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„Ich brauche kein zusätzliches Denkmal“

Herr Finkelstein, sie waren Herausgeber des Semanario Israelita. Können sie uns erzählen wann und für wen diese Zeitung gegründet wurde?

Das Semanario Israelita wurde vor 40 Jahren für die deutschsprachigen jüdischen Immigranten aus Mitteleuropa gegründet. Vorgänger des Semanarios war die jüdische Wochenschau. Diese war ein Einmannbetrieb und als der Chefredakteur verstarb, beschloß ein Jahr später die Theodor Herzl Gesellschaft, dass wir den zionistischen Gedanken weiterführen und uns ein jüdisches Blatt gönnen sollten. Da ich schon über 20 Jahre Redakteur des Argentinischen Tagesblattes war und der einzige, der etwas von Journalismus verstand, übergab man mir die Leitung. Ich war der alleinige Herausgeber, Verleger und Chefredakteur. Ich habe sehr viel redigiert, unter verschiedenen Namen und Kürzeln selber geschrieben und, um nicht alles zu eintönig zu machen, versuchte ich dabei den Stil auch ein bisschen zu variieren. Das Semanario Israelita erfüllte sozusagen den Zweck, die Verbindung mit der Vergangenheit wachzuhalten. Meine Aufgabe sah ich darin, ein neues Bild von Deutschland zu zeichnen, weil viele der ImmigrantInnen von der Nazizeit so geprägt waren, dass einige nie mehr einen Fuß auf deutschen Boden setzen wollten. Ich habe immer die Meinung vertreten, daß es erstens nicht die Juden gibt, so wie es auch nicht die Deutschen gibt. Zweitens glaube ich, dass die Menschen, die heute in der BRD das Sagen haben, nicht dieselben sind, wie während der Nazizeit. Es war notwendig, eine jüdische Identität zu stiften. Keine jüdische Institution hat sich dafür interessiert, was die anderen machen. In meiner Zeitung kam das gesamte Bild dieser Immigrantenschicksalsgemeinde zum Ausdruck. Die verschiedensten Gemeinden deutsch-jüdischen Ursprungs haben bei mir annonciert, ihre Programme und ihre Tätigkeiten angekündigt, so dass alle Leute sehen konnten, dass mehr geschieht als in ihrem kleinen normalen Umfeld. Auf Spanisch gab es nur zwei Seiten, in der Hoffnung auch junge LeserInnen anzusprechen, denn die zweite und dritte Generation sprach kaum mehr Deutsch. Die meisten fühlten sich als ArgentinierInnen und für sie war unsere Geschichte eine ferne Historie. Ich habe die deutsche Sprache aber als Grundlage gesehen. Das führte dann auch zum Ende dieser Zeitung, denn diese kleine Gruppe überalterte zunehmend.

In Argentinien gibt es auch eine große deutsche Gemeinde. Wie war denn der Kontakt zu diesen deutschsprachigen Einwanderern?

Ich würde sagen, es gab eine Kristallwand. Natürlich gab es viele Kontakte. Ich hatte sehr viele nicht-jüdische Bekannte unter den Deutschen. Aber jeder hat immer sein eigenes Süppchen gekocht. Wir waren ja insgesamt alle Minderheiten. Es gab Kontakt, aber keinen intensiven Austausch. Man hat sich im Goethe-Institut zu Veranstaltungen getroffen und bei deutschen Theaterstücken, wenn es welche gab. Ich war bei praktisch jedem Empfang in der deutschen Botschaft, wo ich mit anderen Kollegen und Leuten zusammenkam. Es gab auch viele Nazis, die nach dem Krieg nach Argentinien geflüchtet sind. Das waren etliche Hundert, die sich aber ganz mucksmäuschenstill irgendwo zurückgezogen haben, um nicht aufzufallen. Bei vielen wußte man nicht, dass sie Altnazis waren. Das haben wir erst später erfahren. Ich kann mir vorstellen, dass ich neben Mengele oder neben Eichmann in der Strassenbahn oder im Bus gesessen habe.

Das muß ja einen großen Wirbel gegeben haben, als Eichmann in Argentinien verhaftet wurde?

Ja, das war natürlich ein Wirbel. Keiner hat nur geahnt, dass er in Argentinien lebt. Angeblich soll er bei Mercedes Benz unter dem Namen Klement gearbeitet haben. Sie haben deshalb alle leise getreten, um ja nicht ins Rampenlicht oder auf eine Liste von Simon Wiesenthal oder wem auch immer zu kommen.

Wie haben sie die Zeit vor dem Militärputsch vom 24. März 1976 erlebt?

Das war die schlimmste Epoche, die ich miterlebt habe. Dieser Militärputsch kam nicht aus heiterem Himmel. In Argentinien gab es seit 1930 andauernd Militärputsche. Es wurde immer versucht eine demokratische Regierung zu stürzen, wenn sie nicht gewisse Interessen vertrat. Perón war von Militärs abgesetzt worden. Dann wurde wieder gewählt, wieder geputscht, usw. Eines Tages wurde ein radikaler Linker gewählt, Héctor Campora. Er war der Stadthalter Peróns. Inzwischen gab es in der peronistischen Partei zwischen Links- und Rechtsextremen Reibereien. In den Jahren 1974 und 1975 wurde mit allen Mitteln, die ein Terrorist zu Verfügung hatte, versucht an die Macht zu kommen. Es wurden Bomben gelegt und unschuldige Menschen gegen Lösegeld entführt. Es wurde wahllos geschossen.

Wen meinen Sie, wenn sie von Terroristen sprechen?

Das waren Linksextreme und Rechtsextreme. Das heißt, die Linken fingen mit dem Bombenterror an, und die Rechten antworteten milizenartig. Das normale Volk stand in der Mitte. Es herrschte ein Klima der totalen Unsicherheit. Übertrieben gesagt, man traute sich kaum noch auf die Straße. In der Zwischenzeit, vor dem Tode Peróns, kam seine zweite Frau Isabel an die Macht. Sie war eine total unfähige Frau. An ihrer Seite hatte sie den damaligen Berater Peróns José Lopez Rega. Er war damals Unteroffizier bei der Polizei. Als Perón zurückkam wurde dieser zum General der Polizei befördert. Er schaffte sich eine kleine Hausmiliz an, um dem roten Terror zu begegnen. Und als das Chaos total war und die Wirtschaft am Boden lag, kamen die Militärs am 24. März und das ganze Land atmete erleichtert auf. Die meisten Argentinier waren es gewohnt, dass da oben ein Caudillo, ein Führer, ein Macho sitzt, der alles leitet und unsereiner kann sowieso nichts dagegen machen. Je besser der Führer, um so besser wird es dem Land gehen. Es wird endlich Ruhe einkehren. Aber keiner von uns ahnte, dass dann Friedhofsruhe einkehren würde. Denn dann begann der Staatsterror. Tausende von Menschen sind verschwunden, verschollen, das heißt sie wurden auf brutalste Art und Weise gefoltert und dann ermordet. Und wir saßen da und hatten einfach nur Angst. Nachdem ich schon eine Diktatur im schlimmsten Sinne in Deutschland kennengelernt hatte, war meine Lehre, die ich darausgezogen hatte, entweder abzuhauen, oder nicht aufzufallen, um die Zeit zu überleben. Mit dem Auswandern, das ist leicht gesagt, wenn man eine Wohnung hat, die man sich aus dem Nichts erarbeitet hatte. Unsere Angst war, dass unsereiner in irgendeinem Telefon- oder Adressbuch von einem Verhafteten steht. Da wurden sie alle einkassiert.

Haben sie während der Zeit der Militärdiktatur Antisemitismus seitens des Regimes an ihrer Person verspürt?

Nein, ganz im Gegenteil. Die Militärs pochten auf Zucht und Ordnung und duldeten auch keinen Antisemitismus. Die Anschläge und Ausschreitungen waren mehr oder weniger harmlos. Es wurde mal eine Teerbombe gegen eine Synagoge geworfen oder eine Fensterscheibe eingeschlagen. Diese Anschläge wurden nicht von Militärs verübt. Da hatte jeder Angst, überhaupt was zu machen. Sie waren alle ganz mucksmäuschenstill.

Und seitens der Bevölkerung?

Die wussten doch gar nicht wer Jude ist und wer nicht. Die hatten davon doch keine Ahnung. In Argentinien nennt man alle Spanier gallegos, egal ob sie Basken oder Katalanen sind. Alle Italiener heissen tanos, ob sie vom Norden kommen oder aus Sizilien. Die Menschen aus den Mittelmeerstaaten Türkei, Syrien und Griechenland werden turcos genannt. Und die ersten Juden, die ins Land kamen, waren die russischen Juden, deshalb heissen sie rusos. Das war nicht diskriminierend gemeint. Auch einen Freund hat man gerufen, ché gallego oder ché ruso.

Wenn man in die Geschichte Argentiniens schaut, gab es im letzten Jahrhundert öfter Anschläge auf die jüdische Bevölkerung dort. Wo sehen sie die Ursachen dafür?

Es gab immer den von der katholischen Kirche gesteuerten Antisemitismus, der kein rassistischer Antisemitismus, im Sinne der Nazis in Deutschland war. Das war dieser kirchliche Antisemitismus, weil die Juden Jesus Christus getötet haben, und sie deshalb für ewig verdammt sind. Und wenn es eine Wirtschaftskrise gab, war es leicht einen Juden als Schuldigen zu finden. Das kam bei den einfachen Leuten an. Aber es gab keinen ausgeprägten Antisemitismus unter der Bevölkerung.

Und diese Übergriffe kamen von einzelnen Gruppen?

Das waren ganz minimale Randgruppen, die es in jeder Gesellschaft gibt. Es gibt immer Fanatiker. Es gab eine Nationalsozialistische Arbeiterpartei: (NSDAP-AO) in Argentinien. Sie stand unter der Leitung eines kleinen, schmächtigen, schwarzen Mannes. Unter Hitler wäre er als rassenuntauglich schon längst im KZ gelandet. In den ultrakatholischen Kreisen gab es natürlich auch Antisemiten, zum Beispiel beim Opus Dei.

Um nochmal auf das Semanario Israelita zurückkommen. Welche politische Linie verfolgte ihre Zeitung während der Militärdiktatur?

Die politische Linie war, nicht aufzufallen. Wenn ich irgendwelche Misstände unterstreichen wollte, schrieb ich von Uganda und überließ es der Intelligenz des Lesers, Parallelen zwischen Uganda und Argentinien zu ziehen. Aber ich erwähnte nicht das Wort Argentinien. Der Unterrichtsminister während dieser Zeit war ein ganz notorischer Faschist. Da wagte ich einmal Kritik zu äußern und hatte gleich am nächsten Tag die Geheimpolizei bei mir im Büro.

Wie viele Mitarbeiter hatten sie während der Zeit der Militärdiktatur?

Wir waren so um die acht bis zehn ehrenamtliche Mitarbeiter. In Buenos Aires waren es sechs bis sieben Leute, die immer dabei waren. Dazu hatten wir noch je einen Mitarbeiter in San Francisco, Israel, London und Österreich.

Sie sind jetzt seit zwei Jahren wieder in Deutschland. Was bedeutet Heimat für sie? War das für sie eine Rückkehr in die Heimat? Was verbinden sie mit diesem Begriff?

Das ist eine der schwierigsten Fragen, die man mir stellen kann. Aber für mich war Heimat an erster Stelle die Sprache. An zweiter Stelle prägte mich und die meisten meiner Schicksalsgenossen damals in Argentinien unsere deutsche Erziehung. Es war auch zum Beispiel ein Teil der Heimat, was man für Musik gehört hat oder was für Kinderlieder man gelernt hat. Die ganze deutsche Literatur, die ganzen Klassiker wie Goethe, Schiller, Thomas Mann und eventuell Brecht gehörten auch dazu, aber da wurde man schon verdächtig. Man war von der Vergangenheit geprägt und dazu kam, dass die meisten meiner Leute, wie auch ich, sich nicht in Argentinien einleben konnten. Wir waren immer die Gringos. Erst in der zweiten Generation war man dann Argentinier.

Also ist Deutschland für sie ihre Heimat?

Es war meine Heimat. Aber Heimat hat noch eine andere Bedeutung. Heimat ist eigentlich der Mensch an sich. Ich hatte keine Schulkameraden, keine Verwandten und Bekannten mehr. Es war für mich eine total fremde Umwelt, aber auf Grund meiner Erziehung und der Sprache fühle ich mich doch zu Hause. Ich war nicht mehr der Gringo. Als wir Juden flüchteten und deutschen Boden verließen, wurden wir automatisch ausgebürgert. Als dann die Bundesregierung begann wieder normale Zustände zu schaffen, konnten wir einen Antrag auf Wiedereinbürgerung stellen. Einige wollten nie wieder deutschen Boden betreten. Andere legten da keinen Wert drauf und nahmen die argentinische Staatsbürgerschaft an. Der größte Teil sagte, ich gehöre zu Deutschland, und die die mich jetzt einbürgern wollen, sind nicht dieselben, die mich ausgebürgert haben. Ich persönlich habe mich wieder einbürgern lassen. Ich war ja Deutscher und fühle mich als Deutscher. Alles aufzugeben, was ich mir in Argentinien aufgebaut hatte, erschien mir zwar unmöglich, aber dennoch faßte ich den Entschluß zurückzukehren. Ich habe es gut überstanden, trotz aller Warnungen.

Das Thema der Erinnerung an die Shoah führt in Deutschland oft zu heftigen Debatten, zum Beispiel zwischen Walser und Bubis und in Bezug auf das jüngst erschienene Buch „Holocaust Industrie“ von Norman Finkelstein. Wie erfahren sie den Umgang mit diesem Thema hier in Deutschland?

Ich finde das Thema wird krampfhaft behandelt. Es gibt keine normale Beziehung dazu. Diese ganzen Gedenkstätten, die brauche ich als deutscher Jude nicht. Mir genügt zum Beispiel ein Denkmal, wie das Schild am Wittenbergplatz, völlig aus. Ich brauche kein zusätzliches Denkmal. Man sollte einen seriösen Geschichtsunterricht in der Schule beginnen. Nicht einfach Schulklassen durch Auschwitz ziehen lassen, damit sie dort ihre Butterbrote essen und wieder rausgehen. Das bringt alles nichts. Sechs Millionen Tote sind Statistik. Aber ein oder zwei Schicksale herauspicken und vergegenwärtigen, so dass man sich mit dem Opfer identifizieren kann, bringt einen zum Nachdenken. Man sollte den Kindern beibringen, was Hitler für Unheil über Deutschland und die ganze Welt gebracht hat, und was er den Nicht-Juden angetan hat. Die Zigeuner, die Homosexullen, die Andersdenkenden, die Schriftsteller, die ermordet worden sind, sollte man erwähnen. Das ist meine Meinung. Dieses Denkmal mit den Stelen, wer braucht das schon? Dafür dass die Hunde es anpinkeln, und die Nazis es vollschmieren?

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