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„Ich habe einfach die Realität abgebildet“

Uli, das war ja eine besondere Drehsituation. Wie bist du auf die Leute zugegangen?

Das Ganze war eigentlich als Recherche geplant. Ich habe relativ in der Nähe gewohnt, nur fünf Stunden von der Grenze entfernt, und war so immer nur mit einem kleinen Rucksack und mit der kleinen Kamera in einer Bauchtasche unterwegs. Wenn ich den MigrantInnen erklärt habe, was ich mache, haben sie auch sehr schnell angefangen zu erzählen. Teilweise bin ich auch ein bis zwei Tage mit einer Gruppe zusammengeblieben, dann bin ich nicht in eine Pension gegangen, sondern habe mit ihnen zusammen genächtigt. Die MigrantInnen waren in einer Stresssituation, sie waren sehr angespannt, da sie da ja quasi illegal waren. Doch sobald sie merkten, dass ich mich wirklich für sie interessiere, haben sie angefangen zu reden. Frauen und Männer gleichermaßen. Ganz erstaunlich war das bei der Gruppe junger Frauen. Da hatte ich eine Totale gemacht und bin dann auf sie zugegangen und habe gefragt, ob sie mal erzählen wollen, wo sie herkommen und wie es ihnen so ergangen ist. Dann haben sie reihum erzählt, und das war schon die Drehsituation.
Du bist dann auch mal auf den Zug aufgestiegen und hast gefilmt.
Ja, insgesamt war ich ungefähr viermal je eine Woche da. Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich am Anfang Angst und Respekt vor diesem Zug hatte. Ich hatte ja auch die Interviews mit den Verletzten gemacht. Erst beim letzten Mal bin ich auch ein Stück mitgefahren. Ich habe eine Situation abgewartet mit einer Gruppe, die ich schon zwei Tage kannte, bin dann einfach mit aufgesprungen, vier bis fünf Stunden mitgefahren und bei Einbruch der Dunkelheit wieder abgesprungen. Auf dem Zug war dann oft eine ganz andere Stimmung, da sind die Leute froh, dass sie es geschafft haben, sind relaxter und schöpfen wieder Hoffnung mit jedem Kilometer, den sie hinter sich bringen.

Und wie hast du es geschafft, in der Migrationsbehörde und im Abschiebegefängnis zu drehen?

Beim ersten Mal hatte ich ein Gespräch mit der Presseverantwortlichen. Eigentlich darf man da nicht filmen, aber sie hatte mir erlaubt, in dem Vorhof Bilder zu machen. Ein Interview im Film wurde dann auch in ihrem Beisein gedreht. Während dessen führten Soldaten auf einmal festgenommene Migranten herein und eine interviewte Frau fragte spontan, ohne dass die Presseverantwortliche das mitbekommen hat, vor laufender Kamera den Offizier, ob denn die Armee die Migranten überhaupt festnehmen dürfe. Diese Frage hätte ich mir in diesem Moment nicht erlaubt.
Die Aufnahmen hinten im Zellenbereich konnte ich an einem Sonntag machen, als die Presseverantwortliche nicht da war. Da sieht man die 200 – 300 Leute, die sie festgenommen hatten, was ich ja auch gedreht hatte. Ich bin einfach mit reingegangen und habe gedreht, die Bediensteten dachten, ich hätte eine Dreherlaubnis. Es war für mich auf jeden Fall immer ein Vorteil, dass meine Kamera so klein war.

Hat der Film eine bestimmte Absicht? Soll er aufklären, abschrecken, politisieren?

Im Prinzip habe ich einfach die Realität abgebildet. Der Film geht ja in keine Richtung. Die Dramaturgie ergibt sich durch die Geografie und die Ereignisse. Diese kleine Grenzregion ist der Beginn und das Ende für viele. Dahinter steckt keine Absicht als solche. Die Reaktion darauf kann ein größeres Bewusstsein und ein größeres Engagement sein. Der Film gibt genug Argumente für potenzielle Migranten, zu sehen, wie gefährlich diese Reise ist und dass ihre jeweiligen Regierungen sich mehr für sie einsetzen müssen statt nur die remesas (Geldüberweisungen in die Heimat) in den Himmel zu loben. Bisher ist die Politik ja von einer Doppelmoral geprägt: Ein Land hat mit dem Nachbarland ein Abschiebeabkommen, aber letztendlich sitzen sie alle in einem Boot.

Kasten:

Durchschnittlich 200 zentralamerikanische MigrantInnen sterben jährlich in Mexiko bei dem Versuch, in die USA zu gelangen. Mehr als 100 Personen werden zu InvalidInnen in Folge von Zugunfällen oder Polizeiübergriffen. Jeden Monat passieren 25.000 ZentralmerikerInnen „illegal“ die mexikanische Südgrenze.
Diese Zahlen nennt eine Studie, die Abgeordnete des mexikanischen Parlaments im Januar veröffentlichten. Allerdings gehen regierungsunabhängige Organisationen sowie zentralamerikanische Regierungen von über 450 Toten pro Jahr aus, da es Hunderte von MigrantInnen gebe, deren Verbleib ungeklärt sei.
Die Abgeordneten kritisieren, dass das aktuelle Einwohnergesetz (Ley General de Población) den MigrationsbeamtInnen einen unbegrenzten Handlungsspielraum bei der Verfolgung und Inhaftierung der undokumentierten MigrantInnen einräume. Laut der Studie „behandelt das Gesetz diese Personen wie Kriminelle und schlechter als die mexikanischen Emigranten in den USA behandelt werden“.
Die rechtliche Lage scheint sich weiter zu verschärfen. Nach Angaben der mexikanischen Tageszeitung El Universal hat das Innenministerium angekündigt, in Mexiko festgenommene MigrantInnen hätten kein Recht auf Besuche und humanitäre Betreuung. Nach den neuen Regelungen sollen nicht einmal VertreterInnen von Menschenrechtsorganisationen Zugang zu den Einrichtungen der Nationalen Migrationsbehörde INM haben, um die Situation der MigrantInnen zu überprüfen.
LN/Poonal

Kasten:

Nach Norden – Auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum

Sie kommen aus Honduras, Nicaragua, Mexiko, El Salvador und Guatemala. Mehr als eine Million Menschen versuchen jedes Jahr die Grenze zu den USA illegal zu überqueren. Sie glauben, sie haben nichts zu verlieren. In ihrer Heimat gibt es keine Perspektive. Sie lassen deshalb ihre Familien, ihr Zuhause, ihre Traditionen zurück.
Eine Reportage von der LN-Mitarbeiterin Stephanie Rauer mit einigen Ausschnitten aus Uli Stelzners Film „Angriff auf den Traum“
Focus TV spezial, Samstag, 24.3.2007, 22.00 Uhr auf VOX, 100 min

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