Film | Nummer 610 - April 2025

Hunde stehlen, Polizisten töten

Das 28. Filmfestival in Málaga rückt lateinamerikanische Filme ins Zentrum

Als die konservative Stadtverwaltung im andalusischen Málaga vor mehr als 29 Jahren eine Werkschau des spanischen Films ankündigte, befürchteten Fachleute eine Hochglanz-Selbstdarstellung der spanischen Mainstream-Produzenten. Aber mittlerweile hat sich Málaga nach San Sebastián zur wichtigsten Plattform des spanischen und ibero-amerikanischen Films in Spanien entwickelt. Der Hauptpreis, die „goldene Dolde“, wird getrennt an den besten spanischen und an den besten lateinamerikanischen Film vergeben – dieses Jahr waren sieben lateinamerikanische Filme von insgesamt 22 im Spielfilmwettbewerb vertreten. LN gibt einen Überblick.

Von Wolfgang Martin Hamdorf, Málaga
 Sugar Island Der Film aus der Dominikanischen Republik zeigt koloniale Unterdrückung und Widerstand (Foto: Distribución7 Pleamar)

Schäferhund und Schuhputzer


Als bester lateinamerikanischer Film wurde das Regiedebüt des chilenischen Regisseurs Vinko Tomičić Salinas ausgezeichnet. El ladrón de perros (Der Hundedieb) führt nach La Paz: Martín (Franklin Aro), ein 13-jähriger Waisenjunge, verdient sich seinen Lebensunterhalt als Schuhputzer, einer von vielen tausend Kindern und Jugendlichen, die sich in der bolivianischen Hauptstadt gerade so über Wasser halten. Martins bester Kunde ist der Schneider Navoa, ein einsamer älterer Herr, der seinen Schäferhund über alles liebt. Martín beschließt, mit Freunden zusammen den Hund zu entführen und Lösegeld zu erpressen. Er ist davon überzeugt, dass der Schneider sein Vater ist, und versucht so, Druck auf ihn auszuüben. Vinko Tomičić Salinas mischt geschickt bolivianische Laiendarsteller mit bekannten Schauspielern, wie dem großartigen chilenischen Darsteller Alfredo Castro.

Auch für Franklin Aro war es das Schauspieldebüt. Beeindruckend ist die Tonmischung, die die Stadt über eine unglaubliche Vielfalt an Geräuschen charakterisiert, und die Kamera von Sergio Armstrong, dem zurzeit bedeutendsten Bildgestalter im chilenischen Film, die die Stadt über ihre Vielfalt der Rhythmen und Bewegungen selbst zur Protagonistin werden lässt. El ladrón de perros ist eine Koproduktion von insgesamt sechs Ländern (Chile, Bolivien, Ecuador, Mexiko, Frankreich, Italien). Dies ist durchaus charakteristisch für das aktuelle lateinamerikanische Kino: In der Zeit nach der Corona-Pandemie sind die Kosten für Produktion und Postproduktion so angestiegen, dass sich Projekte nur noch mit so vielen Ko-Produktionspartnern wie möglich realisieren lassen.


Vergiftete Hunde, Plagiate und das Ende der Kindheit

Um Hunde geht es auch in Perros (Hunde), einer schwarzen Komödie aus Uruguay von Gerardo Minutti. In der glühenden Sommerhitze überlässt ein Ehepaar vor der Urlaubsreise den Nachbarn den Wohnungsschlüssel, damit diese sich um den Hund kümmern können. Daraus entwickelt sich ein grässlicher Streit in der gutbürgerlichen Siedlung, an dessen Ende ein Hund tot ist und ein anderer einen Giftanschlag gerade noch überlebt.

Schwarzer Humor zeichnet auch den argentinischen Film Culpa cero (Keinerlei Schuld) von Valeria Bertuccelli aus, eine bissige Satire auf den Kulturbetrieb, bei dem eine Bestsellerautorin unter Plagiatsverdacht gerät, obwohl sie nie ein einziges Wort geschrieben hat, sondern das von einer schlecht bezahlten Ghostwriterin erledigen ließ. Auf die Frage nach der Situation des argentinischen Films in Zeiten des kulturellen Kahlschlags unter dem extremistisch neoliberalen Präsidenten Javier Milei erklärte die Regisseurin und Hauptdarstellerin Valeria Bertuccelli: „Schrecklich. Filme, die jetzt noch auf den Festivals laufen, sind ja fast alle noch unter alten Förderbedingungen entstanden. Für die Zukunft sehe ich schwarz“.

Der zweite argentinische Film im Wettbewerb, das Debüt Nunca fui a Disney (Ich war nie im Disneyland) von Matilde Tutti Visani, erzählt ruhig und sehr persönlich von dem Sommerurlaub eines 11-jährigen Mädchens, ihrer Mutter und ihrer Schwester sowie vom Abschied von der Kindheit.

Geschichte und Gegenwart: Krieg, Aufstand und das Wissen der Generationen

Neben Argentinien und Brasilien ist Mexiko das wichtigste Filmland Lateinamerikas. Eine Überraschung war El diablo en el camino (Der Teufel auf dem Weg) von Carlos Amella. Er führt zurück in die Nachkriegszeit, Anfang der 1930er Jahre, zur Guerra Cristera, dem blutigen Bürgerkrieg, der von 1926 bis 1929 zwischen der Regierung und Bauernmilizen, die der katholischen Kirche nahestanden, Teile des Landes verwüstete. Der Film zeigt mit ästhetischer Eindringlichkeit die mühsame Wanderung eines Vaters, der die Leiche seines verstorbenen Kindes durch die verwüstete Landschaft zu seinem Heimatdorf bringen will.

Weniger gelungen ist jedoch der Film Violentas mariposas (Gewalttätige Schmetterlinge) von Adolfo Dávila, der sich den aktuellen Protestbewegungen in Mexiko widmet. Die Rache einer jungen Frau nach einer Vergewaltigung an den straffreien Polizisten artet in ärgerliche Altherrenphantasien vom Aufstand der Jugend in apokalyptischen Zeiten aus.

Mit der Silbernen Dolde für die beste Bildgestaltung ausgezeichnet, erzählt Sugar Island aus der Dominikanischen Republik von kolonialer Unterdrückung und Widerstand. In traumartigen, stilisierten Fragmenten verknüpft Johanne Gómez Terrero Vergangenheit und Gegenwart mit dem täglichen Kampf der Frauen um Selbstbestimmung. „Die Kolonialisierung wirkt bis in unsere Gegenwart nach, weil sie immer noch präsent ist und ein Machtmuster etabliert. Es ist nicht mehr genau das Gleiche, aber das Machtmuster existiert noch heute. Auf der anderen Seite, wenn man sagt, dass es ein Frauenfilm ist, dann geht es ganz bewusst darum, dass Frauen in gewisser Weise die Hauptlast in der Gesellschaft tragen“.

Für das kommende Jahr hat das Festival eine neue Sektion im Programm angekündigt: América, América wird sich die Reihe dem Filmschaffen der Indigenen Gemeinschaften Lateinamerikas widmen.


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