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Höllisch arbeiten im Urlaubsparadies

Früh um acht kocht sich Karim erstmal einen Kaffee. Er trinkt ihn und raucht dazu seine erste Zigarette auf der Terrasse. Das schicke kleine Hotel in Playa del Carmen, an der mexikanischen Karibikküste, zu dem die Terrasse gehört, ist seit zwei Jahren sein Arbeitsplatz – und ein Stück Zuhause. Er bezahlt weder den Kaffee, noch die Spaghetti, die er zu Mittag isst. Der Hotelbesitzer ist sein Cousin, und daher kann Karim in dem exklusiven Hotel tun und lassen, was er will. Wenn er gerade arbeitet, verkauft er Teilnutzungsrechte an Immobilien, so genannte Timeshares*.
Auch für Rubén beginnt der Tag um acht Uhr morgens. Doch statt auf der Hotelterrasse zu rauchen, macht er sich dreckig: Er misst, mauert und verputzt. Rubén ist Maurer auf einer Baustelle keinen Kilometer von Karims Hotel entfernt. Dort entstehen hübsche kleine Häuser mit runden Fenstern, für US-AmerikanerInnen, die sich einen Platz an der Karibiksonne kaufen wollen. Rubén mag seine Arbeit und hat, wie er sagt „viel Spaß mit den Kollegen“.
Wenn Karim und Rubén ihren Arbeitstag beginnen, schläft Fausta sich aus. Sie brät von drei Uhr nachmittags bis ein Uhr nachts in der Avenida Juárez Hamburger. Die breite Straße führt vom Strand weg ins Ejido, wo die ArbeiterInnen wohnen. Sie sind Faustas Stammkunden, denn ihre Hamburger sind berühmt. Fausta hat ihre Familie mitgebracht: ihr Mann und ihre Kinder gehen ihr zur Hand.

Gelobtes Land der Arbeit…
Karim, Rúben und Fausta verdanken ihre Jobs dem Tourismusboom an der Karibikküste in den letzen dreißig Jahren. Alles begann 1969, als die Weltbank der Regierung Díaz Ordaz vorschlug, Orte gezielt auszubauen, die TouristInnen gefallen könnten. Die Wahl fiel auf Cancún – nicht zuletzt, weil der nächste Präsident Echeverria dort Land besaß. Damals gab es dort nur Morast, Wald und bezaubernde Strände. Innerhalb von wenigen Jahren zogen ArbeiterInnen eine Stadt hoch, mit einer Hotelzone und einem Zentrum für die Angestellten. Playa del Carmen war bis Ende der achtziger Jahre ein kleines Fischerdorf und ein beliebter Reiseort für Hippies. Doch dann begann der Boom auch hier, 70 Kilometer von Cancún entfernt. Heute hat Cancúns Einwohnerzahl eine Million überschritten, in Playa leben an die 250.000 Menschen. Die Stadt wächst rasend schnell. Überall ziehen Maurer neue Hotels, Einfamilienhäuser und Apartments hoch.
Menschen aus allen Teilen Mexikos suchen Arbeit im gelobten Land an der Karibikküste. Rubén kam im Juli mit seiner Familie aus Mexiko-Stadt. Aufgewachsen ist er in Tabasco am Golf von Mexiko. Dort war er Bauer. „Ich habe Mais und Bohnen angebaut. Aber heutzutage bekommt man nicht mehr genug für seine Ware“, erzählt er und streicht den Putz von seiner Kelle. Was wird dann einer ohne Schulbildung? Maurer. Von ihnen gibt es Tausende in den Touristenorten der Karibik. Die meisten leben nicht wie Rubén mit ihrer Familie. Viele sind allein und haben am Wochenende nichts anderes zu tun, als Bier zu trinken und sich Stripshows anzusehen.
All diese Daten kennt Roger Tello genau: Er ist der Beauftragte für Bauwesen in der unabhängigen Nationalen Revolutionären Gewerkschaft der Bauern und Arbeiter (CROC) in Playa. Allein zwischen Cancún und dem südlich von Playa del Carmen gelegenen Touristenort Tulyum arbeiten 20.000 Menschen auf dem Bau, schätzt er.
Daher scheint es viel mehr Männer als Frauen zu geben. Die Journalistin Lydia Cacho bestätigt diesen Eindruck: Als Cancún gebaut wurde, lebten 80 Prozent Männer in dem entstehenden Ferienparadies, heute sind es noch etwas mehr als die Hälfte.
Und was wird eine Frau ohne Schulbildung? Köchin. Fausta hat in ihrem Heimatstaat Chiapas südlich von Quintana Roo ihr ganzen Leben lang in den Häusern von Reichen gekocht. Bis sie mit 15 ihren heutigen Mann kennen lernte und heiratete. Seit Februar leben die beiden in der Karibik. „Hier gibt es mehr Geld“, sagt Fausta lapidar.

…für Menschen aus aller Welt
Doch nicht nur MexikanerInnen meinen unter Palmen ihr Glück zu finden. Aus der ganzen Welt zieht es Menschen ins Touristenparadies. Karim kommt aus Algerien, und sein Job ist eine typische Ausländerarbeit. Er ist „Liner“ in seinem Hotel. Er führt handverlesene US-AmerikanerInnen oder EuropäerInnen mit vollen Kreditkarten durchs Hotel und versucht sie davon zu überzeugen, sich in den Ferienclub einzukaufen. Da er Internationale Wirtschaft studiert hat, passt der Job gut zu seiner Ausbildung. In Algerien hatte er das Schuhgeschäft seines Vaters übernommen, aber es wollte nicht recht laufen. „Also hab ich es vermietet und mit der Miete bin ich hergekommen.“, erzählt er. „Ich wollte ein anderes Land und eine neue Sprache kennen lernen.“ So stand er eines Tages bei seinem Cousin vor der Tür, den er seit drei Jahren nicht gesehen hatte. Der sagte: „Hey, Alter!“ und versprach, ihm einen Job in einem seiner Hotels zu besorgen. Karim lernte spanisch und verkaufte erst Tagestouren, dann wurde er „Liner“.

Zahlenspiele
Das besondere an Timesharejobs ist eigentlich, dass alle auf Provisionsbasis arbeiten. Zuerst sind da die „OPCs“ (Outside Personal Contacter, so genannte Drücker), die auf der Straße um KundInnen werben. Das tun sie nicht nur mit Charme, sondern auch mit Geldversprechen. 200 US-Dollar darf sich ein OPC so ein Pärchen schon kosten lassen. Lassen sie sich überreden, kommen sie ins Hotel, um von „Linern“ wie Karim eine Tour zu bekommen. Der „Liner“ macht dann auch den Vertrag, oder der „Closer“ übernimmt. Kaufen die KundInnen, bekommt der OPC ein Prozent vom Gewinn, der „Liner“ – je nach Hotel – drei bis sechs und der Closer bis zehn Prozent. Das kann sich bei einem 20.000-Dollar-Deal schon lohnen. Viele AusländerInnen verdienen mit dem Timesharegeschäft recht viel Geld.
Karim muss sich noch nicht einmal Sorgen um seine Provision machen, denn als Cousin des Besitzers bekommt er einen guten Lohn: 20.000 Pesos im Monat (circa 1.500 Euro). Damit verdient er für vierzig Wochenstunden, auch wenn er nichts verkauft, etwa das vierfache von Rubén: Der bekommt pro Monat 5.600 Pesos (circa 430 Euro). „Das ist ein sehr guter Lohn“, findet Rubén. Er arbeitet dafür sechs Tage die Woche zehn Stunden täglich. Aber er kann seine Familie, Frau und zwei Kinder, ernähren. Baugewerkschaftler Tello nennt einen noch höheren Lohn „normal“: „Ein Bauarbeiter geht meistens mit mindestens 1.500 Pesos die Woche nach Hause“, meint er.
Auch wenn Rubén so viel nicht bekommt, ist er immer noch besser dran als Fausta: Sie bekommt gerade mal 3.200 Pesos monatlich (246 Euro). Ihr Mann verdient beim Hamburgerstand den selben Lohn und nimmt zudem noch Gelegenheitsarbeiten an. Und auch der älteste Sohn hilft mit, für 2.400 Pesos (184 Euro) monatlich. So hoffen die Eltern von drei Kindern, ein bisschen sparen zu können, um sich ein kleines Haus zu bauen.
Denn die Mieten sind horrend in Playa del Carmen: Ein kleines Zimmer kostet häufig schon 1.000 Pesos. Und nicht nur wohnen ist teuer: Ein Kilo Rindfleisch kostet 80 Pesos, eine Fahrt von Playa nach Cancún 30, der öffentliche Nahverkehr für jede Fahrt fünf. Für ein Kilo Tortillas, dessen Preis eigentlich vom Staat auf sechs Pesos festgelegt ist, müssen KäuferInnen oft sogar zehn Pesos zahlen.
Während Karim gerne für 50 Pesos in Kino geht und in Cancún die Shoppingmeilen besucht, muss Fausta sich zweimal überlegen, ob sie ihren Kindern Fleisch kaufen kann. Und die 200 US-Dollar, umgerechnet 2.200 Pesos, die die OPCs an potenzielle KundInnen verschenken? Mehr als Fausta in zwei Wochen verdient.
Mit ihren rund 3.000 Pesos ist Fausta allerdings immer noch über dem Mindestlohn in Quintana Roo: der liegt bei 44,05 Pesos am Tag (3,30 Euro), bei dreißig Tagen bezahlter Arbeit also 1.320 Pesos (circa 100 Euro). Die ArbeiterInnen, die einen so niedrigen Lohn bekommen, leben meistens in den chaotischen, halblegalen Siedlungen um Cancún, in denen es weder Strom noch Wasser gibt.

Kriminalität und Korruption
Diese krassen sozialen Unterschiede an der Karibikküste ziehen die üblichen Probleme nach sich: Gewalt, Drogenmissbrauch, Prostitution. In den reichen TouristInnen finden Drogen- sowie Frauen- und Kinderhändler gute KundInnen. Journalistin Cacho beschreibt das Problem der Riviera Maya so: Institutionen der Dritten Welt treffen auf Geld und Geschäftsleute der Ersten Welt. Die Folge: Die Städte sind schwer regierbar. PolitikerInnen sind häufig in den Drogenhandel verstrickt. Dem derzeitigen Gouverneur von Quintana Roo, Felix González, wird vorgeworfen, den Mord an einer 14-jährigen in Auftrag gegeben zu haben, die von ihm schwanger war. Anfang September wurde der Polizeichef von Playa del Carmen auf dem Weg zur Arbeit von zwei Killern mit zwölf Schüssen hingerichtet.
Unter solch gewalttätigen Verhältnissen werden auch Arbeitsrechte selten beachtet. Viele Hotels stellen immer nur für sechs Monate ein und entlassen ihre ArbeiterInnen dann für drei Tage, damit diese nie in den Genuss von Arbeitsrechten kommen. Karims Cousin ist nicht ganz so ausbeuterisch: Die Kellner, die Karim sein Mittagessen servieren, haben eine Kranken- und eine Bausparversicherung.
Ruben ist erst seit zwei Monaten in seinem Job und weiß mit seinen Versicherungen nicht recht Bescheid: „Sie haben mir gesagt, dass ich eine Sozialversicherung bekomme“, meint er und zuckt mit den Schultern, „werde ich ja sehen.“ Die Gewerkschaft kämpft derzeit um eine obligatorische Lebensversicherung fürs Bauwesen. Eine Sozial- und Krankenversicherung gibt es, aber gut ist sie nicht: „Die Krankenhäuser sind seit dem Antritt der neuen Regierung dieses Jahr noch schlechter geworden, es fehlen Ärzte und Medikamente“, beklagt sich Aktivist Roger Tello.
Besser allerdings immer noch als gar keine Gewerkschaft und auch keine Versicherung – das ist Faustas Situation. Dennoch findet sie ihren Arbeitgeber gut: „Ein prima Kerl!“, sagt sie „seit ich hier bin, arbeite ich für ihn, und will auch nichts anderes. Er ist ehrlich und nett.“

Geteilte Träume
Das haben Fausta, Karim und Rubén gemein: Sie lieben ihre Arbeit und wollen sie nicht wechseln. „Kochen ist das, was ich kann und mag“, sagt Fausta, „ich sehe gerne, wenn die Kunden mit Genuss meine Gerichte essen.“ Wenn ihr Mann richtig viel verdiente, würde sie allerdings nicht arbeiten und nur noch zu Hause kochen. Aber das ist zur Zeit unvorstellbar.
Rubén freut sich, wenn er seinen Job gut macht und gelobt wird. „Ich mag es, anständige Arbeit zu machen“, sagt er und betrachtet kritisch seine halbverputzte Mauer.
Das meint auch Karim. „Vielleicht muss ich mir keine Sorgen um Provision machen“, gibt er zu, „aber ich arbeite gerne gut. Wenn ich eine Tour gebe, dann weiß ich von Anfang an, ob die Leute kaufen werden oder nicht, ob ich eine Chance bei ihnen habe oder nicht. Und wenn ich eine Chance habe, lasse ich keine Zweifel bei ihnen aufkommen.“
Auch die Träume der drei ähneln sich: Haus, Familie, Frieden. Rubén will nach zwei, drei Jahren zurück nach Tabasco und für seine Kinder ein Heim bauen. Am liebsten wäre er Lehrer und würde „Menschen glücklich machen“. Fausta und ihr Mann wollen in Playa bleiben und sich etwas aufbauen. Und Karim zieht es schon wieder in die Ferne. Er möchte auf Mallorca Ferienwohnungen vermieten: „Playa ist eine Zwischenstation, aber kein Ort zum Leben“.
Dinah Stratenwerth

* Teilnutzungsrechte an Immobilien, die einem erlauben, für einen bestimmten Zeitraum im Jahr in einer Ferienanlage zu wohnen

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