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„Ich bin süchtig nach dieser Stadt“

Warum haben Sie nach La vida es silbar nun wieder einen Dokumentarfilm gedreht?
Im Grunde genommen halte ich es für meine Berufung Spielfilme zu drehen. Ich fühle mich dabei viel sicherer. Im Dezember 2002 hatte ich bereits zwei Drehbücher für Spielfilme geschrieben, die es natürlich immer noch gibt, und wartete auf eine Finanzierungsmöglichkeit. Genau zu diesem Zeitpunkt bekam ich jedoch von José Maria Morales, dem spanischen Produzenten mit dem ich bereits bei La vida es silbar zusammengearbeitet hatte, das Angebot einen Dokumentarfilm zu drehen. Seine Anfrage war an drei Bedingungen geknüpft: eine Dauer von 55 Minuten, in digitaler Form, und mit freier Themenwahl – allerdings über Havanna. Nach einer Woche Bedenkzeit habe ich ihm zugesagt, und zwar aus drei Gründen: Ich hatte damals bereits vier Jahre nicht gedreht und bekam die Möglichkeit digitales Kino zu machen, worin ich bisher keine Erfahrung hatte. Drittens war das Thema La Habana – und ich bin süchtig nach dieser Stadt.

Könnte man den Film also als Ihr persönliches Liebesgedicht für Havanna beschreiben?
Ja, das kann man. Ich hätte das Wort „Gedicht“ selber nicht benutzt, weil sich das aus meinem Mund so übertrieben anhört. Aber tatsächlich hab ich diesen Film aus Liebe zu Havanna gemacht – zur Realität dieser Stadt, den Menschen und allem, was mich dort umgibt. Das heißt aber nicht, dass der Film oberflächlich ist. Er zeigt auch Widersprüche auf und teilweise ist der Blick auf gewisse Dinge sogar schmerzhaft.

Ihr Film besteht ausschließlich aus Bildern und Musik beziehungsweise Geräuschen. Was war der Grund für Sie, ganz auf Dialoge zu verzichten?
Ich glaube an das Bild als Ausdrucksmittel emotionaler und seelischer Zustände. In meinen letzten Spielfilmen steht das Bild als Ausdrucksform ebenfalls sehr im Vordergrund. Weiterhin denke ich, dass die Form des Interviews in Dokumentarfilmen Überhand genommen hat. Es war daher bereits im Vorfeld klar, dass ich ohne Dialoge arbeiten wollte.

Wie kam der Titel des Films zustande?
Als wir entschieden, dass wir einen Film machen wollten, der vor allem auf Bildern aufbaut, wussten wir, dass der Film eine bestimmte musikalische Struktur haben musste. Nach und nach entschied ich, dass diese Struktur die einer Suite sein sollte: eine musikalische Komposition, die ein bestimmtes Thema mit vielen Variationen wiederholt – bis hin zu tanzbaren Varianten. Die Suite an sich haben wir dann selbst erfunden und sie Havanna gewidmet. Es ist eine Suite des Alltags in Havanna, eine Suite des Lärms. Havanna ist schließlich eine der lautesten Städte der Welt. Alles ist erfüllt von Geräuschen.

Wie genau ist der Film entstanden? Gab es ein Drehbuch? Und wie haben Sie die zehn DarstellerInnen gefunden?
Nein, der Film hat kein Drehbuch. Fest stand nur die Struktur. Wir wollten 24 Stunden im Leben mehrerer Einwohner Havannas zeigen. Wir haben uns sehr viel Zeit gelassen für die Vorbereitungen. Denn ich glaube, es gibt nicht nur ein Havanna, sondern viele. Nach und nach haben wir uns für ein Havanna entschieden, das für mich auch sehr repräsentativ ist, weil die meisten Menschen so leben. Viele der Darsteller kannte ich bereits – nicht persönlich, aber ich wusste von ihrer Existenz. Ich musste sie also nur finden und überzeugen. Ihnen habe ich viel zu verdanken, denn sie haben uns die Türen ihrer Häuser geöffnet, uns in ihr Leben eingelassen, ohne etwas dafür zu verlangen.
Die endgültige Struktur des Films haben wir im Schneideraum festgelegt. Zwei Monate haben wir darauf verwandt, jede Geschichte einzeln zu editieren und kürzen und danach alle zu einer einzigen Geschichte zusammenzufügen. Später haben wir entschieden, die Tonspur separat zu erstellen. Das dauerte weitere zwei Monate. Wir wollten, dass der Ton authentisch erscheint und entschieden, dass eine künstlich erschaffene Geräuschkulisse aussagekräftiger sei.

Der Film ist sehr realistisch und zeigt das einfache, teilweise ärmliche Leben vieler Menschen in Havanna. Gleichzeitig spart der Film jedoch sowohl extreme Armut wie großen Reichtum aus und zeigt auch weder Kriminalität noch Ausgrenzung. War das beabsichtigt?
Zu Beginn haben wir versucht auch diese Seiten Havannas zu zeigen. Ich habe zum Beispiel mit Pedro Juan Gutiérrez, dem Autor des Buches Trilogía Sucia de La Habana, gesprochen. Er stellt in seinem Buch eben diese Seite von Korruption und Ausgrenzung in Havanna dar, die ja auch wirklich existiert. Wir haben versucht, Zugang zu diesem Bereich Havannas zu bekommen, aber das war nicht leicht. Ich denke, dass die Literatur hier Darstellungsformen hat, die das Kino nicht zulässt. So kommt es, dass man wohl eine, zwei, drei und auch vier Suite Habana machen könnte, um die unterschiedlichen Realitäten aufzuzeigen.

Eine der zehn Personen des Films ist ein zehnjähriger Junge. Ein anderer wandert in die USA aus. Unter anderem geht es auch um die Träume der Menschen. Wollten Sie eine Vision für die Zukunft Kubas zeichnen?
Mehr als die Zukunft – ich bin ja schließlich kein Hellseher – wollte ich die Gegenwart zeigen. Aber eine Gegenwart, die dem Zuschauer die Möglichkeit zu eigenen Reflexionen gibt. Eines der Ziele von Suite Habana war, dem Publikum die Möglichkeit zu geben, mittels des Kleinen und Alltäglichen, über universellere und größere Dinge nachzudenken. Der Zuschauer sollte sich nach dem Film fragen: Welchen Sinn hat das Leben? Und welchen hat es für mich? Welche Träume habe ich, und welche nicht? Was sind meine Ziele und was tue ich dafür, diese zu erreichen? Der Film kann sicherlich keine Antworten auf diese Fragen geben, aber ich glaube er kann helfen, über universellere Dinge als das Momentane nachzudenken. Der Film ist aber sicherlich keine Prognose, wie die Zukunft einmal sein könnte.

Was ist Ihr Traum für Havanna?
Ich muss sagen, dass ich mir natürlich wünsche, dass es Veränderungen geben kann. Gleichzeitig wünsche ich aber auch, dass sich gewisse Dinge eben nicht ändern. Man sagt immer, der Sozialismus mache alles und alle uniform. Aber wenn ich mir die Welt heute so anschaue, muss ich sagen, dass es doch wohl eher der Kapitalismus ist, der die Welt uniformiert, oder?

Viele KubanerInnen äußerten nach Kinovorführungen, dass sie sich durch
den Film repräsentiert fühlten. Gleichzeitig zeigt der Film ein anderes Bild von Kuba als im Ausland oft dargestellt wird: in Film wird weder viel gesprochen, noch getanzt und auch die Musik ist keinesfalls die, die wir als „typisch kubanisch“ kennen.
Ja, das war die größte Herausforderung des Films. Suite Habana ist bereits in Europa, in den USA und in einigen lateinamerikanischen Ländern gezeigt worden. In all diesen Ländern herrscht eine sehr unterschiedliche Realität. Ich denke, es ist neben all den Einzelreaktionen vieler Menschen zu einer Länder und Kultur übergreifenden Anerkennung und Identifikation mit den Gefühlen der Personen des Films gekommen. Nach einer Aufführung in der Schweiz kam ein Chinese auf mich zu, der sehr gerührt war. Er sagte mir, dass er das Gefühl gehabt habe, im Film einen Teil seines Lebens in Shanghai zu sehen. Das ist das Schöne an der Kunst: Sie ist eine universelle Sprache, die von den Konflikten der Menschen ausgeht und geographische Unterschiede verschwinden lässt.

Was wird Ihr nächstes Projekt sein?
Im Januar werde ich in Havanna mit einem neuen Projekt beginnen. Der Film wird Madrigal heißen und sich sehr von Suite Habana unterscheiden. Er besteht aus zwei Geschichten: Die erste handelt in der Welt des Theaters im heutigen Havanna und hat nicht das Ziel ein realistisches Bild aufzuzeigen. Er soll Einblick in eine „andere Realität“ geben. Die zweite Geschichte wird abgeleitet aus der ersten, ist aber rein fiktiv und spielt in der Zukunft. Aber mehr kann ich natürlich nicht verraten.

Suite Havanna, Kuba 2003, 80 Minuten. Kinostart Berlin: 25.11.2004 fsk-Kino, Kreuzberg. Hamburg: 23.12.2004.

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