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Hemmungslose Menschlichkeit

Sehnsüchtige Briefe, ungeduldige Briefe, wütende Briefe, überschwengliche Briefe: Tag für Tag bringt Dora herzergreifende Worte zu Papier. Während im Hintergrund die Massen zu den Zügen hetzen und die Central do Brasil in einer gigantischen Kakophonie widerhallt, schreibt sie mit ungerührter Miene nieder, was die Kunden ihr so diktieren: Manche quellen fast über vor Liebe und Lust und entlocken der pensionierten Lehrerin ein müdes Mundwinkelzucken. Andere senden höfliche Worte an ihre Eltern im fernen Pernambuco. Wieder andere tauchen mit ihrem Sohn an der Hand auf und wollen dem Vater des Kindes schreiben, „diesem Arschloch, diesem Säufer“, der vor Jahren aus Rio abgehauen ist und sich nie wieder gemeldet hat. Am nächsten Tag kommen sie an und wollen den ganzen Brief umschreiben. Wie gut, daß die abgebrühte Dora die Post ihrer analphabetischen Kundschaft nicht so ernst nimmt. Viele Briefe gelangen gar nicht in den Briefkasten, sondern werden in der „Fegefeuerschublade“ zwischengelagert. Für Dora und ihre Freundin Irene – beide undefinierbaren Alters und alleinstehend – gehört es nämlich zu den kleinen Vergnügungen des Alltags, Briefe, die sie für unsinnig halten, auszusortieren. Der Hilferuf von Ana an den verschollenen Vater ihres Sohnes Josué fällt auch in diese Kategorie. Wer ist schon so blöd, einem Trinker hinterherzutrauern? – Und wer ist so blöd, dieser unterkühlten Geschäftemacherin zu vertrauen? Der neunjährige Josué ist mißtrauisch: „Woher weißt du, daß sie die Briefe abschicken wird?“ fragt er seine Mutter. Wenige Minuten später ist Ana tot. Ein Bus hat sie überfahren. Unter Schock stehend, irrt der Junge durchs Bahnhofsgelände. Am nächsten Morgen nimmt er seine Kraft zusammen und geht zu Doras Stand: „Ich will einen Brief an meinen Vater schreiben!“ – „Hast du Geld?“

Grenzüberschreitungen…

Josué und Dora: Sie sind nicht gerade ein Traumpaar, der trotzige kleine Bengel und die verhärmte alte Schachtel. Und gerade daraus erwachsen das Spannungsfeld und die Intensität von Walter Salles’ Film „Central do Brasil“. Die beiden sind sich alles andere als sympathisch, aber schlittern in eine Zwangsgemeinschaft hinein. Doras Leben ist festgefahren, Josué steht vor dem Nichts. Das einzige, woran er sich klammert, ist die Hoffnung, seinen Vater zu finden. Deswegen rückt er Dora auf die Pelle, bis die ihn genervt mit nach Hause nimmt. Josués Anwesenheit in dem spartanischen Vorstadtsilo ist Dora unheimlich. Er schnüffelt nicht nur herum und entdeckt auf Anhieb die „Fegefeuerschublade“. Er stellt auch unbehagliche Fragen: „Wo ist dein Mann? Wo sind deine Kinder? Hast du wenigstens einen Hund?“ Das tut weh. Am nächsten Tag verkauft Dora ihn an eine dubiose Adoptionsagentur. Irene ahnt entsetzt, woher ihre Freundin das Geld für den neuen Fernseher hat: „Alles hat seine Grenze, Dora.“ In der Nacht liegt Dora im Bett und hört die Züge vorbei rattern, unerbittlich, einen nach dem anderen. Am Tag darauf entführt sie Josué aus der Agentur. Schweißgebadet sitzt Dora neben ihm im Taxi. Dann geht es mit dem Bus Richtung Nordosten, um den Brief an Josués Vater zu übergeben.

…Fegefeuerschublade…

„Central do Brasil“, der auf der Berlinale mit dem goldenen Bären ausgezeichnet wurde, erzählt von Grenzüberschreitungen und von einer rastlosen und beharrlichen Suche. Ein inneres und äußeres Roadmovie. In den Großstadtsequenzen dominiert die Nahperspektive mit geringer Tiefenschärfe und Weitsicht. Alle rempeln aneinander vorbei. Hektische und verhuschte Horizontalbewegungen, ein permanenter Geräuschpegel, harte Schnitte und staubige Farben. Bei der Busfahrt in den Sertâo beginnt der Blickwinkel sich zu weiten, die Einstellungen gewinnen an Ruhe. Gleichzeitig strahlt die Landschaft etwas Karges und Verlorenes aus. Die Sonne brennt auf Raststätten hernieder, die wie unmotiviert in der Ödnis stehen. Hier und da säumen Zäune, Türmchen mit Heiligenstatuen oder monotone Fertighaussiedlungen den Weg. Ist es möglich, irgendwo anzukommen und etwas zu finden, wenn alles so aussieht, als habe der Zufall es dorthin geschubst? Der freundliche ältere LKW-Fahrer, der Dora und Josué mitnimmt, hat sich offenbar damit abgefunden, den Rest seines Lebens auf der Straße zu verbringen. Als Dora sich ein Herz faßt und auf ihn zugeht, sucht er panisch das Weite. Andere dagegen sind ängstlich darum bemüht, ihr Revier abzustecken. Grandios ist die Szene, als Josué sich der Hütte nähert, wo sein Vater angeblich wohnen soll. Zuerst folgt die Kamera wie im Vogelflug seinen Bewegungen. Josué läuft, läuft immer schneller auf sein Ziel zu. Plötzlich die entgegengesetzte Perspektive. Ein etwa gleichaltriger Junge tritt vom Haus aus ins Bild und schreitet langsam die Zaunpalisaden ab. Die beiden vollführen spiegelverkehrt die gleiche Bewegung, taxieren sich durch die Freiräume zwischen den Holzstäben, mustern sich in stummer Skepsis. Brüder oder Konkurrenten? Aus dieser wortlosen Szene spricht ein intuitives Wissen um die Ambivalenz, die das Herausfinden der Wahrheit in sich birgt. „Dein Vater ist nicht die Person, die du denkst“, warnt Dora den Jungen.

…und die rastlose Suche nach der Herkunft

Aber ist Dora selbst die Person, für die sie sich hält? Fernanda Montenegro, der großen alten Dame des brasilianischen Kinos, gelingt es wunderbar, Doras Metamorphosen nach außen zu tragen (Silberner Bär für die beste Darstellerin!). Die Montenegro ist die schrappige Kleinunternehmerin von der „Central do Brasil“. Sie ist auch das junge, alte Mädchen, das unsicher vor dem Spiegel steht und zum ersten Mal seit Ewigkeiten Lippenstift auflegt. Sie ist die strenge Gouvernante, die Josué ausschimpft, weil er Kekse geklaut hat – und die selbst fünf Minuten später das halbe Ladensortiment in der Tasche mitgehen läßt. Sie ist die genervte Babysitterin und die Hilflose, die sich zusammengerollt im Schoß des kleinen Jungen wiederfindet. Unspektakuläre, aber vielsagende Gesten, kleine Reibereien, bei denen unversehens das Eis bricht. Die hemmungslose Menschlichkeit, die keine Sentimentalitäten scheut, aber nie in Kitsch verfällt, macht „Central do Brasil“ zu einem so bewegenden Film.
Walter Salles erzählt eine archetypische Geschichte so lebendig, als würden Josué und Dora sie Schritt für Schritt neu erfinden. Das Thema – die Suche nach dem Vater, nach der eigenen Herkunft, nach sich selbst – ist wohl so alt wie die Menschheit. Für Lateinamerika, den kolonisierten Kontinent, hat es jedoch eine besondere Bedeutung.
Ob „Die Reise“ von Fernando E. Solanas (Argentinien 1992) oder der ebenfalls auf der Berlinale gezeigte „Eine Chrysantheme explodiert in Cincoesquinas“ (Argentinien 1997): Die Frage der Wurzeln, der Identität treibt viele FilmemacherInnen um. Auch der vorherige Spielfilm von Walter Salles umkreiste dieses Thema. In „Terra Estrangeira“ (Fremdes Land, 1995) haut ein junger Mann aus Sao Paulo ab. Eigentlich will er ins Baskenland, wo seine Vorfahren herstammen. Er strandet jedoch in Lissabon, inmitten einer lebenshungrigen, verzweifelten, gewalttätigen und orientierungslosen Schar von Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien. Im Gegensatz zum melodramatischen Ausgang von „Terra Estrangeira“ ist der Unterton von „Central do Brasil“ wesentlich optimistischer. „Dies hier ist das Ende der Welt“, meint ein junger Mann, dem sie in einem winzigen Dorf begegnen. Aber ausgerechnet da ergeben sich unverhoffte Neuanfänge.

„Central do Brasil“, Brasilien 1997; Regie: Walter Salles, Farbe, 112 Minuten.

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