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Haaröl und Tortillas in der Nase

Der Einstieg ist ungewöhnlich für eine Landesbeschreibung. Nicht Sie, die LeserInnen, betreten Mexiko, sondern Mexiko drängt sich Ihnen in die Nase. Auf eine sinnliche Art und Weise werden die Gerüche von Mexiko-Stadt beschrieben. Beim Lesen glaubt man, sich des süßen Geruchs von Tortillas wieder gewahr zu werden, des Geruchs von Tacobuden an Metro-Stationen, des energisch-tüchtigen, etwas rechthaberischen Geruchs der Eukalyptusbäume, des bittersüßen Geruchs der Abgase von drei Millionen Autos, des warmen Geruchs von Kleidern, Haut, Haaröl und Kölnisch Wasser in der Metro, des Ratten- und Rohrgeruchs, dessen frischer Schuhcreme und frischer Früchte auf den Märkten, des Eiergeruchs, Modergeruchs etc. Die Liste ist unendlich, und so ist es auch nur der Auftakt, zusammen mit der Beschreibung der Geräusche, dem Rufen der fliegenden Händler, der Panflöte des Scherenschleifers…, ein sinnlicher Auftakt also, um die mexikanische Mentalität zu schildern. Die Aussagen der AutorInnen schrammen dabei hart an den Klischees vorbei, die unsere Welt so eindeutig aufteilen in „wir hier“ und „die dort“. Diejenigen von Ihnen, die noch nicht in Mexiko waren, können beim Lesen ihre Vorstellungskraft trainieren und ihre Vorurteile prüfen, denn das Buch ist eine anekdotische Sammlung von Urteilen über den mexikanischen Charakter.

Die Macht der Klischees

Mit einer ironisch-liebevollen Haltung erzählen die AutorInnen von der Sturheit ihres Hausmädchens, die die Kragen von Hemden und Blusen seit Jahr und Tag ab dem drittobersten Knopf plattbügelt. A la Elvis Presley schweben die Kragen danach auf den Schultern, obwohl die AutorInnen immer wieder beteuern, daß sie keine Kreuze, Jaguarzähne oder Goldbarren im Ausschnitt präsentieren wollen. Umsonst! Die AutorInnen versuchen für ein wenig Verständnis zu sorgen: Sie erklären auf eine leicht lesbare und nicht sehr tiefgehende Weise, was passiert, wenn zwei kulturell unterschiedliche Erwartungshaltungen aufeinandertreffen, auf der einen Seite das Bedürfnis nach Entspannung und Urlaub, auf der andern Seite, die Notwendigkeit zum Geldverdienen. Sie beschreiben Situationen die von Unverständnis und Mißtrauen gepägt sind. ¿Nada más, amigo? „Weiter nichts?“ ist wohl die häufigste Frage, die ein mexikanischer Strandkellner seinem zahlungskräftigen Gast stellt. Ein amigo, in den letzten Jahren immer häufiger ein maifrend, ist grundsätzlich jeder potentielle Kunde, sofern er Ausländer ist. Einen wahren Freund nennt ein Mexikaner nicht amigo, denn spricht er jemanden so an, bedeutet das, daß er „den Schamanen auf der Zunge“ hat, daß er „Schönwetter macht“: Er will etwas von Ihnen. Wenn Sie ein Anliegen haben, wird das Gegenüber erst einmal die Hand aufhalten. Mit drei, vier, fünf Mark sind Sie dabei. Der Preuße in Ihnen tut gut daran, nicht nur die Uhrzeit, sondern ebenso sein inneres Maß der Dinge umzustellen. Leichter gewollt als getan! Stellen Sie sich die Zeit als eine amöbenartige Fläche vor, die geheimnisvoll mal da-, mal dorthin wabert. Verabreden Sie sich nie zu einem exakten Zeitpunkt mit einem Mexikaner oder einer Mexikanerin. Sie werden wahrscheinlich entäuscht werden, und nur deshalb, weil MexikanerInnen so schwer „Nein“ sagen können und es nicht übers Herz bringen, ihren Drang nach Exaktheit zu enttäuschen. Sie verstehen zwar nicht im geringsten was Sie mit Eile meinen, aber sie lassen Sie Ihnen. Vergessen Sie ein wenig Ihre gute Erziehung und lernen Sie zu bluffen, zu imponieren und zu tricksen. Das gehört zum Alltag, und zwar ohne Hemmung: Alle tun das. Stark, also im Recht sind Sie, wenn Sie physisch, materiell etwas zu bieten haben oder wenigstens so aussehen. Jeder kann probieren, so zu wirken, und sich auf diese Weise ein wenig Macht verschaffen. Ob es gelingt, entscheidet der Moment. Aber nehmen Sie das Kräftemessen nicht so ernst! Auch Ihr Gegenüber wird Sie wahrscheinlich anerkennend angrinsen, wenn Sie eine Attacke erfolgreich abgewehrt haben. Das ist das eine Mexiko, das laute, das agressive, auf jeden Fall das vorherrschende. Schade nur, daß die AutorInnen bei Ihrer Beschreibung nicht auch das leise, friedliche und so-gar-nicht-zur-Macht-strebende Mexiko erwähnen.
Ob die VerfasserInnen bei ihrer Reise die Klippen der Klischees unbeschadet umschifft haben? Ich sehe sie mit einigen Schrammen im mexikanischen Hafen stranden. Denn leider sind sie jedoch bei der lockeren und herzerfrischenden Art, die Szenerie des Landes zu beschreiben nur an der Oberfläche geblieben. Vielleicht ein Problem, das jeder Reiseliteratur eigen ist. In die Tiefe könne Sie nur selber gehen, und zwar dort vor Ort auf Ihrer eigenen Reise. Wem das verwehrt bleibt, dem bietet die „Gebrauchsanweisung für Mexiko“ als winterliche Bettlektüre immerhin noch Nährstoff für ein Schwelgen in tropischen Gedanken.

Susanne Schwager/Michael Hegglin: Gebrauchsanweisung für Mexiko, Piper Verlag München 1998, 201 S., 28,- DM (ca. 15 Euro)

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