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Goldrausch mit Nebenwirkungen

Es hört sich an wie eine Wildwestgeschichte. Seit im November vergangenen Jahres in der Gemeinde Nova Aripuanã, im Süden des Bundesstaates Amazonas Gold gefunden wurde, haben sich mittlerweile über 10.000 Menschen auf den Weg gemacht, um dort ihr Glück zu suchen. Auf einem Gebiet von 10.000 Hektar am Rio Juma, haben die GoldwäscherInnen mittlerweile geschätzte 1,5 Tonnen Gold gefunden.
Dort, wo der Rio Juma früher einmal eine Kurve machte, floss der Strom langsamer, und der schwere Goldstaub, der in den Anden ausgewaschen wurde, setzte sich ab. Nun ist an dieser Stelle Festland und man kann in einer Tiefe von anderthalb Metern bereits das Metall finden. Es hört sich an, als ob jeder der sich als garimpeiro (Goldwäscher) an den Rio Juma begibt, reich werden kann. Aus einem einzigen Loch von den Ausmaßen fünf mal fünf Meter haben einige garimpeiros 2,8 Kilo Gold heraus geholt.

Entvölkerung der Region

Sogar BürgermeisterInnen und UnternehmerInnen in der Gegend haben alles stehen und liegen gelassen, um in den von Krankheitserregern verseuchten Schlämmen Gold zu waschen. Seit Entdeckung des Vorkommens registrierte die Gemeinde im Durchschnitt täglich 300 Neuankömmlinge. Die meisten kommen aus der Region, doch in allen Teilen des Landes haben Menschen von den Funden erfahren und sich auf den Weg gemacht.
Der Weg zum vermeintlichen Glück ist beschwerlich: Zuerst geht es nach Apuí, der nächstgelegenen Stadt. Danach muss man 70 Kilometer per Kanu zurücklegen. Das schwierigste Stück sind die vier Kilometer über Trampelpfade zu den Goldfeldern.
Der Gemeinderatsabgeordnete von Humaitá, Cristóvão Costa, ist in einer 16-stündigen Fahrt mit dem Laster nach Nova Aripuanã gekommen. In fünfzehn Tagen gewann er 700 Gramm Gold. „Ich hatte immer den Traum, meine Familie versorgen zu können. Ich habe zwei Kinder, und dieses Gold werde ich für ihre Zukunft aufbewahren“, erzählte er der brasilianischen Tageszeitung Folha de São Paulo.
Die 31-jährige Händlerin Luciana Theodoro kam den weiten Weg aus Sinop im Bundesstaat Mato Grosso bis zu den Minen. Sie suchte ihren Mann, der bereits vorher losgezogen war. Als sie ihn nicht fand, tat sie sich mit sechs Männern zusammen, und begann in einem der Erdlöcher zu arbeiten. „Alle haben die Hoffnung, hier leichter und besser Geld zu verdienen. Ich gehe hier erst raus, wenn ich mir meinen Traum erfüllen kann, ein Auto mit null Kilometern“, erzählt sie der Folha.
Im nahen Apuí fehlen dagegen die Arbeitskräfte. Etliche Betriebe stehen einfach still, öffentliche Bauarbeiten kommen nicht voran. Die Gemeinde macht sich Sorgen über die Zukunft. Nach Schätzungen von Experten der Nationalen Behörde für Bergbauproduktion DNPM dürften die Goldlagerungen am Rio Juma für nur wenige Wochen vorhalten. Was dann mit den Menschen dort passieren soll, ist unklar. „Arbeitslosigkeit, Gewalt, Drogenhandel und -konsum werden neben Epidemien in den nächsten Monaten oder sogar Jahren Teil des Alltags unserer Stadt Apuí sein“, prognostiziert das Internetportal der Stadt düster.
Schon jetzt ist die Lage in dem Goldwäscher-Camp äußerst prekär. Täglich erkranken Menschen an Durchfall oder Malaria. Ein 47-jähriger Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, erzählte dem Internetportal von Apuí, dass er bereits seit sieben Tagen an Malaria erkrankt sei. Dennoch wolle er nicht mit dem Waschen aufhören. Wie das Portal von Apuí weiter berichtete, stehen überall Motorpumpen, um den goldhaltigen Schlamm an die Erdoberfläche zu fördern. Die Abwässer unterspülen dabei die Wurzeln der umstehenden Bäume. Immer wieder kommt es zu Unfällen, wenn ein solcher Urwaldriese umstürzt.
Um das Gold vom Sand zu trennen, amalgamieren die garimpeiros das Gold mit Quecksilber. Die metallische Flüssigkeit, die daraus resultiert, lässt sich leicht vom Sand trennen. Die garimpeiros erhitzen sie dann in Blechbüchsen; dadurch verdampft das Quecksilber und das reine Gold bleibt zurück. Hochgiftig sind die Dämpfe. Das Quecksilber, das in die Atmosphäre entweicht, regnet herab und gelangt in die Nahrungskette. Quecksilbervergiftungen sind mittlerweile ein ernsthaftes Gesundheitsproblem in der Amazonasregion, auch bei Menschen, die am Goldbergbau nicht beteiligt waren.
Inzwischen gibt es keine freien Stellen mehr auf dem Goldfeld am Rio Juma. Den Nachzüglern bleibt keine andere Wahl, als für einen garimpeiro zu arbeiten, der sich einen Claim gesichert hat. Zum Teil müssen sie ihre Werkzeuge, zum Beispiel kostspielige Pumpen, selbst besorgen. Obwohl sie ein vielfaches an Gold zu Tage fördern, bekommt ein Arbeiter oder eine Arbeiterin in der Regel zwei Gramm Gold pro Arbeitstag. Bei dem jetzigen Goldpreis sind dies immerhin 76 Reais (etwa 28 Euro), also ungefähr ein Viertel des monatlichen Mindestlohns. Für viele garimpeiros ist dies der beste Lohn, den sie je hatten. Das zieht weiterhin Menschen an den Rio Juma, um hier zu arbeiten.

Der König des Goldfelds

Bis vor kurzem mussten auch diejenigen, welche ein eigenes Goldfeld ergattert hatten, etwa zehn Prozent ihres Gewinns abführen. José Ferreira da Silva Filho, der von allen nur „Zé Capeta“ (ungefähr: Sepp Teufelchen) genannt wird, behauptete, Besitzer des Landes zu sein, auf dem das Gold gefunden wurde. Er gründete eine Kooperative, der jeder beitreten musste, der auf dem Goldfeld waschen wollte. Beliebt war er nicht. Er berichtete der Folha, dass eines Nachts auf seine Hütte geschossen wurde.
Inzwischen hat die Behörde für Kolonisierung und Landreform INCRA aber Zé Capetas Landtitel für ungültig erklärt. Die Kooperative Zé Capetas hat ihr Monopol verloren, sie wurde von einer anderen Kooperative ersetzt, die nach faireren Kriterien arbeiten soll.
Insgesamt ist die Situation von Rechtlosigkeit geprägt. Es gebe häufig Schießereien, berichten die garimpeiros. Die neue Kooperative hat schon bei der Bundespolizei beantragt, dass sie einen Einsatz auf dem Goldfeld durchführen möge, um die garimpeiros zu entwaffnen.
Nur wenige Frauen arbeiten auf dem Goldfeld, diejenigen, die sich dort eingefunden haben, sind häufig minderjährig. Die VertreterInnen der Kooperative leugnen, dass es Prostitution gebe. Die Folha de São Paulo traf zwei Mädchen auf dem Feld, die 13 und 16 Jahre alt sind. „Die Mädchen hier machen ein ‘Programm’ für ein Gramm Gold. Die die angefangen haben, wollen nicht aufhören. Ich will auch anfangen“, erzählt die 16-Jährige. Der Übergang zwischen Auswegslosigkeit und Zwangsprostitution ist fließend in der Amazonasregion.

„Der Staat glänzt durch Abwesenheit“

Manfred Nitsch beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Amazonasregion. Nitsch ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Freien Universität Berlin und Mitglied der Internationalen Beratungsgruppe zum Schutz des Amazonaswaldes, die von der G 7 und der Weltbank gegründet wurde. Was sich in Nova Aripuanã abspielt, verwundert Nitsch nicht. Die aktuellen Geschehnisse am Rio Juma haben sich so ähnlich in der Amazonasregion immer wieder abgespielt. Die Rechtlosigkeit, die Zerstörung der Natur, die miserablen hygienischen Bedingungen und die Kinderprostitution: Dies sind die Probleme, die es auch in anderen Bergbaustädten schon gab. Der Spuk sei meistens nach wenigen Monaten oder Jahren vorbei, da es sich im Amazonasgebiet hauptsächlich um fluviale Ablagerungen handele, die nicht so ergiebig sind wie die Primärvorkommen in den Bergen. „Nicht immer sind es nur Goldfunde, die solche Städte entstehen lassen“, erzählt Manfred Nitsch den Lateinamerika Nachrichten. Die hohen Preise für Rohstoffe der letzten Jahre erhöhten zusätzlich den Anreiz, andere Metalle zu waschen.
„Der Staat glänzt durch Abwesenheit“, meint Nitsch. Im weitläufigen Amazonasgebiet könne die Polizei unmöglich überall anwesend sein. Selbstjustiz herrsche vor. Dass der „Rei do Garimpo“, der „König des Goldfelds“ vom Rio Juma einen Landtitel besitzt, der für ungültig erklärt wurde, überrascht den Professor wenig. „Dies liegt an dem brasilianischen Verfahren der Landtitulierung, das noch aus kolonialen Zeiten stammt.“ Generell sei es so, dass jemand, der Initiative entwickele, und ein Stück Land bewirtschafte, auch das Besitzrecht mit Urkunde erhalte. Wenn er das Land aber brach liegen lasse, würde es eine „terra devoluta“, ein Stück Land, das an den Staat zurückgefallen sei, bis ein nächster das Besitzrecht darauf erwirbt. „Bis zu fünf verschiedene Besitztitel, die rechtlich korrekt sind, können für ein Stück Land existieren.“ Wenn es zu einem Konflikt kommt, entscheidet im besten Fall dann ein Gericht. Durch Kompetenzüberschneidungen von Bund, Bundesstaat und Gemeinde und widersprüchliche Gesetze werde die Situation zusätzlich verkompliziert.
„Je näher man an ein bestimmtes Gebiet zoomt, desto unwichtiger wird der Wald“, meint Nitsch. Auf internationaler und nationaler Ebene hat der Schutz des Regenwaldes Priorität. Doch in den Bundesstaaten und vor allem in den Gemeinden, ist die Politik eher an wirtschaftlicher Entwicklung interessiert. „Umweltschutz gilt da eher als Investitionsbremse.“
Die Bundesumweltministerin Marina Silva kommt selbst aus der Amazonasregion und ist die Tochter von einfachen Gummizapfern. An ihr hing die Hoffnung, dass sie die Politik in Amazonien zugunsten des Regenwaldes verändern würde. „Es hat sich wenig mit der Regierung Lula verändert“, sagt Manfred Nitsch. Dies liege aber vor allem an der institutionellen Schwäche des Umweltministeriums. „Die Ministerin schafft es ganz gut, sich gegen die stärkeren Wirtschafts- und Entwicklungsministerien durchzusetzen.“ Für seine zweite Legislaturperiode hat Staatspräsident Luis Inácio Lula da Silva angekündigt, besonders das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Die Opposition schlachtete die Tatsache aus, dass in Lateinamerika lediglich Haiti ein niedrigeres Wachstum im letzten Jahr vorwies als Brasilien. Dies macht es für das Umweltministerium in Zukunft noch schwerer, umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung durchzusetzen. Wenn die Wirtschaft heute brummen soll, interessieren sich nur wenige für die Folgen in der Zukunft – das ist in der Politik wenig anders als beim Goldrausch in Apuí.

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