«

»

Artikel drucken

“Gold kann man nicht essen”

Ein Lastwagen passiert das Fabriktor der Limonenfabrik am Ortseingang von Tambogrande. Rund dreißig Tonnen Limonen hat der Sattelschlepper geladen und die frische Ware geht über den Hafen von Paita nach Übersee. Limonen, die das ganze Jahr über geerntet werden, und die Mangos bilden die Basis der lokalen Wirtschaft, erklärt der Ökonom Luis Ginocchio Balcazar und fügt hinzu: „Die Region von Tambogrande ist die Obstkammer Perus und die Bevölkerung lebt weitaus besser als die in anderen Regionen.“ Tambogrande liegt im Norden Perus, nahe der Grenze zu Ecuador, und verfügt über rund 60.000 Hektar bewässerte Fläche. Das sind rund 20 Prozent des bewässerten Ackerbodens des gesamten Landes. Balcazar meint, dieses wirtschaftliche Potential könne noch viel effizienter genutzt werden. Er plädiert deshalb für den Ausbau des organischen Anbaus von Obst, Kaffee und Baumwolle. Gerade im ökologischen Landbau und dem Ökotourismus sieht er die wichtigsten ökonomischen Potentiale der Region. Obwohl direkt unter Tambogrande erhebliche Gold- und Edelmetallvorkommen gefunden wurden.
„Es gibt kein Beispiel, wo eine Mine der Region Reichtum gebracht hätte. Warum sollte es in Tambogrande anders laufen?“ fragt Balcazar, der zu jenen Spezialisten zählt, die die lokale Bevölkerung in ihrem Kampf gegen die Aufnahme des offenen Tagebaus durch das kanadisches Bergbauunternehmen Manhattan Minerals unterstützt haben. Gemeinsam mit anderen Spezialisten und Nichtregierungsorganisationen verfasste er Studien, Artikel und Gutachten, um dem Widerstand gegen den Bergbau ein solides Fundament zu geben. Die Arbeit hat sich ausgezahlt, denn seit Dezember letzten Jahres ist klar: In Tambogrande wird nicht geschürft. Das zuständige Bergbauministerium hat die Konzession von Manhattan Minerals kassiert, weil das von dem Unternehmen vorgelegte Umweltgutachten nicht stichhaltig war. Doch der eigentliche Grund für den Rückzug dürfte weitaus eher im anhaltenden Widerstand der Bevölkerung liegen, die national und auch international auf das fragwürdige Projekt und die oftmals kaum zu rechtfertigende Vergabe von Konzessionen aufmerksam machte.

Wasserprobleme und gefährdete Arbeitsplätze
Die verblichene Parole „Ja zur Landwirtschaft, nein zum Bergbau“ findet sich an den Strassen, die in die 20.000 Einwohner zählende Stadt führen. Dort stehen die wichtigsten Mango- und Limonenfabriken, in denen die Früchte für den Export nach Übersee verarbeitet werden. Die Mangoernte ist gerade vorbei, die letzten Container wurden Ende April ausgeliefert, und die Fabriktore sind geschlossen. Nebenan, in einer Limonenfabrik, wird hingegen gearbeitet. Kleine und größere LKWs mit frisch geernteten Früchten passieren hin und wieder das Werktor. 90 Prozent der peruanischen Limonenernte stammt aus dem fruchtbaren Tal von San Lorenzo, das vor den Toren von Tambogrande liegt. Mangos, aber auch Avocados und Papayas werden über die Provinzhauptstadt Piura zum Hafen von Paita gebracht und nach Übersee, vor allem in die USA und Europa, verschifft. Rund 33 Millionen US-Dollar brachte der Export in den letzten Jahren durchschnittlich ein, und 70 Prozent der Erwerbstätigen im Tal, rund 15.000 Menschen, leben von der Landwirtschaft. Das ist auch das wichtigste Argument der Frente de Defensa del Valle de San Lorenzo y Tambogrande, der Front zur Verteidigung des Tales von San Lorenzo und Tambogrande. „Die Arbeitsplätze wären durch den offenen Tagebau von Manhattan Minerals gefährdet gewesen“, urteilt Francisco Ojeda, Bürgermeister von Tambogrande. Ojeda war lange Zeit einer der Wortführer der Frente und ist erst aufgrund seiner klaren Position gegen den Bergbau zum Bürgermeister gewählt worden.
Ojeda stützt sich auf ein Umweltgutachten des US-amerikanischen Hydrogeologen Robert E. Moran. Der von OXFAM America beauftragte Spezialist nahm das Bergbauprojekt 2001 unter die Lupe und warnt vor den Risiken des offenen Tagebaus in der Region. Eine Verseuchung des Grundwassers durch Zyanide und Quecksilber und die Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts schließt er nicht aus. Moran bezweifelt zudem, dass der Wasserbedarf des Bergbauunternehmens gedeckt werden kann. So sehen das auch die Bauern, die erst 1998 mit Hilfe der Weltbank die bestehenden Bewässerungssysteme modernisiert haben. Sie befürchten, dass giftige Staubpartikel, verseuchtes Grundwasser und Wassermangel das Tal zugrunde richten könnten.
Den 15.000 Arbeitsplätzen, die auf dem Spiel gestanden hätten, stehen 1850 neue Arbeitsplätze gegenüber, die Manhattan Minerals schaffen will. Davon wären aber nur 350 permanente Arbeitsplätze; die anderen 1500 entfallen auf die Bauphase der Minen. Und selbst die ständigen Arbeitsplätze würde das Minenunternehmen vermutlich überwiegend mit ausländischen Technikern besetzen. „Was hätte die Stadt also davon gehabt?“ fragen sich viele der Bewohner, wie Francisco Ancajima, die den Verantwortlichen von Manhattan nicht glauben wollen. Die prognostizierten der Region gebetsmühlenartig einen Aufschwung durch den Bergbau und begannen mit den Probebohrungen direkt unter der Stadt. Gold, Silber und andere Edelmetalle hatten die kanadischen Ingenieure in unterschiedlichen Konzentrationen an drei verschiedenen Standorten entdeckt – auch direkt unter den Stadtvierteln von Tambogrande.

Keiner will Gold
Wäre es nach dem kanadischen Bergbaukonzern gegangen, hätten rund die Hälfte der 20.000 EinwohnerInnen ihre Häuser räumen und einige Kilometer entfernt in neue einziehen müssen. Gegen die Pläne des kanadischen Konzerns regte sich bereits früh, noch unter dem diktatorischen Fujimori-Regime, Widerstand. Auf Demonstrationen in der Region und in Lima folgte im Juni 2002 ein Referendum. Die Organisatoren der Abstimmung, die Frente von Tambogrande, unterstützt von lokaler Verwaltung und Nichtregierungsorganisationen, konnten ein Traumergebnis verbuchen: 94 Prozent der 27.000 Menschen, die am Referendum teilnahmen, stimmten gegen das Bergbauprojekt. Kaum jemand konnte sich in Tambogrande vorstellen, dass Landwirtschaft und offener Tagebau koexistieren können. Das Referendum, auch wenn es von der Regierung von Alejandro Toledo nicht anerkannt wurde, bildete die Basis für den Erfolg der Gemeinde im Kampf gegen den Bergbau, urteilt rückblickend der Bürgermeister. Francisco Ojeda ist mittlerweile landesweit gefragt, wenn eine Gemeinde sich gegen ein Bergbauunternehmen und deren Abbaupläne wehren will.

Viele Konzessionen, wenig Partizipation und kein Umweltbewusstsein
Alleine in der nördlichen Provinz Piura sind es mindestens 97 Konzessionen, die laut dem Biologen Fidel Torres vergeben wurden, ohne dass die Bevölkerung an der Vergabe beteiligt oder konsultiert wurde. „Die Umweltbehörden wurden bei der Vergabe nicht einbezogen, obwohl hinlänglich bekannt ist, dass das ökologische Gleichgewicht der Region ausgesprochen sensibel ist und mit dem Bergbau gemeinhin extreme Umweltbelastungen einhergehen“, kritisiert der Wissenschaftler, der gerade ein Buch über die Problematik veröffentlicht hat.
Bergbauskandale hat es in den letzten Jahren viele gegeben. So verlor am 2. Juni 2000 ein Lastwagen 150 Kilogramm Quecksilber auf einer Strecke von 40 Kilometern. Ein Gutteil dieser Menge wurde in dem kleinen Dorf Choropampa verloren. Das Transportunternehmen, welches im Auftrag der Mine Yanacocha, der größten Goldmine des Landes, unterwegs war, forderte die Bewohner auf, das Quecksilber gegen Entgelt wieder einzusammeln. Mit bloßen Händen sammelten die Bewohner das hochtoxische Quecksilber wieder ein und vergifteten sich. Die riesige Mine Yanacocha, die größte Goldmine Südamerikas, liegt auf rund 4000 Meter Höhe und ist für die Betreiber ein lohnendes Geschäft. Der derzeit hohe Goldpreis beschert dem Bergbaukonsortium fette Rendite.

Gefährliche Droge Bergbau
Die Region, der vorab ein wirtschaftlicher Aufschwung prognostiziert wurde, hat von der Mine allerdings wenig profitiert. Vom viertletzten ist sie auf den vorletzten Platz im Ranking der peruanischen Departamientos abgesackt. Für den Ökonomen Balcazar keine Überraschung. Er kennt kein Beispiel, wo der Bergbau einer Region in Peru Reichtum beschert hätte. „Gleichwohl setzt die Regierung nach wie vor auf die rücksichtslose Ausbeutung dieser Ressourcen“, kritisiert der Bergbauexperte aus der an der Grenze zu Ecuador gelegenen Stadt Piura. „Peru ist wie ein Drogenabhängiger. Der Staat braucht das Geld aus dem Bergbau wie der Abhängige die Droge“, so Balcazar.
Doch nicht sonderlich viel bleibt von den rund vier Milliarden US-Dollar, die durch den Verkauf von Bergbauprodukten im letzten Jahr erwirtschaftet wurden, in Peru hängen. Laut dem Kongressabgeordneten Javier Diez Canseco sind es nicht mehr als zwei Prozent, die in Form von Steuern im Land bleiben. Korruption und Vetternwirtschaft macht der Mann, der erst kürzlich per Hungerstreik eine adäquate Besteuerung der Unternehmen forderte, dafür verantwortlich. Rund 50 Prozent der peruanischen Exporte entfallen auf den Sektor, der gerade 60.000 Arbeitsplätze generiert und je nach Berechnungsgrundlage zwischen drei und acht Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Doch die Folgekosten des Bergbaus sind immens. So ist die Bleikonzentration im Trinkwasser von Lima um 20-30 Prozent höher als in jeder anderen lateinamerikanischen Stadt, eine Folge der Bergbauaktivitäten im Hochland. Dort entspringen die Trinkwasserquellen der Hauptstadt und dort befindet sich auch die vermutlich größte Dreckschleuder des Kontinents: die Blei- und Kupferhütte von La Oroya. Etwa 600.000 Tonnen Gestein brechen die Minenkonzerne Centromin Perú und Doe Run Perú jedes Jahr aus der Mondlandschaft rund um La Oroya. Das Gestein ist durchsetzt mit Blei, Kupfer, Zink und auch Silber.
Jährlich fallen rund 55.000 Tonnen Metalle an, die mit Schwefelsäure aus dem Gestein gewaschen werden. Die Abwässer der Hütten sind mit Schwermetallen belastet, die Schornsteine blasen dicke Wolken schwefelhaltiger, mit Blei, Arsen und Kadmium angereichter Abgase in die Luft. Wenn es regnet, bildet sich saurer Regen, der die potentiellen Anbauflächen rund um die 45.000 Einwohner zählende Stadt genauso wie den Fluss Mantaro verseucht. Weißlich und verätzt sehen die Berge rund um Oroya aus, nicht grün, wie es für das Departamento sonst normal ist. Kein Wunder, denn Felder und Hügel in der näheren Umgebung der Stadt sind genauso wie deren Häuser mit grauem, giftigen Staub überzogen. Die Bleikonzentration im Blut der Einwohner liegt bis zu 45 mal höher als normal. Asthma, Bronchialerkrankungen sowie Nieren- und Nervenleiden sind eher die Regel als die Ausnahme.
Der perverse Umgang mit der Bevölkerung und den natürlichen Ressourcen ist in Peru kein Einzelfall. In Cajamarca fürchten die EinwohnerInnen, dass die Mine Yanacocha auch die letzten beiden Hügel bald abträgt, unter denen sich die Wasserader der Region befinden soll.

Netzwerke für anderen Umgang mit Ressourcen
Umweltkonzepte, wie die Kontaminierung des Wassers verhindert werden soll, liegen bisher nicht vor und Yanacocha gilt landesweit als saubere Mine, erzählt Francisco Ojeda. Der Bürgermeister von Tambogrande war mehrfach in Cajamarca, um dort über die Erfahrungen in Tambogrande zu berichten. Doch auch im Departmento Piura, zu dem Tambogrande gehört, ist Ojeda ein gefragter Mann. In Huancabamba, wie Tambogrande in direkter Nähe zur Grenze gelegen, soll Kupfer abgebaut werden. Mehrere Flüsse, die ins Amazonasdelta fließen, grenzen an die potentiellen Abbaustätten, und obwohl laut der peruanischen Verfassung im Umkreis von fünfzig Kilometer der Grenze keine internationalen Unternehmen Boden erwerben dürfen, wurde die Konzession „im nationalen Interesse“ vergeben, berichtet der Biologe Fidel Torres. Er prognostiziert für den Fall, dass die Bergbautätigkeit aufgenommen wird, extreme Risiken für das fragile ökologische Gleichgewicht der Region.
Doch dazu muss es nicht kommen, denn mit den Netzwerken Muqui und Conacami, die von vielen Nichtregierungsorganisationen unterstützt werden, hat sich eine Gegenbewegung gegen die skrupellose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gebildet. Zu dem unterhält auch die Frente von Tambogrande Kontakt. Deren Erfolg wird von Umweltexperten wie Antonio Brack, peruanischer Berater des UN-Umweltprogramms, als beispielhaft betrachtet, weil sich die Bevölkerung nicht nur gegen etwas entschieden hat, sondern auch für eine ökonomische Alternative, die Arbeit und Perspektive bietet: die Landwirtschaft. Für Brack, der dem Ökolandbau in Peru exzellente Perspektiven bescheinigt, mehr als ein Hoffnungsschimmer.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/gold-kann-man-nicht-essen/