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„HIV-positive Hetero-Männer tun sich noch sehr schwer”

Herr Murillo, wie bewerten Sie heutzutage die Versor­gung mit AIDS-Medikamenten in Costa Rica, auch im Vergleich zu anderen Ländern Zentralamerikas?

Das Gesundheitssystem Costa Ricas ist im Vergleich zu anderen Ländern der Region vorbildlich. Hier garantiert der Staat allen Bürgern den kostenlosen Zugang zu Medikamenten. Das System basiert auf drei Säulen: Solidarität, Universalität und Qualität. Das bedeutet, dass der Staat darauf zu achten hat, zu bezahlbaren Preisen die Behandlung aller in Costa Rica lebenden kranken Menschen zu gewährleisten. Diese Prinzipien des Gesundheitswesens haben dazu geführt, dass nach unserem Erfolg vor dem Verfassungsgericht alle HIV-positiven Menschen Anspruch auf medikamentöse Behandlung haben, ins­gesa­mt etwa 1.000. Nicaragua und Guatemala haben nach ähnlichen Gerichtsentscheiden nur denen Medi­ka­mente zur Verfügung gestellt, die auch geklagt hatten. Aber auch in Costa Rica mussten wir lange dafür kämpfen. Es gab zähe Verhandlungen mit den staatlichen Stellen und den Pharmaunternehmen. Keine Regierung Lateinamerikas hat je freiwillig AIDS-Medi­kamente zur Verfügung gestellt. Und auch in Costa Rica sind bis zu unserem Erfolg vor Gericht viele Menschen gestorben, obwohl es Medikamente gab.

Welche Medikamente kommen im costaricanischen Gesundheitssystem zum Einsatz, vorwiegend Originalpräparate oder kostengünstigere Nachahmeprodukte, so genannte Generika?

Costa Rica setzt derzeit etwa zu 70 Prozent auf Ge­nerika und zu 30 Prozent auf Markenprodukte. Das gewährleistet für die allermeisten Krankheiten, dass alle Patienten versorgt werden können. Gerade anhand AIDS lässt sich zeigen, wie sehr der Einsatz von Generika den Gesundheitsetat entlasten kann. Vor zehn Jahren, als es nur Originalpräparate gab, kostete die AIDS-Therapie pro Patient und Jahr mehr als 10.000 US-Dollar, für die meisten Länder ist dies unbezahlbar. Noch im Jahr 2000 musste Costa Rica sieben Millionen US-Dollar aufwenden, um Tausend AIDS-Patienten zu versorgen. Das verschlang 12 Prozent des gesamten Gesundheitsetats für vier Millionen Menschen. Durch den konsequenten Einsatz von Generika ist das heute anders: Heute versorgen wir mehr als doppelt so viele Menschen und der Haushaltsposten ist um zwei Drittel gesunken.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) kritisiert Freihandelsabkommen wie CAFTA, da die vor allem von den USA hineingeschriebenen Patent­rechts­regelungen den Einsatz von Generika erschwerten. Auch Sie haben mehrfach diese Regelungen beanstandet. Können Sie Ihre Kritik kurz resümieren?

Das Problem mit CAFTA sind neue Medikamente. Wieder das Beispiel AIDS. Es werden ständig neue Kombonationspräparate entwickelt. Sie sind wirksamer und besser verträglich. Aber sie sind auch nötig, weil immer neue Virustypen auftauchen und sich Resistenzen gegen die Wirkung bestehender Medikamente bilden. Generika aus diesen neuen Präparaten dürfen mit CAFTA nicht mehr verwendet werden. Denn CAFTA schützt über einen langen Zeitraum die klinischen Daten. Das bedeutet, dass ein Land wie Costa Rica wieder verstärkt Originalpräparate einkaufen muss. Damit werden die Behandlungskosten wieder emporschnellen. Aber es geht nicht nur um AIDS: Wir werden auf breiter Front eine Verteuerung der Medikamente bekommen und damit steht unser Gesundheitssystem als ganzes in Frage. Das gilt auch für die Erfolge von MSF in Guatemala. Sie haben ja gerade erst dem Staat ihr Medikamentenprogramm übergeben. Aber die 300 US-Dollar, die MSF bislang pro Patient und Jahr aufgewendet hat, sind mit CAFTA nicht zu halten. Deutliche Kostensteigerungen werden dazu führen, dass der guatemaltekische Staat aus der Medikamentenversorgung AIDS-Kranker wieder aussteigt.

Waren früher vorrangig Schwule von AIDS betroffen, verzeichnet ganz Lateinamerika einen steilen Anstieg von Frauen mit HIV, die heute fast 50 Prozent der Neuinfektionen ausmachen. Wie hat das die Arbeit der AIDS-NGOs verändert?

Bis vor ein paar Jahren waren wir fast ausschließlich Schwule, die für ebenfalls überwiegend schwule Patienten gekämpft haben. In dem Maße, wie sich in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen infizierten, stieg auch ihr Anteil in NGOs wie der unseren. Das war anfangs etwas schwierig, weil Frauen uns Schwulen oft mit Distanz oder gar Angst begegneten. Aber auch wir Schwulen mussten uns auf Neues einstellen. Zum Beispiel auf Kinder. Die Frauen haben recht schnell ihre eigenen Untergruppen gegründet und sich zu Sitzungen und Workshops getroffen. Viele sind Mütter und haben natürlich ihre Kinder mitgebracht. Und wir Schwule haben dann während ihrer Treffen die Kinder betreut. Das hat viel Verständnis und Vertrauen geschaffen. Für uns Schwule was das Thema AIDS und Familie immer das Thema „Patient und Eltern“. Heute gibt es Kinder von HIV-Patienten, die zum Teil ebenfalls positiv sind. Die psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen von AIDS in der Familie sind also heute schwerer und vielfältiger. Die Frauen und auch die heterosexuellen Männer profitieren von unserer Erfahrung und wir Schwule konnten ein bisschen aus unserer Minderheitenrolle schlüpfen. Dabei ist in Costa Rica die Anzahl von infizierten Frauen noch relativ niedrig. In Honduras zum Beispiel gibt es in der Umgebung von US-Militärbasen viel Prostitution und dadurch hohe Infektionsraten unter Frauen und in Familien. Die Selbsthilfegruppen hier sind von sehr engagierten Frauen dominiert, mit denen wir ebenfalls seit Jahren eng zusammenarbeiten.

Engagieren sich auch HIV-positive heterosexuelle Männern vermehrt im Kampf gegen AIDS?

HIV-positive Hetero-Männer tun sich noch sehr schwer. Einerseits haben sie Angst, für schwul gehalten zu werden, andererseits verunsichert es sie zu sehen, dass Schwule und Frauen die Initiative ergreifen und in der Öffentlichkeit ihr Gesicht hinhalten, wenn es um AIDS geht. Aber auch das wird sich geben. AIDS wird mehr und mehr als gesamt­gesell­schaft­liches Problem wahrgenommen und wir Schwu­len als Teil der Gesellschaft. Das ist sehr positiv. Traurig ist, dass es dazu eine Krankheit wie AIDS brau­chte und dass bis heute so viele Freunde, Verwandte und Mitstreiter sterben mussten.

Auch Costa Rica bekommt Gelder aus dem Global Fund zur Bekämpfung von Krankenheiten wie AIDS, Tuberkolose und Malaria. Sie haben die Regierung ihres Landes heftig für den Umgang mit diesen Geldern kritisiert.
Warum?

Erstens, der Global Fund hat den Medikamentenzugang in einigen Ländern stark verbessert. Das ist zum Beispiel in Honduras der Fall. Costa Rica aber droht die Rückforderung eines großen Teils der Mittel, weil die Gelder zwar angekommen sind, aber nicht verwendet werden. Zum Beispiel sollen fünf NGOs, so auch unsere, Geld für Präventionsprojekte bekommen. Wir haben längst mit der Arbeit begonnen, aber die Regierung gibt seit einem Jahr das Geld nicht frei. Drei NGOs mussten bereits ihre Arbeit einstellen und auch unsere Situation ist prekär. Dabei ist die Prävention gerade hier so unglaublich wichtig! Ich befürchte daher, dass die Zahl von Neuinfektionen in den nächsten Jahren steil ansteigen kann und das wird die breite Bevölkerung treffen.

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