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Guerilleros im Festivaldschungel

Aus Argentinien waren die Filme “Moebius” und “Picado Fino” zu sehen – interessanterweise beides Low-Budget-Produktionen von FilmhochschulabsolventInnen. Beide Filme bedienen sich einer kühlen, verrätselten Ästhetik, um labyrinthische Innenwelten metaphorisch widerzuspiegeln, die ihre äußere Entsprechung in den abweisenden Fassaden moderner Stadtlandschaften finden, “Moebius”, ein physikalisch-philosophisch angehauchter Thriller, spielt zum größten Teil im U-Bahnsystem von Buenos Aires: Ein junger Topologe erhält den Auftrag, einen im Untergrund verschollenen Zug zu suchen und taucht in doppeltem Sinne immer weiter ab. Thomas, der 18jährige Protagonist von “Picado Fino” (“Weißes Pulver”) zirkuliert dagegen rast- und schlaflos durch die abgewrackten, von Verkehrzeichen und rätselhaften Symbolen dominierten Straßen einer tristen Industriestadt, verschlingt “Ulisses” von James Joyce und träumt davon, in den Norden abzuhausen. Esteban Sapirs collagenhafter Schwarz-Weiß-Film ist ein Trip auf der Kippe zwischen surrealem Witz und bedeutungsschwangerer Überfrachtung. In beiden Filmen findet sich der politische Impetus, der vor 30 Jahren das Neue Lateinamerikanische Kino prägte, allenfalls in Form verrätselter Spurenelemente wieder: So betont das Studentenkollektiv von der Universidad del Cine in Buenos Aires, das “Moebius” inszenierte, das Verschwinden des U-Bahnzuges sei eine Metapher für das Verschwinden von Menschen während der Militärdiktatur.
Im Gegensatz zur Epoche der Militärdiktaturen ist es heute der ökonomische Druck des “freien Marktes”, der das Filmschaffen in fast ganz Lateinamerika gnadenlos kleinhält. Von Argentinien und Brasilien abgesehen sieht die filmerische Landkarte des Kontinentes zur Zeit recht finster aus: Die Filmproduktion Mexikos, traditionell neben Brasilien, Argentinien und Kuba das vierte wichtige Kinoland auf dem Kontinent, ist seit dem “Tequila-Crash” vor gut zwei Jahren wirtschaftlich sehr angeschlagen. Der kubanische Film liegt ebenfalls seit Jahren aus den allseits bekannten ökonomischen Gründen weitgehend brach. Wenn größere Filme entstehen, dann fast immer als Koproduktion mit dem Ausland. So plant zur Zeit der kubanische Regisseur Daniel Díaz Torres (“Alicia im Ort der Wunder”) einen Film in Zusammenarbeit mit einer deutschen Produktionsfirma. Aus den anderen lateinamerikanischen Ländern, wo die Filmindustrie noch kleiner und krisenanfälliger ist als in den vier oben genannten Fällen, wurden nach Angaben der Programmgestalter vom Internationalen Forum des jungen Films nur wenige Bewerbungen eingereicht.

Das neue Cinema Novo Brasiliens

Dank eines neuen Fördersystems, das seit 1995 in Kraft ist, gelingt es dem brasilianischen Film allmählich, sich von dem kulturellen Kahlschlag zu erholen, den die Amtszeit des Neoliberalen Collor de Mello hinterließ. Der hatte nämlich 1990 unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung das staatliche Institut Embrafilme aufgelöst und nebenbei sämtliche Filmförderungsgesetze liquidiert. Für das brasilianische Kino eine Katastrophe. Die Filmproduktion sank zwischen 1990 und 1994 fast bis auf den Nullpunkt, viele Projekte mußten für Jahre auf Eis gelegt werden.
Erst in den letzten zwei Jahren ist durch eine neue Filmförderungspolitik wieder Leben und Dynamik in die brasilianische Kinoszene gekommen. Zum einen richteten das Kulturministerium sowie mehrere Bundesländer Filmförderungsfonds ein, deren Volumen im vergangenen Jahr umgerechnet 120 Millionen Mark umfaßte. Des weiteren wurde 1995 ein neues Filmförderungsgesetz verabschiedet. Dessen Richtlinien setzen allerdings weniger auf staatliche Unterstützung als vielmehr darauf, steuerliche Investitionsanreize für Wirtschaftsunternehmen zu schaffen, die im Filmbereich investieren. Laut Aussagen des Regisseurs Joao Batista de Andrade sind es zur Zeit allerdings in erster Linie staatliche Unternehmen wie PetroBras, ElectroBras oder RadioBras, die im Filmbereich investieren. Des weiteren erlaubt der Artikel 3 des Audiovisionsgesetzes ausländischen Verleihern, bis zu 70 Prozent der Einkommenssteuer, die sie für ihre Profite aus einem brasilianischen Film entrichten müßten, stattdessen in eine neue einheimische Produktion zu investieren. “Die Guerilleros sind müde” von Bruno Barreto, der als brasilianischer Beitrag im Wettbewerb der Berlinale lief, war der erste Film, der von dieser Klausel profitierte.

Exotismus als grelle Farce

So konzentrierte sich der Blick des Festivalpublikums über den großen Teich also auf Brasilien. – “Ich war nie in Brasilien, weil ich gehört habe, daß dort riesige Schmetterlinge den Leuten das Gehirn auslutschen”, meint die zehnjährige Schottin Yolanda gruselnd, als ihr in dem Film “Carlota Joaquina, Prinzessin von Brasilien” (Carlota Joaquina, Princesa do Brasil”) die unglaubliche Geschichte einer spanischen Infantin aus dem 19. Jahrhundert erzählt wird: Während der napoleonischen Kriege mußte besagte Carlota mit ihrem Gatten, dem debilen portugiesischen Prinzen Joao, in die Kronkolonie Brasilien fliehen. Der Film von Carla Camurati ist eine lustvoll, opulent und schrill inszenierte historische Farce, ein grell kolorierter karikaturhafter Bilderbogen. Der Blick der gekrönten Häupter, die nach langer Überfahrt verlaust am Strand von Rio de Janeiro landen, auf das tropische Völkergemisch ist konsterniert und fasziniert zugleich. Der Film, der in Brasilien zum Kassenschlager wurde, wirft einen bitterbösen, aber gleichzeitig äußerst amüsierten Blick auf die Kolonialgeschichte. Er führt die exotischen Stereotype, die die Europäer auf Brasilien projizierten, vor und kokettiert gleichtzeitig mit ihnen.
Auch “Der Indio Brasiliens” (“Yndio do Brasil”) von Silvio Black, eine Collage aus Dokumentar- und Spielfilmmaterial ist eine schonungslose, aber gleichzeitig humorvoll-unterhaltsame Abrechnung mit Rassismus und Exotismus, romantischer Verklärung der “edlen Wilden” und paternalistischer Zwangsbeglückung.

Von Blinden und Gläubigen

Ganz anders dagegen der Tonfall bei “Der Sertao der Erinnerungen” (“O Sertao dos memorias”). José Araujos Essay über den kargen brasilianischen Nordosten erinnert in seiner intensiven, symbolhaften Bildsprache an Klassiker des brasilianischen Cinema Novo. Gleichzeitig ist das Ganze von einer starr-religiösen, voraufklärerischen Geisteshaltung durchdrungen, die trotz sozialer Kritik weit hinter bereits existierende Filme zurückfällt. Auch bei “Glaube mir” von Bia Lessa, einem bei Workshops auf dem Lande entstandenen Film, der durch die Erzählung “Der Erwählte” von Thomas Mann inspiriert ist , mischen sich paradoxerweise eine experimentierfreudige, poetische Inszenierungsweise und ein krudes Beschwören religiöser und archaischer Elemente. Das Problematische bei beiden Filmen ist nicht, daß sie sich mit einem im Volk verankerten Mystizismus beschäftigen, sondern, daß sie sich unreflektiert und distanzlos hineinfallen lassen.
Bei “Der Blinde, der nach Licht schrie” (“O cego que gritava luz”) fällt ebenfalls die Liebe zum Symbolismus ins Auge: Ein Blinder, der seit Jahren vergeblich nach einem Mörder sucht, ein trauriger alter Geschichtenerzähler, der beim Erzählen eben jener Mordgeschichte regelmäßig die Fassung verliert und nicht mehr weitersprechen kann, ein Seegrundstück, um das vor Jahren ein Kampf zwischen Spekulanten und Landbesetzern entbrannte. Altmeister Joao Batista de Andrades melancholischer Abgesang auf herumirrende Gestalten und ihre gescheiterten Hoffnungen hat starke und intensive Momente. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist die Dramaturgie jedoch so offenkundig, daß man schon blind sein müßte, um nicht den weiteren Verlauf vorauszusehen.
Die stilistische Bandbreite der acht Filme, die das diesjährige Forum präsentiert, ist enorm, die Themenpalette so heterogen wie die gesellschaftliche Topographie Brasiliens. Eine kleine Sensation ist – nicht für brasilianische (Geschlechter)Verhältnisse in der Medienbranche, sondern auch im internationalen Vergleich – daß die Hälfte der in Berlin präsentierten Werke von Regisseurinnen stammen. Keiner der acht Forums-Filme ist von seiner Bildsprache her besonders experimentell, alle scheinen sich – wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund des durch das neue Filmförderungsgesetzes etablierten Vermarktungsdrucks – um ein breiteres Publkum zu bemühen.

Reality-TV ist immer dabei

So bedient sich beispielsweise auch Lúcia Murat in ihrem Film “Süße Mächte” (“Doces Poderes”), der eine intelligente, schonungslose Abrechnung mit den Verflechtungen zwischen kommerziellen Fernsehsendern und korruptem, populistischen Polit-Business darstellt, einer an den Sehgewohnheiten von Fernsehzuschauern orientierten Bildsprache.
Auch bei “Ein Himmel voller Sterne” (Um céu de estrelas”) und “Wie Engel geboren werden” (“Como nascem os angos”), wird die Rolle des Fernsehens nicht gerade positiv dargestellt. Beides sind Großstadtfilme, die Geiselnahmen als Verzweiflungstat zum Thema haben – und immer ist ein geiferndes Reporterteam des Fernsehens sofort zur Stelle. In “Ein Himmel voller Sterne” versucht ein junger Arbeitsloser mit allen Mitteln, seine Ex-Freundin zurückzuerobern. Die Klaustrophobie eines schäbigen Appartments, die eskalierende Haßliebe zwischen den beiden wirde von der jungen Filmemacherin Tata Amaral atmosphärisch dicht inszeniert – mit verwackelter Handkamera und in Echtzeit. Sex and Crime. Die Regisseurin bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Erotisierung von Gewalt und gnadenlosem Blick auf desperates Machotum.

Geiselnahmen und Geschlechterkampf

Bei “Wie die Engel geboren werden” von Murilo Salles schlittern zwei Dreizehnjährige in die Rolle von Geiselnehmern hinein, als sie mit dem flüchtigen Drogenboß ihres Viertel unterwegs sind. Das Kidnapping eines reichen Nordamerikaners und dessen verwöhnter Tochter gerät für beide Seiten zu einer Begegnung der dritten Art, einer Mischung aus Annäherung, Aberwitz und sinnloser Gewalt. Der größte Wunsch der Kidnapperin Branquinha ist, ins Fernsehen zu kommen. Und wie bei “Ein Himmel voller Sterne” tun ihr die Medien den zweifelhaften Gefallen, sind als sensationslüsterne, verständnislose Zaungäste mit von der Partie.
Auch “Die Guerilleros sind müde” (“O que é isso, companheiro?”) von Bruno Barreto, der als brasilianischer Beitrag im Wettbewerb präsentiert wurde, handelt von einer Geiselnahme – allerdings einer politisch motivierten aus der Zeit der Militärdiktatur. Der Film über die Entführung des US-amerikanischen Botschafters Charles Burke Elbrick durch linke Guerilleros 1969 in Rio ist der Versuch, sich mit einem politischen Reizthema auseinanderzusetzen und gleichzeitig “ausgewogen” zu sein. So saßen in der Berlinale-Pressekonferenz der Ex-Guerillero Francisco Gabeira, nach dessen Literaturvorlage der Film entstand, und die Tochter des Entführten gemeinsam auf dem Podium, um den Film zu präsentieren.

Im Schatten von “Mars Attacks”

Auch die größere Präsenz Lateinamerikas auf dieser Berlinale hat noch nichts an der Grundproblematik geändert, daß Filme und Themen aus diesem Teil der Welt inmitten des Berlinalezirkus ein peripheres Dasein führen. Oder, um es netter mit den Worten des Ex-Tupamaro Pepe Mujíca auszudrücken – “man fühlt sich ein bißchen wie ein folkloristischer Blumenstrauß”. Weltbewegende Konflikte wie der Krieg der menschlichen Zivilisation gegen glitschige giftgrüne Alienmonster wie bei “Mars Attacks” – ein der US-amerikanischen Wettbewerbsbeiträge – saugen natürlich weitaus mehr Presse und Publikum an. Oder der bizarre Rummel um den “Hustler”-Gründer und Porno-Veteranen Larry Flynt: Im Kielwasser von Milos Formans kontrovers diskutiertem und schließlich mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film avancierte Larry Flynt für Teile der linksliberalen Kulturschickeria zu einer Mischung aus standfestem Bürgerrechtler und ulkigem Spaßguerillero.
Neben dem uruguaischen Ex-Tupamaro Pepe Mujíca, der eingeladen war, um den deutsch-schweizerischen Dokumentarfilm “Tupamaros” von Heidi Specogna und Rainer Hoffmann vorzustellen, waren dieses Jahr mit Fernando Gabeira und Lúcia Murat, der Regisseurin von “Süße Mächte”, zwei weitere lateinamerikanische Ex-Guerilleros als offizielle Festivalgäste anwesend. Auch wenn diese drei von ihrer Persönlichkeit und ihren derzeitigen politischen Aktivitäten her sehr unterschiedlich sind – siehe LN-Interviews – ist dies doch ein interessantes Zusammentreffen. Einerseits ist es sehr begrüßenswert, wenn ein Filmfestival einem so wichtigen Abschnitt lateinamerikanischer Geschichte wie der Guerilla zu Zeiten der Militärdiktatur ein Forum gibt. Gleichzeitig könnte man auch polemisch sagen “Die Guerilleros sind salonfähig” – zumindest diejenigen, deren bewaffneter Kampf der Vergangenheit angehört und daher den vielbeschworenen “historischen Abstand” ermöglicht. Ob sich die Festivalleitung wohl auch trauen würde, einen Film über aktuellere Entwicklungen in Lateinamerika zu zeigen und dazu jemanden von der mexikanischen EZLN oder der peruanischen MRTA aufs Podium zu bitten? Wahrscheinlich müssen wir aber noch etliche Jahre warten, bis die Botschaftsbesetzung in Lima oder die Lebensgeschichte von Comandante Marcos verfilmt wird. Schade, denn dem wäre bei der Berlinale die Aufmerksamkeit von Presse und Publikum sicher.

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