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Hinterwäldler in der Stadt

1910 hatte São Paulo weniger als 500.000 Einwohner_innen, heute zählt die Stadt mit Vororten zu den größten Ballungszentren der Welt. Die meisten der Bewohner_innen der Stadt sind Arbeiter_innen. Woher kamen diese ganzen Menschen?
In Mama, es geht mir gut erzählt Luiz Ruffato von der ersten Generation der städtischen Arbeiter_innen in Brasilien. Es ist der erste Band seiner fünfteiligen Romanserie mit dem Titel Provisorische Hölle (inferno provisório), die von 2005 bis 2011 entstand. Sie behandelt die Geschichte des brasilianischen Proletariats von den 1950er Jahren bis heute aus deren Sicht.
In diesem ersten Buch, das nun auf Deutsch vorliegt, beschreibt Ruffato den Exodus vom Land in die Stadt. Die Handlung spielt in den 1940er bis 1960er Jahren. Im Zentrum steht ein Tal in der Nähe der Kleinstadt Cataguases, Ruffatos Geburtsort, im südlichen Minas Gerais.
In jenem Tal leben die Familien der Bicios, der Spinetto, der Finetto und der Benvenutti; alles italienische Einwandererfamilien, die Ende des 19. Jahrhunderts dort angesiedelt wurden, um die gerade „befreiten“ Sklaven zu ersetzen. Die Großelterngeneration dieser Familien hatte das Tal gerodet. Auf ihren kleinen Farmen schufteten sie mit brutaler Härte gegen sich selbst und die eigene Familien. Die vielen Kinder waren „ein Mund mehr zu ernähren“, aber später auch „zwei Hände mehr“ bei der Arbeit. Ihre einzige Hoffnung war, dass „das alles bald vorbei ist“ und man auf dem Friedhof Cataguases Ruhe findet. Dennoch hegen die Großväter einen irrationalen Stolz auf ihre Ehre und ihren Namen, der sich unberechenbar in Gewalt entladen kann, oft sexualisiert oder rassistisch und insbesondere, wenn sie betrunken sind. Ihre Nachfahren müssen sich gegen sie behaupten, und die einzelnen Individuen gehen unterschiedliche Wege. Manche rebellieren, andere werden LKW-Fahrer, Priesterschüler, Sekretärin oder Textilarbeiter_in; andere versuchen die Farmen fortzuführen. Doch die Enkel_innen verlassen alle das Tal, und versuchen als Arbeiter_innen ihr Leben in der Stadt zu bestreiten. Sie hören auf, italienisch zu reden. Ihre Namen, die einst einen bestimmten Ort bezeichneten, verschwinden in der Anonymität des urbanen Proletariats. Das Tal wird wieder vom Busch überwuchert.
Schilderungen der Härte und Brutalität des Landlebens haben in der brasilianischen Literatur Tradition. Anders aber als in klassischen Werken wie etwa Grande Sertão: Veredas von Guimarães Rosa von 1956 wird hier die ländliche Welt nicht als ahistorische Konstante mythologisiert. Ruffato sieht das Land dynamisch, zudem ist sein Erzählstil alles andere als klassisch.
Ruffato stellt radikal die Subjektivität der Protagonist_innen in den Vordergrund. Der Text besteht aus Fragmenten, den letzten Gedanken vor dem Tod, Erinnerungsfetzen, Erzählungen, manischen Phantasien, inneren Monologen. Die Dialoge werden immer wieder unterbrochen von Gedankenströmen. Häufig endet abrupt ein Gedanke bevor er zu Ende formuliert ist und verschwindet im Unbewussten. Meist ist nicht sofort klar, wer gerade spricht. Typographisch und mit Titeln werden die Erzählstränge voneinander abgegrenzt. Dies macht die Lektüre recht anspruchsvoll, aber nicht weniger hypnotisierend. Luiz Ruffato ist ein außergewöhnlicher, ein großartiger Roman über den Exodus der brasilianischen Landbevölkerung in die Städte gelungen, der exzellent übersetzt wurde. Man kann sich auf die nächsten Folgen der Serie freuen.

Luiz Ruffato // Mama, es geht mir gut // Assoziation A // Berlin 2013 // 160 Seiten // 18 Euro // www.assoziation-a.de/

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