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Hymne an einen gescheiterten Idealismus

Carla und George: Sie flieht vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land, er verspürt den Wunsch, aus seiner alltäglichen Tretmühle auszubrechen. 1987 kreuzen sich ihre Wege in einem Glasgower Bus: George, der Fahrer erlebt mit, wie ein Kontrolleur eine junge Ausländerin schikaniert. Spontan greift er ein. Der Beginn einer Liebesgeschichte, die sich anfangs sehr spröde entwickelt. Denn die Nicaraguanerin sucht zwar seine Nähe, weist ihn aber gleichzeitig mit panischer Vehemenz zurück. Ihr “don’t ask”, in holprigem Englisch hervorgestoßen, zieht sich wie ein trauriger Refrain durch “Carla’s Song”. Spätestens, als sie sich nach dem öffnen eines Stapels Briefe mit Absender in Nicaragua die Pulsadern aufschneidet, wird George klar, daß Carla ein Trauma mit sich herumschleppt. Trotz aller Angst, sie zu verlieren, sieht er die einzige Chance in einer Flucht nach vorne. Gemeinsam fliegen sie nach Nicaragua, um Carlas verschollenen Freund Antonio zu suchen.

Zwischen den Welten

So vollzieht der Film auf halber Strecke einen abrupten geographischen und atmosphärischen Wechsel. Während Carlas Erinnerungen an die Zeit, als sie mit einer Theatergruppe in den von Contras bedrohten Gebieten unterwegs war, peu à peu durch Rückblenden angedeutet wurden, scheint nach der Ankunft in Nicaragua Georges Welt nur noch in Form des “City of Glasgow” T-Shirts zu existieren, das er am Leibe trägt.
Von Eindrücken überflutetet, aber gleichzeitig voller spontaner Neugierde, tastet sich George – schlagfertig und einfühlsam verkörpert von Robert Carlyle (“Trainspotting”) – durch die verwirrende Realität: Auf Schritt und Tritt ist zu spüren, daß der Drehbuchautor Paul Laverty selbst in den achtziger Jahren in Nicaragua als Menschenrechtsanwalt gearbeitet hat. Das schafft eine starke Authentizität, birgt aber auch streckenweise die Gefahr, zu systematisch informativ sein zu wollen. So werden bei der Suche nach Antonio nacheinander Christliche Friedensorganisationen, Frauenzentren und Alphabetisierungprojekte vorgeführt. Gleichzeitig gelingt es Loach, diese Struktur immer wieder durch kuriose Situationen am Rande aufzulockern.
Erfrischend auch, daß er es riskiert hat, die Rolle Bradleys, eines Menschenrechtsaktivisten aus den USA, ausgerechnet mit dem eher als Haudegen bekannten Akteur Scott Glenn (“Das Schweigen der Lämmer”) zu besetzen. Gerade an dessen äußerst gebrochener Identität wird auch die spannungsgeladene Situation der internationalen Solidaritäts-Community deutlich, die in Nicaragua aktiv war.

Politische korrekte Darstellung – Widersprüche ausgeklammert

Angesichts des desolaten Zustands Nicaraguas, das seit Anfang dieses Jahres von dem ultrarechten Präsidenten Alemán regiert wird – und der Gespaltenheit der ehemaligen Sandinistischen Befreiungsfront – wirken viele Filmsequenzen wie rührende Reminiszenzen an einen gescheiterten Idealismus. Anders als “Land and Freedom”, der gerade auch die Auseinandersetzungen innerhalb des republikanischen Lagers und der internationalen Brigaden zum Thema hatte, setzt sich “Carla’s Song” nicht mit den inneren Widersprüchen der nicaraguanischen Revolution oder den romantischen Projektionen von außen auseinander, sondern spitzt alles auf die grausame und systematische Zermürbung durch die Contras und ihre Helfershelfer von der CIA zu. Das erscheint politisch korrekt, regt aber nicht gerade zu perspektivischen Diskussionen an. Eine große Stärke von “Carla’s Song” liegt dagegen in den persönlichen Momenten, in den bewegenden, zerrissenen Lebens- und Liebesgeschichten
im Schatten des politischen Befreiungskampfes. Nicht zufällig liegt am Schluß eine leise – ein bißchen ironische, ein bißchen pathetische – Anspielung an Casablanca in der Luft.

“Carla’s Song”, Großbritannien/ Deutschland/ Spanien 1996; Regie: Ken Loach; Farbe: 127 Minuten.

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