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Hoch oben über der Stadt

Es mag Zufall sein, ist aber vor allem eine erfreuliche Gelegenheit: Binnen kurzer Zeit sind vier Bücher erschienen, in denen Schriftsteller, die in Medellín geboren wurden und aufgewachsen sind, über ihr Leben in dieser zweitgrößten Stadt Kolumbiens schreiben. Mehr oder weniger verfremdet, mit je ganz eigenem Ziel und Herangehen, erlaubt gerade die zusammenhängende, zurückblätternde, vergleichende Lektüre der vier Texte, dass sich ein ganz eigenes Bild dieser Stadt herausschält. Wie stets, wenn es sich um gute Literatur handelt, soll das Bild mehr sein als das, was explizit erzählt wird – ein Anspruch, der von Memo Ánjel, Tomás González, Héctor Abad Faciolince und Fernando Vallejo sehr unterschiedlich eingelöst wird.
Fernando Vallejo ist ein Phänomen. Seine autobiographisch geprägten Romane – übersetzt waren bisher bereits Die Jungfrau der Mörder und Der Abgrund – zeigen einen feinsinnigen, hochgradig selbstreflexiven Ich-Erzähler, der sich einer angeblich verroht-verrotteten Gesellschaft gegenübersieht. Letztere verabscheut dieser Erzähler zutiefst, und zwar umso mehr, je weiblicher, schwärzer und ärmer sie ist. Dieses einigermaßen absehbare Wechselspiel findet sich auch im zuletzt erschienenen, aber im Original bereits aus dem Jahre 1985 stammenden Buch Blaue Tage: Differenziert und melancholisch bei sich und der eigenen Familie, lächerlich pauschal in der Verachtung der anderen, stilistisch beileibe nicht immer souverän und mit, sagen wir es vorsichtig, manchmal schwer erkennbarem Spannungsbogen – Fernando Vallejo ist ein mittelmäßiger Schriftsteller mit einfältiger Botschaft. Und doch wird er gelobt wie selten ein Latein­amerikaner in den letzten Jahren, er wird 2003 mit dem wichtigen Preis Premio Rómulo Gallegos ausgezeichnet, das gehobene Feuilleton findet ihn großartig. Was läuft da schief?
Vallejo bietet allen, die von der Komplexität der lateinamerikanischen Probleme zwischen schwierigen Umständen, Selbst- und Fremdverschulden die Nase voll haben, dankenswert einfache Erklärungen an. Wir kennen diese Erklärungen, weil sie für unsere eigenen großkotzigen Vorväter noch galten: Die Menschen in Ländern wie Kolumbien sind korrupt, faul, bösartig, gedankenlos, sie nehmen sich, was ihnen nicht gehört, missbrauchen jedes Vertrauen, kein Wunder also. Wer so etwas in der Öffentlichkeit sagt, macht sich aus gutem Grund unmöglich. Aber erstens schreibt Vallejo ja Literatur, und da geht das angeblich doch. Und zweitens bietet er bei seinem Rundumschlag Gegner auf, bei denen mancher Leser – der eine bei den Ärzten, der andere bei der Polizei – zustimmend mit dem Kopf nicken wird. Wenn es etwa gegen die katholische Kirche geht, findet die Neue Züricher Zeitung das so überzeugend, dass sie ihre Rezension mit „Bestien in schwarzer Soutane“ betitelt – voilà. Sätze wie den folgenden zitiert man, da könnte es ja schwierig werden, hingegen lieber nicht: „Die Arbeiterinnen – mager, blaß, zahnlos – sind nicht einmal zur Verwurstung geeignet, geschweige denn dazu, als Fleisch der Lust zu dienen.“
Zugegeben: So ausfällig faschistoid, wie Vallejo in Die Jungfrau der Mörder und Der Abgrund gegen ganz normale und vor allem eben gegen strukturell benachteiligte Leute zur Sache ging, haut er in Blaue Tage nur selten drein. Vallejos Stärken hingegen treten in diesem Buch öfter als sonst zutage – etwa wenn er vom Beginn der violencia, der Gewaltwelle in Kolumbien ab 1948 erzählt, da war er sechs Jahre alt. Als Kind einer Familie von Konservativen hat er zwar die Zweiteilung der Welt in Rot und Blau schon übernommen, aber dann beginnt das große Gemetzel, und „die Flüsse füllten sich mit Enthaupteten: für jede Leiche eines Konservativen, die ohne Kopf dahintrieb, trieb ein enthaupteter Liberaler dahin. Die Geier, die apolitisch waren, genossen das Bankett der Neutralität und hockten auf den einen wie den anderen.“ Vielleicht ist auch dies eine Erklärung für das Phänomen Vallejo: Dass, wer ihn schätzt, solche Sätze lesen will und in der Lage ist, die nicht annehmbaren zu ignorieren.
Héctor Abad Faciolince kann als strikte Widerrede zu Fernando Vallejo gelten. Der 1958 geborene Journalist und Schriftsteller hat mit Brief an einen Schatten ein durch und durch menschenfreundliches Buch geschrieben. Dabei hätte es auch für ihn genügend Grund gegeben, alle Hoffnung fahren zu lassen: Es ist der Erinnerung an seinen Vater, den Arzt und Politiker Héctor Abad Gómez, gewidmet, der am 25. August 1987 in Medellín von Paramilitärs erschossen wurde.
„Wir sind schon das Vergessen, das wir werden“ – diese erste Zeile eines Gedichts von Jorge Luis Borges gab dem Buch im Original den Titel (El olvido que seremos) und steht leitmotivisch über dem ganzen Vorhaben. Dass das Vergessen schon mit dem Leben einsetzt und mit dem Tod nur vertieft wird, müssten wir zwar akzeptieren, so Abad am Ende des Buches, aber es mag, indem man dagegen anschreibt, „für einige Momente aufgeschoben werden“.
Dieser Héctor Abad Gómez muss ein eindrücklicher Mensch gewesen sein. Wenn Héctors Sohn ihn als innig geliebten Vater vielleicht etwas idea­lisiert, ist das seiner verwandtschaftlichen Perspektive geschuldet, und er räumt das ausdrücklich ein. Aber wer so energisch wie er sozialmedizinische Standards wie sauberes Trinkwasser, Versorgung der Kinder mit Milch und Hygiene durchsetzen will, wer sich für inhaftierte Befreiungstheologen einsetzt und die gesellschaftliche Ausgrenzung in Kauf nimmt, wer sich schließlich in den achtziger Jahren in die politische Arena wirft, um das Land nach links aus dem Krieg führen zu helfen, der verdient ein Denkmal. Dabei ist dieses Buch deutlich mehr als eine persönliche Würdigung eines Mannes oder das Porträt einer bestimmten Fraktion im Medelliner Bürgertum: Es ist ein Plädoyer für ziviles Engagement auch unter schwierigen Bedingungen, eine Streitschrift für einen leidenschaftlichen Lebensentwurf, der Widersprüche in Kauf zu nehmen und zu bearbeiten bereit ist.
Gerade dieses Letzte unterscheidet Héctor Abad Faciolince und Fernando Vallejo fundamental voneinander. Aber beide kennen sich gut, und beide schätzen denselben Medelliner Philosophen: Fernando González. Dass dieser wiederum der Onkel des Schriftstellers Tomás González ist, führt uns zu dessen Medellín-Roman Die Teufelspferdchen.
Hier kauft sich Aníbal, ein Mittdreißiger aus Medellín, eine Finca oberhalb der Stadt und verlagert nach und nach sein gesamtes Leben in dieses Grundstück. Er baut das Haus um, pflanzt Kaffee, legt einen üppigen Garten an, verstärkt die Zäune und Mauern und schottet sich so sehr ab, dass am Ende niemand mehr weiß, was dort oben eigentlich vor sich geht. Im Grunde ist das schon die Handlung – ein ganz typisches Werk für Tomás González. Ob in Horacios Geschichte, in Am Anfang war das Meer oder nun in Die Teufelspferdchen: Immer kreist er um die Frage, wie ein selbstbestimmtes, freies Leben unter den gegebenen Umständen möglich ist. Stets erzählt er dies als einfache, knappe Geschichte, die nicht als Parabel, nicht exemplarisch daherkommt, sondern als individueller Weg konkreter Menschen wahrgenommen werden will. Und im günstigsten Fall zur Selbstbefragung anregt.
Medellín ist hier „das Andere“, der Moloch, aus dem Aníbal flieht und auf den er nur von oben herunterschaut: auf den „stinkenden Fluss im Zementbett“, auf die „Betonwüste“, wo „Menschen in den Cafés über ungedeckte Schecks, Renditen, Prozente“ reden. Das Paradies stellt sich auf der Finca dennoch nicht ein, oder zumindest: Wir können es nicht als solches erkennen.
Der Roman hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: präzise, hochpoetische Bilder hier, eine Überfülle an nebensächlichen Handlungsdetails dort – als habe das Lektorat zu wenig genau gelesen, oder der Autor habe sich eines schwierigen Textes entledigen wollen, ohne ihn schon ganz bewältigt zu haben. Das Buch lehnt sich, wie Übersetzer und Herausgeber Peter Schultze-Kraft weiß, genau wie die anderen Bücher von Tomás González sehr konkret an die Lebensgeschichten einzelner Familienmitglieder an. Anders als in den beiden vorigen Romanen spürt man dies hier als Mangel, als Unausgereiftheit – was hinter den sonstigen Qualitäten jedoch zurücktritt.
Mit Mindeles Liebe schließlich setzt der 1954 in Medellín geborene Memo Ánjel seinen Erfolgsroman Das meschuggene Jahr fort. Wie bei Vallejo, Abad Faciolince und González findet sich auch hier die eigene, literarisch geformte Familiengeschichte im Zentrum. Hatte Das meschuggene Jahr die Familie des dreizehnjährigen Erzählers noch auf ihrem langen Weg nach Jerusalem begleitet, auf einem Weg, der sich vor allem in den eigenen vier Wänden abspielte und in so manchen skurrilen Situationen gipfelte, so ist man nun aus Jerusalem zurück, und das Leben geht weiter.
Im Mittelpunkt steht Mindele, eine junge Frau aus befreundeter Familie. Sie heiratet einen gewissen Reuvén Toledo, ohne dass sich die beiden wirklich lieben würden. Aus der Perspektive des immer noch kindlichen Erzählers und seiner Schwestern, denen die eigenen Eltern in Liebesdingen wenig Anschauliches geboten haben, erleben wir diese Ehegeschichte zwischen Mindele und Reuvén als ein Drama mit, das den Mikrokosmos des jüdischen Medellín anfangs nicht zu überschreiten, sondern ihn in seiner liebenswerten Schrulligkeit geradezu idealtypisch abzubilden scheint. Als jedoch deutlich wird, dass sich beide nicht mit der Anstandsehe abfinden, sondern nach echter Erfüllung suchen wollen, sind die konventionsfreudigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Medellín herausgefordert. Es gelingt Memo Ànjel wie schon in Das meschuggene Jahr hervorragend, mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern zu erzählen, ohne je seine Figuren bloßzustellen. Und wie nebenbei werden an den ach so kleinen Menschen die ganz großen Geschichten des Lebens erzählt.
Die Stadt Medellín steht bei keinem der Erzähler im Mittelpunkt. Am ehesten vielleicht bei Héctor Abad Faciolince, aber auch erst in dem Moment, da er als junger Erwachsener den Vater in seinem gesellschaftlichen Umfeld zu verstehen versucht. Tomás González‘ Held Aníbal geht gerade aus der Stadt weg, die ihm zuwider ist. Und Fernando Vallejo und Memo Ánjel sind, so wie sie von sich erzählen, Kinder, ihr Bezugsrahmen ist eher persönlich als urban. Diese Stadt, der Eindruck bleibt nach diesen vier Büchern hängen, ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Wir dürfen gespannt sein.

Héctor Abad Faciolince // Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien // Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg // Berenberg Verlag // Berlin 2009 // 195 Seiten // 24 Euro // www.berenberg-verlag.de
Memo Ánjel // Mindeles Liebe // Roman // Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek // Rotpunktverlag // Zürich 2009 // 197 Seiten // 19,50 Euro // www.rotpunktverlag.ch
Tomás González // Die Teufelspferdchen // Roman // Aus dem Spanischen von Peter, Ofelia und Rainer Schultze-Kraft // Edition 8 // Zürich 2008 // 172 Seiten // 16,90 Euro // www.edition8.ch
Fernando Vallejo // Blaue Tage. Eine Kindheit in Medellín // Aus dem Spanischen von Elke Wehr // Suhrkamp Verlag // Frankfurt am Main 2008 // 223 Seiten // 22,80 Euro // www.suhrkamp.de

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