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Große Diebe, kleine Diebe

Schon Bertolt Brecht ließ in der „Dreigroschenoper“ den Kleinganoven Mackie Messer philosophieren: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Heute bietet der Turbokapitalismus Spekulanten aller Länder ungeahnte Möglichkeiten. Geldströme werden per Mouseklick aus einem Land abgezogen oder in Sekundenbruchteilen von einer Steueroase zur Nächsten verschoben. Bankencrashs gehören da zu den „Kollateralschäden“. Gerade in Lateinamerika, das in den letzten Jahren von diversen Finanzkrisen gebeutelt wurde, kocht immer wieder das Fass der Wut über. Verarmte MittelschichtlerInnen gehen, wie jüngst in Argentinien, mit Kochtöpfen und Trillerpfeifen auf die Straße und klagen ihre verlorenen oder eingefrorenen Sparguthaben ein. Und sicher hat schon mehr als einer von ihnen, während er vor verrammelten Kassenschaltern Schlange stand, die Phantasie gehabt: Wie wäre es, den Tresorraum zu stürmen und sich das verlorene Geld einfach zu holen – und noch ein bisschen mehr?
Jetzt kommt eine rasante, vor Ironie und Temperament übersprudelnde Bankräuberkomödie in die Kinos, die ausgezeichnet zur gegenwärtigen Stimmung in Lateinamerika passt. Bereits 1999 drehte der gebürtige Argentinier Alejandro Saderman in seiner Wahlheimat Venezuela den Film 100 años de perdon, der jetzt unter dem Titel Große Diebe, kleine Diebe ins Kino kommt. Zu Beginn besingt ein Merengue die alte venezolanische Volksweisheit: „Der Dieb, der einen Dieb bestiehlt, verdient 100 Jahre Pardon“. Die „kleinen Diebe“, das sind in Sadermans Film Horacio, Valmore, Rogelio und Vicente, vier Jugendfreunde in den Vierzigern, die nach einem Bankencrash vor den Scherben ihrer gutbürgerlichen Existenzen stehen. Einen von ihnen, Horacio, hat es besonders getroffen: Er verliert nicht nur seine Ersparnisse, sondern ist auch noch seinen Job als Bankmanager und seine an Luxus gewöhnte Ehefrau los. Entsprechend sinnen Horacio und seine Freunde auf Revanche. Sie wollen „ihre“ Bank überfallen und mit dem Geld ins Ausland türmen. Mit gefälschten Dokumenten verschaffen sie sich Zutritt ins Bankgebäude. Ihr Trick: Sie geben sich als geheimes Sonderkommando der Staatsanwaltschaft aus, das die Bank unter Zwangsverwaltung stellen soll. Und da solche Aktionen in Venezuela an der Tagesordnung sind, folgen auch alle Angestellten brav den Anweisungen – bis auf den Oberbuchhalter, der gerade dubiose Transaktionen am Computer tätigt. Doch als die Bankräuber sich dem Tresorraum nähern, kommt der Schock: Andere waren vor ihnen da. Die Videoaufnahmen der Überwachungskamera bringen an den Tag, wer da bei Nacht und Nebel die Dollarscheine säckeweise hinaus getragen hat.
Große Diebe, kleine Diebe gewinnt im Laufe der Handlung immer mehr an subversivem Charme. Kommen die vier Bankräuber in spe zu Beginn noch als fade Jedermänner daher, die ihre Zeit mit Selbstmitleid, Tischfußballspielen und müden Zoten totschlagen, steigern sie sich im Laufe einer Nacht in die Rolle moderner Robin Hoods hinein. Denn als auffliegt, welche Hintermänner die Bank systematisch in den Ruin treiben, fliegen den Amateurkriminellen nicht nur die Herzen einiger ihrer Geiseln zu. Auch draußen vor dem Bankpalast, wo sich hinter Polizeikordons und Scharfschützenstellungen eine Menschenmenge zusammenrottet, brandet immer wieder Szenenapplaus auf. Bei Venezuelas Publikum war Kleine Diebe, große Diebe übrigens ein großer Erfolg. Kein Wunder: Allein bei dem letzten Bankencrash Mitte der Neunziger verloren dort zwei Millionen Menschen ihre gesamten Ersparnisse. Ein riesiges potenzielles Publikum also für diese sympathische Rachephantasie.

Große Diebe, kleine Diebe (Cien años de perdon) Venezuela 1999. 99 Minuten, Farbe, bundesweiter Start am 21. März.

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