Hoffen, das Schlimmste sei vorbei
Ein feministisch-Afro-Indigener Kommentar zur Intervention der USA

Para leer este comentario en español, haga click aqui
Ich weckte meinen Partner mit einem Schütteln auf, während der Lärm der Explosionen und die Blitze im Himmel über Caracas uns zuschrien, dass sich das Leben für immer verändert hatte. Seitdem weckt mich jedes laute Geräusch mit der Empfindung, dass die Attacken zurückkehren. Ausruhen wurde unmöglich. Ich lebe mit der Angst, meine geliebten Menschen oder die alltäglichen Orte, die uns stützen, zu verlieren. Die scheinbare Ruhe verwandelt sich in eine schwere Stille, die Tränen und Verzweiflung provoziert. Am Tag nach den Angriffen ging ich hinaus, um „Hamsterkäufe“ zu machen, mich auszustatten, doch alles war zu. Eine Grabesstille, nur gestört durch die Lastwagen voller Lebensmittel der Gochos (Leute aus der Andenregion, die nach Caracas fahren, um dort Lebensmittel zu verkaufen).
Gefangen zwischen zwei Kräften
Inmitten der permanenten Unsicherheit und ausufernden Inflation waren wir nicht allein. Wir gingen zusammen raus, trafen uns, um das Wenige, was es gab, zu teilen, ohne einen Anlass zum Feiern. Aber doch, um uns an einer Herdflamme oder einer gemeinsamen Tafel daran zu erinnern, dass wir am Leben sind. Diese kollektive Kraft war der einzige feste Boden unter uns. Wir hielten uns im Arm und am geteilten Teller fest, um nicht vor purer Angst zu sterben.
Was regiert, ist die Unklarheit. Es gibt keine klaren Zahlen über Tote und Verletzte. Die Regierung schweigt und minimiert das Geschehene, während man in den Straßen die Polizeioperationen und bewaffneten Gruppen wahrnimmt. Es fehlt an Transparenz, ehrlicher Kommunikation und Sicherheitsgarantien. Für die Menschen fühlt es sich an, als ob alles gleichbleibt, als ob nichts passiert wäre, doch in Wahrheit ist das alltägliche Leben durch Knappheit geprägt, durch Repression und Militarisierung. Es geht nicht mehr um Ideologie, sondern ums Überleben: Essen können, Wasser trinken, ärztliche Behandlung, dass die Kinder in die Schule gehen.
Wir sind gefangen zwischen zwei Kräften: einem Regime, das unterdrückt, und einer ausländischen Intervention, die uns in ein Konfliktgebiet verwandelt. Die Bevölkerung zahlt den Preis des Öl- und Mineralienreichtums, den andere begehren. Diese Intervention der Vereinigten Staaten ist eine Souveränitätsverletzung, keine humanitäre Hilfe. Es ist eine Operation, um Energieressourcen zu kontrollieren und die regionale politische Landkarte neu auszurichten. Was sich als Rettung präsentiert, ist eine verdeckte Plünderung. Die Situation bringt keinen Frieden, sondern wiederholt die Gewalt und lässt das Volk schutzlos zurück.
Als Afro-Indigene Frau und Künstlerin empört es mich, dass im Angesicht des Missbrauchs als erstes gefragt wird: „Aber wer hat dich gefoltert? Die Linke oder die Rechte?“ Den Mächtigen schmerzt unsere Wunde nicht. Sie interessiert, wer die Peitsche hält, um zu entscheiden, ob es ihnen nützt, sie zu denunzieren. Es existiert ein chreckliche Angst, zu reden, da jedes Wort gegen dich verwendet werden kann. Ich fürchte neue Bomben ebenso, wie die Kontinuität eines Systems ohne faire Löhne, mit Hunger und unschuldigen Gefangenen. Der Blick auf die Zukunft verspricht mehr Prekarität für die Armen und Unsicherheit in den Straßen. Das Vertrauen in die Institutionen ist kaputt, uns bleibt nur, uns gegenseitig zu unterstützen.
Wie Schachfiguren auf einem fremden Spielbrett
Die Welt feiert eine angebliche „Befreiung“, weil ein Gesicht gefangen genommen und in ausländische Verwahrung gesteckt wurde. Aber als Schwarze, Indigene und feministische Frau frage ich mich: Welche Freiheit ist das, die uns mit Bomben aufgezwungen wird? Die Gefangennahme eines Mannes löscht kein System des Hungers – weniger noch, wenn die, die uns „retten“ kommen, eine versteckte Rechnung mitbringen.
Den Zusammenbruch einer Struktur zu feiern, ohne zu sehen, wer die neuen Fundamente errichtet, ist eine gefährliche Blindheit. Für die Mächtigen sind wir keine „Geschwister in Ungnade“, wir sind strategischer Vermögenswert, Öl, Gold und Mineralien in Disput. Wenn sich das Schicksal meines Landes von einem Büro in Caracas an einen Verhandlungstisch in Washington verlagert, bleibe ich weiterhin eine Zuschauerin, eine Schachfigur auf einem fremden Spielbrett.
Sie kommen wegen des Öls und des Goldes des Arco Minero, das bereits unter dem Kommando der Linken ausgeblutete Territorium, welches sie nun mit unternehmerischer Effizienz „verwalten“ wollen. Sie bieten uns eine Hals zuschnürende „Befreiung” an, die uns mit einer unbezahlbaren Auslandsverschuldung von mehr als 150 Milliarden Dollar belastet. Sie leihen uns den Hammer, um den Tyrannen zu stürzen, aber sie berechnen uns jeden Ziegelstein für den Wiederaufbau zum Goldpreis.
Der Imperialismus löscht die Geschichte aus. Er will uns glauben machen, dass alles vor zwei Jahren begonnen hat, und leugnet damit Jahrhunderte der Plünderung und Ausbeutung. Wir Völker, die wir Widerstand leisten, denken langfristig. Ich bin die Frau, die Guaicaipuro und Bolívar nicht aus Folklore anruft, sondern weil mein Kampf derselbe ist wie der der palästinensischen Frauen: das Recht, auf unserem Land zu leben, ohne dass ein Imperium für uns entscheidet, was „Demokratie” bedeutet.
Sie sprechen von „politischen Gefangenen“, als wäre das Gefängnis nicht selbst eine koloniale Institution, die 1573 eingeführt wurde, um uns zu bestrafen. Für mich sind alle Gefangenen politisch, wenn das System Folter als alltägliches Mittel gegen die Ärmsten, gegen Schwarze, gegen diejenigen, die keine Stimme haben, einsetzt. Einige haben die Folter erst kürzlich entdeckt, weil es ihnen politisch gelegen kommt, aber wir kennen sie seit jeher, von innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern.
Das Volk will Würde, die Menschen wollen in Ruhe leben. Mein Horizont ist eine Linke, die nicht nur leere Parolen von sich gibt, während sie ihre Arbeiter*innen misshandelt oder ihre Indigenen ignoriert. Mein Ziel ist echte Souveränität: Frei zu sein bedeutet, über unser gemeinsames Leben zu entscheiden, ohne dass sich Gringos, Russen oder Chinesen einmischen.
Frei sein heißt entscheiden zu können
Heute schließen wir uns in Unsicherheit zusammen, um nicht vor Angst zu sterben, und knüpfen Netzwerke, um etwas zu essen zu haben. Ich träume von einem Land, in dem Würde möglich ist, mit fairen Löhnen, garantierten Grundversorgungsleistungen, echter Gerechtigkeit und der Freiheit, uns ohne Angst zu äußern. Meine Hoffnung liegt nicht in bewaffneten Helden oder in als Hilfe getarnten Invasionen, sondern im Widerstand der Gemeinschaft. In unserer Fähigkeit, uns dagegen zu wehren, dass wir ausgelöscht oder zu einer Opferzone gemacht werden.
Ich denke an diejenigen, die ihr Leben verloren haben, die das viel stärker erlebt haben als ich. Das wünsche ich niemandem, nicht einmal dem schlimmsten Menschen der Welt. Wir kämpfen dafür, dass Venezuela aufhört, ein Schachbrett zu sein, und endlich zu einem Zuhause wird. Wir wollen Würde, wir wollen Frieden, aber einen, der aus uns selbst, aus unserem Land entsteht, und keinen, der uns vom Norden diktiert wird.


