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Hommage an die working poor

Kleine Wellen rauschen an einem Strand, dahinter die grenzenlose Weite des Pazifiks. Die Gischt vermischt sich mit dem bewölkten Himmel, Möwen kreischen, ein Kind spielt mit dem Sand. Die Idylle wird jäh unterbrochen: Pfeiler ragen in das Meer, eine meterhohe Mauer teilt den Strand und verdeckt die Sicht auf den Horizont. Ein Warnschild weist auf gefährliche Gegenstände im Wasser hin. Es ist die Grenze zwischen Mexiko und den USA, mitten durch den Strand in Tijuana. Wer es bis hierher geschafft hat, kommt zunächst nicht weiter.
So wie Rafael (Jesús Padilla), der aus El Salvador kam, um in die USA zu migrieren. Aus Hoffnung auf die US-amerikanische Staatsbürgerschaft hatte er sogar in Vietnam gekämpft – vergeblich. Und so verbleibt er in der Nähe der Grenze in Tijuana und arbeitet als Reinigungskraft in einer Glühbirnenfabrik. Als er nach 30 Jahren ohne einen einzigen Fehltag in den Ruhestand gehen möchte, „entdeckt“ sein Vorgesetzter, dass sich Rafael illegal in Mexiko befindet und deswegen sein Rentenanspruch ungültig ist. Aus Großzügigkeit sieht der Vorgesetzte jedoch davon ab, die Migrationsbehörden zu informieren und erlaubt Rafael sogar weiterzuarbeiten.
Als die reiche Hausherrin der Haushälterin Lidia (Susana Salazar) stirbt, wird ihr gesamtes Vermögen vermacht – an „Princesa“, die verwöhnte Windhündin der Hausherrin. Auch den Angestellten steht ein Teil zu, solange sie Princesa wie gehabt pflegen bis die Hündin eines natürlichen Todes stirbt.
In seinem ersten Spielfilm komponiert Regisseur José Luis Valle, selbst ein eingebürgerter Mexikaner aus El Salvador, die zwei absurd anmutenden Geschichten zu einer Hommage an die „working poor“. Rafael und Lidia werden nicht als unterwürfige Ausgebeutete präsentiert, die zusehen müssen, wie sie Jahr um Jahr ausgenutzt werden. Im Gegenteil. Workers lädt dazu ein, ein solch schnelles Urteil über die beiden Protagonist_innen zu hinterfragen.
Lidia und Rafael sind nämlich keine passiven Figuren, die sich mit ihrer Situation abfinden oder auf paternalistische Hilfe und Mitleid angewiesen sind. Luis Valle zwingt die Zuschauer_innen, genau hinzusehen: Hinter den monotonen Alltagsabläufen, den Räumen, in denen sich Rafael und Lidia bewegen und wie sie mit ihrem Umfeld interagieren, steckt mehr. Ein stiller Widerstand, der sich nach und nach entwickelt. Zunächst gehen beide mit stoischer Ruhe und Würde gewissenhaft ihren Aufgaben nach. In einem Laden empfiehlt Rafael die Glühbirnen aus seiner Fabrik und stellt die Packungen im Regal vor die der Konkurrenz. Pünktlich bereitet Lidia das Fleisch für die Windhündin zu und füllt damit den goldenen Fressnapf.
Träume haben sie noch beide. Rafael möchte endlich mit der entsprechenden Anerkennung seiner Lebensleistung in Rente gehen. Lidia möchte das Dorf ihrer Familie besuchen, das sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hat. Doch ihren Träumen werden Steine in den Weg gelegt und ihnen wird bewusst, dass sie sich wehren müssen, wenn sie in ihrer Arbeitswelt nicht gefangen bleiben wollen.
Es beginnt im Kleinen: Rafael versteckt die Glühbirnen seiner Firma im Laden und beginnt, Lesen und Schreiben zu lernen. Lidia wirft das rohe Fleisch für die Hündin entschieden auf den Küchenboden. Beide fangen an, sich zu emanzipieren. Mit derselben Ruhe und Würde, mit der sie bisher ihren Arbeitsalltag gemeistert haben, wenden sie sich nun gegen die ungerechten Verhältnisse.
Dies erfordert auch von den Zuschauer_innen eine gewisse Geduld. Workers räumt exakter Naturbeobachtung viel Zeit ein. Ein Straßenzug in einem ärmeren Viertel Tijuanas verwandelt sich so in ein Bühnenbild, auf dem das Alltägliche zum Schauspiel wird. Jugendliche tauchen auf und verkünden per Sprühdose das Ende einer Liebe. Prostituierte werden angemacht und antworten schlagfertig. Als ein Polizeiauto auftaucht, müssen sie von der Straße verschwinden, nur um gleich darauf wieder aufzutauchen. Ein Eiswagen kommt mit dudelnder Musik vorbei, Messerschleifer kündigen ihre Dienstleistung mit der typischen Pfeifenmusik an. Ein paar Minuten ungeschnittener Straßenalltag aus Mexiko fungiert als eigenständiger Akt des Films.
Auch andere Details sollen von den Zuschauer_innen wahrgenommen werden: Das Innere des Wohnwagens von Rafael, das karge Schlafzimmer von Lidia, die sterile Arbeitsumgebung, die sie beide für andere sauber halten müssen. Auf diese Weise gelingt es dem Film, ein Gespür für die kleinen Dinge des Alltags und deren Bedeutung für Rafael und Lidia zu vermitteln. Denn nur auf den ersten Blick scheinen beide in einem Käfig gefangen zu sein. Es wird bald klar, dass sie sich aus eigener Kraft befreien können.
Workers ist eine subtile Mischung aus Tragikomödie und sozialem Drama, dessen Stärke darin liegt, seine Hauptfiguren eben nicht als wehrlose Ausgebeutete abzustempeln. Sie sind aktiv, intelligent und lassen sich nicht unterdrücken. Der Film thematisiert unwürdige Arbeitsbedingungen, ohne Mitleid erregen oder Moral predigen zu wollen. Hier wird weder die soziale Frage des 21. Jahrhunderts gelöst, noch die Arbeiter_innenklasse idealisiert. Vielmehr werden Möglichkeiten aufgezeigt, sich selbst zu Gerechtigkeit und Anerkennung zu verhelfen.

Workers // Regie: José Luis Valle // Mexiko/Deutschland 2013 // 120 Minuten // www.bildkraft.biz/workers.php // Kinostart: 12. Dezember 2013

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