Ich komme von nirgendwo, von hier
Bosque arriba en la montaña zeigt anhand eines Polizeimordes systematische Gewalt an den Mapuche

Der Wald ist sonnendurchflutet, aber die Stimmung angespannt. Aufgeregte Stimmen einiger Frauen verstummen an einer Polizeiabsperrung, die Kamera folgt einer Gruppe Menschen bergauf: Soldaten und Polizisten, die schusssichere Westen tragen, als sei jederzeit ein Angriff zu befürchten. Daneben Beamt*innen der Nationalpolizei in weißen Overalls und Personen in ziviler Kleidung. Langsam wird deutlich: die Szene ist Teil der Ermittlungen zur Ermordung des Mapuche Rafael Nahuel durch Angehörige der argentinischen Prefectura Naval. Der Film Bosque arriba en la montaña(Wald oben auf dem Berg) beginnt am Tatort, doch lange Zeit nach der Tat.
Während Freund*innen des jungen Mapuche nur mit Mühe die Fassung bewahren können, als sie berichten, wie Nahuel in jener Nacht angeschossen neben ihnen zu Boden ging, zeigen sich die Polizisten wortkarg und unberührt. Keine Stimme aus dem Off ordnet das Gezeigte ein, oft untermalen nur die Geräusche des Waldes und das schwere Atmen der Person, die sich mit der Kamera den Berg hinaufquält, das Gezeigte. Collagen aus Fotos des Tatorts und von Gerichtsakten überlagern die Bilder und schärfen das Gefühl: Was hier geschehen ist, lässt sich nicht aufarbeiten. Wie zum Beweis nimmt uns Regisseurin und Menschenrechtsanwältin Sofía Bordenave unkommentiert mit in den nächsten Abschnitt des offiziellen Aufarbeitungsprozesses.
Den größten Teil des Films nimmt die Hybrid-Übertragung eines Prozesstags aus einem Gerichtssaal ein. Wie in der Szene im Wald wird hier erst langsam deutlich, was eigentlich geschieht. Die Angeklagten sind teilweise nur per Video zugeschaltet, es gibt Übertragungs- und Verständigungsprobleme: auf die einfache Frage eines Anwalts der Verteidigung, ob die Ausbildung der Prefectura Naval den Einsatz tödlicher Waffen gegen fliehende Personen vorsieht, täuschen die angeklagten Polizisten konsequent Tonprobleme vor. Den Mapuche, die als Zeug*innen aussagen, wird verwehrt, in Mapudungun zu reden. Der Hauptangeklagte wirft kurzerhand den Richtern vor, für den Niedergang des Landes verantwortlich zu sein.
Eine Fahrt in einem alten Renault R12 über endlose Landstraßen erlöst kurzzeitig aus der quälenden Prozessbetrachtung. Mit im Auto sitzt die Mapuche Mirta Ñancunao, die erklärt, warum sie nicht sagen kann, woher sie kommt, nur, dass sie von hier ist: Die Geschichte ihrer Familie ist die eines Genozids, einer ewigen Vertreibung. Nachdem die sogenannte Eroberung der Wüste die überlebenden Indigenen immer weiter nach Süden drängte, wurde schließlich der Urwald zugunsten von Pinienplantagen abgeholzt und zugewiesenes Land nach Gutdünken wieder weggenommen. Regisseurin Sofía Bordenave greift auf einen unglaublichen Schatz alter Fotografien zurück. Die Bilder von Soldaten und Dampfzügen in Patagonien bebildern nicht nur die Erzählung, sondern auch Aussagen des Gerichtsprozesses und machen deutlich, dass Gewalt und Vertreibung nie aufgehört haben. Ebensowenig wie der Widerstand, wie etwa Archivaufnahmen der Punkszene Bariloches aus den 1990er Jahren beweisen. Dort fanden junge, in der Stadt aufgewachsene Mapuche einen Ausdruck für ihre Wut und gleichzeitig Zugehörigkeit in der Gemeinschaft.
Sofía Bordenave ist ein Film gelungen, der gerade weil er hauptsächlich anhand der offiziellen Ermittlung und Verfahren erzählt wird, umso schmerzhafter wirkt. Bis auf das Interview mit Ñancunao, stehen die Aussagen genauso für sich wie die atemberaubenden Naturaufnahmen, die man spätestens nach diesem Film mit einem anderen Blick sieht.
Trotz der schleppenden Aufarbeitung sind die beteiligten Beamten für den Mord an Rafael Nahuel verurteilt worden. In einer weiteren Instanz wurden die Urteile wurden bestätigt, doch bis zu einer Verhandlung vor dem obersten Gericht bleiben die Beamten auf freiem Fuß. Die Gewalt, die dahintersteht, geht unvermindert weiter.
Bosque arriba en la montaña // Argentinien // 2026 // 91 Minuten // Regie: Sofía Bordenave // Spanisch mit englischen Untertiteln // Berlinale-Sektion Forum


