Honduras | Nummer 619 - Januar 2026 | Politik | Wahlen

Honduras biegt scharf rechts ab

Herbe Wahlschlappe für die sozialdemokratische Libre-Partei

Nach nur einer Amtszeit ist das sozialdemokratische Intermezzo vorbei: Bei den mit großer Spannung erwarteten Wahlen am 30. November verlor die Libre-Kandidatin Rixi Moncada überraschend klar gegen die Vertreter der beiden konservativen Parteien. Eine Woche nach den Wahlen ist noch nicht klar, ob Nasry Asfura von der ultrarechten Nationalpartei oder Salvador Nasralla von der rechten Liberalen Partei ab Januar 2026 das Präsidentenamt übernimmt. LN analysiert, was das für die Zukunft des zentralamerkanischen Landes bedeutet.

Christof Wittwer, Tegucigalpa

Obwohl viele Umfragen auf einen Sieg der Opposition deuteten, ist das Resultat von rund 20 Prozent der Stimmen für Rixi Moncada gegenüber je etwa 40 Prozent für die beiden konservativen Kandidaten Salvador Nasralla und Nasry Asfura katastrophal für Libre und ihr sozialdemokratisches Projekt. Im Parlament ist Libre mit 34 von 128 Sitzen nur noch die drittgrößte Kraft nach der Nationalpartei mit 49 und der Liberalen Partei mit 41 Sitzen.
Dabei hat die Regierung Castro einen positiven Leistungsausweis vorzuweisen: Dank der höchsten sozialen Investitionen in der honduranischen Geschichte ist die extreme Armut um 15 Prozent auf immer noch hohe 38 Prozent einer Bevölkerung von zehn Millionen gesunken; eines von acht neuen Krankenhäusern ist bereits fertiggestellt und das Straßennetz wird landesweit ausgebaut. Dennoch äußert sich Rodolfo Pastor, ehemaliger Präsidentschaftsminister und enger Mitarbeiter der Präsidentin Xiomara Castro, überraschend selbstkritisch: „Die Erwartungen der Bevölkerung an Libre waren riesig und unsere Versprechen zu groß. In vier Jahren ist es unmöglich, einen strukturellen Wandel zu erreichen, denn die rückständigen Kräfte in Honduras sind zu stark und bestimmen den öffentlichen Diskurs.“

Im Vorfeld der Wahl hatten schwere Spannungen innerhalb der dreiköpfigen Leitung der Wahlbehörde CNE (Consejo Nacional Electoral), in der die beiden konservativen Parteien über eine 2:1-Mehrheit gegenüber Libre verfügen, zur Folge, dass die bürgerlichen Medien monatelang andeuteten, dass Libre die Wahlen boykottieren wolle, um an der Macht zu bleiben und in Honduras den Sozialismus des 21. Jahrhunderts einzuführen.
Marlon Ochoa, Vertreter von Libre in der Wahlbehörde, beschuldigte seine Kollegin Cossette López von der Nationalpartei des Wahlbetrugs und übergab der Staatsanwaltschaft 26 Audio-Aufzeichnungen, in denen López angeblich mit dem Fraktionschef der Nationalen Partei und einem hohen Militär über geplante Verzögerungen bei der Übermittlung der Wahlresultate und ihre Präferenz für den Kandidaten Nasralla sprach. Für ihre Rolle in diesem Komplott verlangte López sieben Millionen Lempiras, rund 266.000 Dollar. Sie selbst versichert, diese Aufzeichnungen seien durch künstliche Intelligenz entstanden. Ihre Partei und die Mainstream-Medien verteidigen sie bedingungslos und feiern sie sogar als Retterin der Demokratie.

Boykott der Wahlen angekündigt

Verwunderlich wäre ein Attentat auf den Volkswillen nicht, denn 2017 blieb Juan Orlando Hernández nur durch Verfassungsbruch und einen schamlosen Wahlbetrug im Amt. Damals stürzte das Übermittlungssystem der Wahlbehörde in der Nacht ab. Als es wieder in Betrieb kam, führte plötzlich Hernández. Sein Vertreter in der Wahlbehörde prägte damals den Begriff „votos rurales“, ländliche Stimmen, die den Ausschlag zugunsten Hernández’ gegeben hätten. Danach kam es zu tagelangen Protesten, bei denen mindestens 13 Personen ums Leben kamen.

Auch heute ist die honduranische Öffentlichheit extrem polarisiert. Die Positionen sind klar, Debatten fanden vor den Wahlen nicht statt. Pausenlos wurde in sozialen Medien durch Bots verbreitet, dass die Demokratie und sogar das Land in Gefahr seien. Sogar die Armee, die per Verfassung apolitisch ist, geriet ins Fadenkreuz konservativer Kreise, weil ihr Stabschef auf der Seite der Regierung steht und versprach, nie gegen die Regierung zu putschen.
Der Militärputsch gegen Präsident Manuel Zelaya am 28. Juni 2009 ist der Ausgangspunkt der Partei Libre, die nach drei Anläufen 2021 die Präsidentschaftswahlen gewann und mit anfangs 50 von 128 Abgeordneten im Nationalkongress über eine komfortable Ausgangslage verfügte, um nach zwölf Jahren Narcodiktatur das sozialdemokratische Projekt zu starten.

Korruptionsskandale schwächen 
Sozialdemokratinnen

Xiomara Castro übernahm ein Land in Ruinen: Die Armutsquote betrug 2021 laut dem honduranischen Statistischen Amt 73 Prozent, Tausende machten sich in Karawanen oder kleinen Gruppen auf den Weg in die USA. Die Rechtsstaatlichkeit lag am Boden; dafür stiegen die Auslandsschulden in zwölf Jahren von 4,8 auf 17,7 Milliarden US-Dollar an. Einer der größten Skandale der Hernández-Regierung bestand im Kauf von sieben mobilen Krankenhäusern zu Beginn der Pandemie, die 47 Millionen Dollar kosteten und sich als völlig unbrauchbar herausstellten. Aber auch Libre gelang es nicht, Korruptionsskandale zu vermeiden. Im Sommer dieses Jahres wurde bekannt, dass eine Milliarde Lempiras, fast 38 Millionen US-Dollar, von Staatsgeldern für Sozialprojekte stattdessen an Vertreterinnen von Libre umgeleitet worden waren, angeblich für den Wahlkampf. Der Schaden für die Partei war beträchtlich – trotz des Versprechens der Präsidentin Xiomara Castro, den Fall vollständig aufklären zu lassen.
Wenige Tage vor der Wahl veröffentlichte US-Präsident Trump zwei Texte auf seiner Plattform Truth Social, in denen er einerseits weitere Finanzhilfe für das Land von der Wahl von Nasry Asfura von der Nationalpartei abhängig machte und andererseits die Begnadigung des Ex-Präsidenten Juan Orlando Hernández ankündigte. Dieser wurde 2024 in New York wegen Schmuggels von 400 Tonnen Kokain und Waffendelikten zu 45 Jahren Haft verurteilt. Trump meint, Hernández sei von der Biden-Regierung zu harsch behandelt worden und ließ ihn genau am Tag nach der Wahl frei. Zurückkommen nach Honduras wird Hernández wegen offener Anklagen wohl nicht.
Während die Trump-Regierung vor Venezuela sprichwörtlich Menschen jagt und umbringt, die angeblich Drogen in die USA schmuggeln, lässt der Präsident einen der berüchtigsten Narcos frei. Dieser eklatante Widerspruch und die dreiste Einmischung der USA illustriert, dass Honduras ein Spielball fremder Mächte ist. „Trump will uns demütigen, er verachtet uns als souveränen Staat“, fasst der ehemalige Generalstaatsanwalt Edmundo Orellana die Situation zusammen. Die US-Grenzpolizei hat zudem angekündigt, Asylsuchende aus Lateinamerika, die an der US-Grenze angeben, Angst vor Rückkehr in ihr Heimatland zu haben, bis zur Verhandlung ihres Falles nach Honduras zu schicken.
Die langsame Auszählung der Wähler*innenstimmen – eine Woche nach der Wahl sind erst 88 Prozent ausgezählt – erinnert die Bevölkerung fatal an den Wahlbetrug 2017 und verleiht den von Libre präsentierten Audio-Aufzeichnungen immer mehr Glaubwürdigkeit. Libre hat bei der Wahlbehörde CNE die Annullation der Präsidentschaftswahlen beantragt. Nasry Asfura von der Nationalpartei liegt eine Woche nach der Wahl mit rund 20.000 Stimmen vor Salvador Nasralla; das ist ein Vorsprung von bloß 0,7 Prozent. Die Nerven liegen bei beiden Parteien blank.
Rixi Moncada gab sich trotz der offiziellen Daten nicht geschlagen, sprach von Betrug und der Notwendigkeit, jedes einzelne der über 19.000 Wahlprotokolle zu prüfen, besonders diejenigen, die wegen Unstimmigkeiten eine Nachzählung benötigen. Diese rund 500.000 Stimmen werden schlussendlich darüber entscheiden, wer am 27. Januar 2026 im Nationalstadion das Präsidentenamt übernimmt.
Wer von den beiden führenden Kandidaten auch gewinnt, es wird ein Anhänger des Neoliberalismus sein. Nasry Asfura ist palästinensischer Abstammung und fungierte während der Hernández-Regierung von 2014 bis 2022 als Bürgermeister der Hauptstadt Tegucigalpa, wo er sich einen soliden Ruf als unprätentiöser Arbeiter erwarb. Der 67-Jährige wird deshalb von seinen Anhänger*innen „Papi a la orden“, etwa „Papa zu Diensten“ genannt. Asfura, der vor vier Jahren gegen Xiomara Castro verlor, basiert sein Wahlprogramm auf Prinzipien wie private-öffentliche Allianzen, Deregulierung des Energiemarkts sowie neue Arbeitsmarktgesetze. Natürlich kommen auch Schlagwörter wie „Lebensmittelsicherheit“, „Korruptionsbekämpfung“ und die Neuauflage eines Sozialprojekts namens „Vida Mejor“ (besseres Leben) vor, das die Lebensqualität der Ärmsten verbessern soll.

Neoliberale Wende steht bevor

Salvador Nasralla, 72, ein bekannter Fernsehmoderator mit hohem Sendungsbewusstsein und schnell wechselnden Meinungen, hat auf seinem politischen Weg bereits zwei Parteien gegründet und wieder verlassen, bevor er sich im Juli 2024 in die Liberale Partei integrierte und auf Anhieb die Vorwahl im März 2025 gewann. Nasralla glaubt ebenfalls an neoliberale Rezepte, wenn auch mit einem stärkeren Gewicht auf die Korruptionsbekämpfung und einen effektiveren Staat. Gleichzeitig will er zwei Mega-Projekte verwirklichen und damit im großen Stil Jobs schaffen: die Zugverbindung zwischen dem Atlantischen und dem Pazifischen Ozean sowie ein ganz neues öffentliches Verkehrssystem für das produktive Sula-Tal, wo die zweitgrößte Stadt des Landes liegt, San Pedro Sula. Zusammen würden diese Projekte rund 30 Milliarden US-Dollars kosten.

Diese Rezepte plus der Unterstützung des Medienkonglomerats Televicentro und der beiden Tageszeitungen La Prensa und El Heraldo – im Besitz von Familien palästinensischer Herkunft – kamen bei den über drei Millionen Wählerinnen weit besser an als der sozialdemokratische Diskurs Rixi Moncadas, der auf der Demokratisierung der Wirtschaft basiert. Die 60-jährige Anwältin war Finanzministerin unter Xiomara Castro und prangerte die Tatsache an, dass zehn Familien und 25 Unternehmensgruppen 80 Prozent des honduranischen Bruttinlandprodukts auf sich konzentrieren und viel zu wenig Steuern bezahlen. Das war gegen die faktischen Mächte wie Medienkonglomerate, aber auch gegen Bankerinnen, Importeurinnen, Industrielle und private Energieproduzentinnen gerichtet. Rixi Moncada schlug billigere Kredite für Agrarproduzentinnen und kleine Firmen vor sowie das kontroverse Gesetz zur fiskalen Gerechtigkeit, das Großverdienerinnen verstärkt zur Kasse bitten will und insbesondere Steuerbefreiungen für Korporationen abschaffen will.
Mit der Rückkehr zum Konservatismus ist zu befürchten, dass die soziale Schuld, die sich in Honduras wie in ganz Lateinamerika über viele Jahre unter wechselnden Regierungen angesammelt hat, noch schneller wachsen wird. Ein schwacher Staat, der kaum grundlegende Leistungen für eine wachsende Bevölkerung erbringt, wird zwangsläufig zum Menschenexporteur. Das Druckventil Migration in die USA fällt jedoch wegen Trumps Migrationspolitik praktisch weg. Das ergibt eine explosive Mischung, die wenig Gutes erwarten lässt.


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