Nicaragua | Nummer 231/232 - Sept./Okt. 1993

„Ich kann mich ganz leicht mit ihnen identifizieren…“

Die sandinistische Parlamentsabgeordnete Doris Tijerino über ihre Geiselnahme durch wiederbewaffnete Contras

Für Doris Tijerino war es nicht das erste Mal, daß sie Gefangene war. Anfang der 70er Jahre war sie in den Knästen der Somoza-Diktatur brutal gefoltert und vergewaltigt worden. Daß das Regime sie schließlich freilassen mußte, verdankte sie weder Parlament noch Justiz, sondern den mutigen Aktionen von StudentInnen, die Kirchen, Schulen und die Kathedrale von Managua besetzten. Nach der Revolution wurde Doris Tijerino Oberkommandierende der Sandinistischen Polizei, heute ist sie Abgeordnete der FSLN im nicaraguanischen Parlament. Und wieder wurde sie Gefangene: Zusammen mit der gesamten Friedenskommission von Parlament und Regierung nahmen wiederbewaffnete Contras der sogenannten „Frente Norte 3-80“ sie in den Bergen Nord-Nicaraguas als Geisel. Die Gegen-Aktion für ihre Befreiung allerdings war von anderem Kaliber als jene der 70er Jahre: Keine 24 Stunden später nahm am hellichten Tage und mitten in Managua ein Kommando ehemaliger sandinistischer Militärs fast die komplette Führungsriege der rechten Parteien gefangen. Die Bilder gingen um die Welt. Und fast eine Woche lang dauerten die Verhandlungen, bis ein friedliches Ende der doppelten Geiselkrise erreicht wurde. Das folgende Interview mit Doris Tijerino über ihre persönlichen Eindrücke und Gedanken während der Entführung haben wir leicht gekürzt der „Barricada“ vom 2. September entnommen.

Übersetzung: Bert Hoffmann

„Ich wehre mich dagegen, wie manipuliert der Anti-Sandinismus ist.“

War die Realität, die Sie dort im Norden vorfanden, anders, als Sie erwartet haben?
Doris Tijerino: Es war nicht das erste Mal, daß ich mit Bewaffneten aus diesem Teil der Gesellschaft in Kontakt getreten bin. Dennoch war es für mich im ersten Moment ein Schlag, es war frustrierend, daß es zu einem solch extremen Vorfall kam, wie wir ihn erlebt haben.

Aber nach dem ersten Moment haben wir auf der menschlichen Ebene eine Annäherung an die Gruppe der Contras bemerkt. Was ist da in Doris Tijerino vorgegangen?
Das, was mir immer mit ihnen passiert. Ich wehre mich gegen das Phänomen der Konterrevolution, weil ich es tief in mir als eine ungerechte Reaktion gegen ein revolutionäres Projekt empfinde, das sehr schön war, sehr menschlich, wie es – unabhängig von allen Fehlern, die wir begangen haben – die sandinistische Revolution war. Und ich wehre mich auch dagegen, wie manipuliert das Gefühl des Anti-Kommunismus, des Anti-Sandinismus gewesen ist. Aber als Personen lehne ich sie – von Ausnahmen abgesehen – nicht ab. Ganz im Gegenteil: Ich kann mich ganz leicht mit ihnen identifizieren, aus einer Perspektive der Klasse heraus, als Proletarier, als Campesinos, als Personen, die historisch immer marginalisiert gewesen sind.
Der erste Eindruck, den jemand auf mich macht, hat für mich große Bedeutung. Und fast immer ist es der Blick, der den ersten Eindruck bestimmt. Ich kann nicht verhehlen, daß da einige Leute dabei waren, die mich erschreckt haben. Bei einem Comandante etwa sah ich, obwohl er die ganze Zeit kein Wort gesprochen hat, Haß in den Augen, den Wunsch, uns zu zerstören. Das war jedoch nicht der Fall bei Herrn Talavera (Deckname „Schakal“, der Anführer der Geiselnehmer, Anm. d. Red.) oder seinen Brüdern.

Was halten Sie nach dieser Erfahrung für die Hauptursache für die Wiederbewaffnung der ehemaligen Contra-Kämpfer?
Ich bin verwirrt. Oft scheint mir, daß das Elend und die völlige Vernachlässigung der Campesinos einen großen Einfluß haben. Um das mitzubekommen, reicht es zu sehen, wie sie leben. Das ist eine Sache, die jeden aus der Fassung bringt. Aber verwirrt hat mich ein Gespräch, das ich mit einem der Comandantes führte. Er sagte mir, sie könnten nicht kategorisch behaupten, die Regierung hätte keines ihrer Versprechen erfüllt, denn sie hat ihnen Land gegeben; aber dann haben sie nicht die für die Aussaat nötigen Kredite bekommen. Eine große Rolle scheint mir also die Sorge darüber zu spielen, ob es ein echtes Bemühen gibt, die Probleme der Bauern wirklich zu lösen.

Und ist es Ihrer Meinung nach auch dieser schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Situation geschuldet, daß die Campesinos Sympathie und Unterstützung für die wiederbewaffneten Contras zeigen?
Die Wiederbewaffneten sind Teil dieser Campesinos, und wenn ihre sozioökonomischen Forderungen einer Realität entsprechen, die die Bauern erleben, dann ist es logisch, daß sie diese Gruppen unterstützen. Für mich ist unsere Herausforderung, eine vereinheitlichte und kohärente Artikulation der Bauern selbst zu erreichen, so daß sie nicht mehr den Forderungen der einen oder der anderen Partei hinterherlaufen müssen. Denn letztlich werden so ihre Probleme nicht gelöst. Aber über Sympathie oder Unterstützung will ich in solchen Situationen (wie der Geiselnahme) nicht urteilen. Mir, die ich Geisel war, haben die Campesinos jeden Morgen heiße Milch zum Frühstück gebracht, und auch das kann als Sympathie interpretiert werden.

Was hat Sie am meisten getroffen während der Geiselnahme?
Geschockt hat mich die Tatsache, daß Campesinos mich ablehnen; mich ablehnen, weil ich Sandinistin bin. Für diesen Kampf, Wohlergehen für diesen Teil der Gesellschaft zu erreichen, habe ich mehr als mein halbes Leben gegeben. Und nach all dem zu sehen, daß sie mich nicht verstehen, mich nicht akzeptieren, mich ablehnen bis zu dem Extrem, mich als Geisel gefangen zu nehmen… Ich habe (dem Recontra-Führer) „Esteban“ gesagt, daß ich der FSLN beigetreten bin, um für die Campesinos und die Arbeiter zu kämpfen, nicht für meine eigene Klasse. Und daß ich nicht verstehe, wie sie sich so leicht mit Sektoren der Bourgeoisie verbünden. Das zu akzeptieren, fällt mir sehr schwer. Und stark getroffen hat mich auch, dort, in der „Frente Norte 3-80“, Personen zu finden, die zu einem Zeitpunkt ihres Lebens Sandinisten gewesen waren.

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