begründung folgt wenige Sätze später. “Mit meinem Namen ist bereits zuviel manipuliert worden. Ich will nicht eine Rolle übernehmen, die mir aufgezwungen wird und die mich nicht interessiert.” Noch einmal versucht der Reporter, jene María Elena wiederzufinden, die die westliche Welt zu kennen glaubt: “Sind Sie wirklich nie gefoltert worden, auch nicht psychologisch?” Die Dichterin verneint strikt: Für eine Karriere als Märtyrerin ist sie nicht mehr zu haben.

Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat

Mit Interpretationen dieser unerwarteten Wendung sollte sich eigentlich zurückhalten, wer María Elena Cruz Varela nur aus einigen wenigen ihrer Texte und aus den Äußerungen anderer über sie kennt. Doch aus dem zitierten Interview ergibt sich der kaum verhohlene Vorwurf, die Dichterin sei “umgekippt”. Davor – glaube ich – sollte man María Elena in Schutz nehmen.
Angesichts der Lage in und um Kuba war mit ihrer Arbeit als Dissidentin zwangsläufig verbunden, daß sie von allen und jedem als Kronzeugin gegen Fidel Castro in Anspruch genommen wurde. Ihre scharfe Kritik am herrschenden System wurde umgehend als Bekenntnis zu einer demokratischen, ergo westlich-antikommunistischen, ergo neoliberalen Werteordnung (weitere Attribute können nach Belieben eingesetzt werden) ausgedeutet. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Die Dichterin, die genau wie 99,9 Prozent ihrer Landsleute die US-Wirtschaftsblockade gegen Kuba ablehnt, fand plötzlich ihr Foto auf Plakaten wieder, mit denen für eine totale Isolierung Havannas geworben wurde . . .
Daß jetzt die kubanische Regierung ihrerseits bestrebt ist, den Fall des “zur Herde zurückkehrenden Schäfleins” für die eigene Propagandaarbeit zu nutzen, entspricht genau der Logik der bisherigen Entwicklung. Wenn sich María Elena diesem permanenten Instrumentalisiert-Werden mit ihrer Flucht in die Anonymität von Matanzas entzieht, ist das nicht nur ihr gutes Recht (Brecht: “Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat”). Es ist vielleicht auch mutiger als eine Rückkehr in die “vorderste Frontlinie” einer Schlacht, bei der sich María Elena Cruz Varela keiner der beiden großen Kriegsparteien zugehörig fühlt.

María Elena Cruz Varela

La nave de los locos

Porque ya nada sé. Porque si alguna vez supe
deshecha entre las zarzas he olvidado.
Aquí duelen espinas. Aquí duelen los cardos.
Aquí dejo mi olor. Olor de perseguido.
De animal acosado por todas las jaurías
bestiales del infierno. Porque ya nada sé.
Porque apenas me palpo una rodilla
y ya no sé más nada. Y soy
este país de locos náufragos. Dejados en su nave a la deriva.
Porque ya nada sé. Los perros devoraron mi memoria.
?Adónde voy? ?Adónde vamos todos? ?Adónde van?
?Adónde? ?Sabe alguien adónde dirigirse que no sea
tan sólo un espejismo? ?A quién puedo condenar al destierro
por haber arruinado mi manzana? La manzana de todos.
?Cuál es Caín? ?Y Abel? ?Quién el bueno? ?Y el malo?
?Por qué tapan con hiedras mis opacas pupilas?
Y ya no veo más nada. Y ya no sé más nada. Y si alguna vez supe
entre zarzas ardientes y jaurías sangrientas lo he olvidado.

María Elena Cruz Varela

Das Narrenschiff

Denn ich weiß nichts mehr. Denn was ich je erfuhr,
zerrissen zwischen den Dornbüschen hab ich es vergessen.
Hier schmerzen die Stacheln. Hier schmerzen die Disteln.
Hier hinterlasse ich meinen Geruch. Den Geruch des Verfolgten,
von allen Rotten von Höllenhunden gehetzten Tieres.
Denn ich weiß nichts mehr.
Denn kaum betaste ich mein Knie,
Und schon weiß ich gar nichts mehr. Und ich bin
diese Stadt, die zerfällt. Und ich bin
dieses Land schiffbrüchiger Narren. Treibend zurückgelassen auf ihrem Wrack.
Denn ich weiß nichts mehr. Die Hunde verschlangen meine Erinnerung.
Wohin gehe ich? Wohin wir alle? Wohin gehen sie?
Wohin? Weiß jemand, wohin sich wenden, wo nicht nur
ein Trugbild harrt? Laßt sehen:
Wer entschädigt mich? Wen kann ich zur Verbannung verurteilen,
weil er meinen Straßenzug ruinierte? Den Straßenzug aller.
Wer ist Kain? Und Abel? Wer der Gute? Und der Böse?
Weshalb verdecken sie mit Efeu meine getrübten Pupillen?
Und schon sehe ich gar nichts mehr. Und schon weiß ich gar nichts mehr. Und was ich je erfuhr,
zwischen Dornbüschen und blutgierigen Rotten hab ich es vergessen.

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