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Hilferuf per E-Mail

Momentan leben wir in der Gemeinde in großer Angst aufgrund der Bedrohung durch das angekündigte Massaker“, erklärt ein Mitglied der Friedensgemeinde die Lage am Telefon. Am 23. August erhielt die Gemeinde bedrohliche Nachrichten: „In San José haben Leute mitbekommen, wie Polizisten und Armeeangehörige über das geplante Massaker an uns redeten und sie haben diese Information sofort an unsere Gemeinde weitergegeben. Es soll gesagt worden sein, dass die Vorbereitungen dafür fast abgeschlossen seien und dass es so aussehen soll, als ob die Guerilla das Massaker begangen hätte.“

Ständige Aggressionen gegen das Projekt

Es wäre nicht das erste Mal, dass die BewohnerInnen der Friedensgemeinde Opfer organisierter Gewalt werden. Seit ihrer Gründung sind bereits 165 Gemeindemitglieder ermordet worden. Wie schon vorangegangene Drohungen und Angriffe gegen die Gemeinde, steht auch diese neuerliche Aggression im Kontext des militärisch ausgetragenen Konflikts um die Kontrolle über strategisch und ökonomisch wichtigen Regionen Kolumbiens. San José de Apartadó liegt im Nordwesten des Landes in der geopolitisch wichtigen und an Bodenschätzen reichen Region Urabá. Das Modell „Friedensgemeinde“ beinhaltet die Erklärung und Einhaltung strikter Neutralität gegenüber allen bewaffneten AkteurInnen. Damit versuchen sich die Gemeindemitglieder davor zu schützen, in den blutigen Konflikt hineingezogen zu werden. Doch trotz – oder gerade wegen – ihrer militärischen Wehrlosigkeit wird die Friedensgemeinde immer wieder attackiert und war in der Vergangenheit bereits mehrfach Schauplatz brutalster Massaker.
Die Gemeinde sieht in ihrem Projekt den einzigen Weg, inmitten des Bürgerkriegs zu überleben und sich der Vertreibung zu widersetzen. Seit ihrer Gründung ist die Gemeinde aktiv um internationale Solidarität bemüht und konnte sich dadurch zumindest zeitweise eine gewisse Sicherheit verschaffen. Am 24. August sendete die Gemeinde nun per E-Mail einen Hilferuf an die internationale Gemeinschaft, in dem sie auf die neuerliche Bedrohung hinweist.
Bereits am 21. Februar 2005 hatte ein Massaker die neue Phase der Aggression gegen die Gemeinde eingeläutet. SoldatInnen des kolumbianischen Militärs drangen in zwei Weiler der Friedensgemeinde ein. Zwei Familien wurden umgebracht, insgesamt acht Menschen auf bestialische Weise ermordet, darunter zwei Kleinkinder und ein Säugling. Diese Gewalt ist Teil der Terrorstrategie, durch die die Gemeinde zur Aufgabe ihres Projekts und zur Flucht von ihrem Land gezwungen werden soll. „Für die Regierung ist es schon zur Gewohnheit geworden, solche Aktionen durchzuführen und die Schuld daran der Guerilla zu geben“, schreibt die Gemeinde in ihrer E-Mail.
Anstatt den Vorfall vom Februar 2005 untersuchen zu lassen, beschuldigte der kolumbianische Präsident Álvaro Uribe Vélez die Gemeinde zum wiederholten Mal öffentlich der Kollaboration mit der Guerilla und ließ im Hauptort San José einen Polizeiposten einrichten. Die Gemeinde verließ daraufhin den Ort und baute wenige Kilometer entfernt ein neues Dorf, San Josecito. Dort leben derzeit etwa 600 Gemeindemitglieder unter erschwerten infrastrukturellen Bedingungen. Der nun von der Gemeinde befürchtete Angriff ist, wie es scheint, in San Josecito geplant.
Offiziell führt der kolumbianische Staat in Urabá und weiteren Regionen einen „Krieg gegen den Terror“ – das bedeutet gegen die Guerillaorganisationen FARC (Revolutionäre Streikräfte Kolumbiens) und ELN (Nationale Befreiungsarmee). Faktisch geht es allerdings darum, das Land für agrarische und infrastrukturelle Großprojekte zu erschließen.
Nutznießer und Kollaborateure dieser Gewalt sind in vielen Fällen transnationale Konzerne, auf deren Schutzinteressen auch die Gründung der paramilitärischen Gruppen zurückgeht. Viele Regionen Kolumbiens werden mittlerweile politisch und militärisch von Paramilitärs kontrolliert – so auch Urabá, wo der heutige Präsident Álvaro Uribe Vélez Mitte der 90er Jahre das Gouverneursamt inne hatte. Ihm wird vorgeworfen, damals durch seine offene Unterstützung der Paramilitärs für eine massive Militarisierung des Konflikts sowie die Zerstörung zivilgesellschaftlicher Initiativen gesorgt zu haben. Während Uribe heute behauptet, die Region Urabá „befriedet“ zu haben, weisen KritikerInnen darauf hin, dass „Befriedung“ hier systematische Vertreibung und Ermordung der ansässigen Bevölkerung sowie eine gewaltsame Umstrukturierung der Landbesitzverhältnisse bedeutet.
Nach anfänglichen Bemühungen um staatlichen Schutz betrachtet die Friedensgemeinde San José de Arpatadó den Staat mittlerweile als Aggressor. Die katastrophalen Zustände in der Region Urabá werden von der Regierung und der Justiz mindestens durch Unterlassung unterstützt. Verbrechen an der Zivilbevölkerung bleiben entweder unkommentiert, werden ungeprüft der Guerilla angelastet oder als ein „Schlag gegen die Guerilla“ ausgegeben. Nicht selten werden zum Beweis die Leichen ermordeter Bauern und Bäuerinnen vor den Augen ihrer Angehörigen in Guerillauniformen gekleidet oder es werden von den Angehörigen unter massivem Zwang an Ort und Stelle schriftliche „Geständnisse“ erzwungen.

Amnestie für Paramilitärs

Für keines der zahlreichen Massaker an der Zivilbevölkerung von San José wurde jemals ein Verantwortlicher vor Gericht gestellt oder auch nur ein Verfahren eröffnet. Die von der betroffenen Bevölkerung vorgebrachten Gegenbeweise werden kategorisch ignoriert, mehrere ZeugInnen, die in der Vergangenheit vor der Staatsanwaltschaft gegen Angehörige des Militärs oder der Paramilitärs ausgesagt haben, wurden kurz darauf ermordet.
Das im Zuge des Terrors geraubte Land geht in der Regel in die Hände von Angehörigen der Paramilitärs über – nicht selten mit Brief und Siegel der staatlichen Behörden. Bis heute haben sich die Paramilitärs in Kolumbien nach Angaben des kolumbianischen Juristenkomitees mindestens vier Millionen Hektar Land gewaltsam angeeignet. Dieser massive Landraub wird derzeit auf der Basis des von Präsident Uribe initiierten „Gesetzes für Frieden und Gerechtigkeit“ in großem Stil legalisiert. Das Gesetz, das offiziell eine „Reintegration“ der illegalen bewaffneten Gruppen in das zivile Leben ermöglichen soll, sorgt faktisch für eine Generalamnestie der Paramilitärs. Bis hinauf zur UNO Menschenrechtskommission stieß das Gesetz auf breite internationale Empörung und wird von unabhängigen JuristInnen offen als Farce bezeichnet.
Auch die anhaltenden Aggressionen in San José de Apartadó scheinen im Kontext der Landfrage zu stehen. So berichtet die Gemeinde, dass Paramilitärs bereits Mitte August den BewohnerInnen von San José mitteilten, dass sie ihr Land verlassen oder verkaufen müssten, weil sie dieses für ihre eigenen Zwecke benötigten. Ebenso versuchten SoldatInnen von den Gemeindemitgliedern illegale Steuern zu erpressen, die für den Bau von Militärbasen in den Gemeinden genutzt werden sollten. „Sie wollen sich unserer Ländereien bemächtigen, um ihre großen Wirtschaftsprojekte durchzuführen“, heißt es in der E-Mail. „Deshalb müssen sie uns vertreiben und umbringen.“ Außer der Bitte um Solidarität bleiben den BewohnerInnen indes kaum Möglichkeiten, sich zu schützen. Sie hoffen, dass nationale und internationale Gruppen Druck auf den Staat ausüben, damit er seine Drohungen und Aktionen in Zusammenarbeit mit den Paramiliärs einstellt.

Webseite der Friedensgemeinde
San José de Apartadó:
www.cdpsanjose.org
Materialsammlung zu San José:
http://kanalb.org/san-jose
Fotos aus der kanalB Kurzdoku „San José de Apartado“ von Contravía/zen; 2006, deutsch, 29 min; 3.2.2006

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