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„Ich mache Musik, keine Politik“

Trotz seiner geringen Größe weist Haiti eine bemerkenswert große Musikszene auf, die international aber kaum bekannt ist. Neben traditionellen Voodoorhythmen gibt es Musikstile wie konpa1 und neuerdings Rap, in Haiti als Ragga bezeichnet. Anfang der 90er Jahre wurde ein Musikstil bekannter, der sich rasin (kreolisch für Wurzel) nennt und in der heutigen Form eine Mischung traditioneller Voodoorhythmen mit moderner Pop- und Rockmusik darstellt. In letzter Zeit hat die Bedeutung der Musik rasin jedoch ein wenig nachgelassen. Zum einen aufgrund des Aufwindes des haitianischen Rap nach den weltweiten Erfolgen der Fugees, die sich zum Teil aus gebürtigen Haitianern zusammensetzen. Zum anderen weil rasin eng mit dem Namen des Ex-Präsidenten Jean-Bertrand Aristide verbunden ist, dessen Rolle im eigenen Land zunehmend kritischer gesehen wird. Im folgenden Interview gibt Richard A. Morse, der Gründer und Kopf von RAM, einer der wichtigsten Vertreter des rasin, Auskunft über sich und seine Musik. Das Interview wurde kurz vor dem Karneval 1999 geführt.

Du hast mit RAM großen Erfolg in Haiti und bist auch in den USA bekannt, nicht zuletzt durch den Song „Ibo Lele – Dreams come True“, den du zu der Filmmusik von „Philadelphia“ beigesteuert hast. Der kreolisch-englische Titel weist bereits auf deine Herkunft aus zwei Kulturen hin. Du bist in den USA aufgewachsen?

Mein Vater ist Angloamerikaner, dessen Familie bereits 1635 in die USA gekommen ist. Meine Mutter ist Haitianerin, die hier in Haiti aufgewachsen ist. Sie haben sich in New York kennengelernt, ich bin dann in dieser bikulturellen Familie in den USA aufgewachsen. Musikalisch bin ich früh von meiner Mutter geprägt worden, die Sängerin und Tanzchoreographin war. Ich habe über sie viel von der haitianischen Kultur mitbekommen als ich jung war, bin aber gleichzeitig mit Pop- und Rockmusik wie den Stones, den Beatles oder Sly and the Family Stone aufgewachsen. Der amerikanische Einfluß war insgesamt etwas stärker, weil es das Umfeld war, in dem ich lebte. An der Uni in Princeton habe ich mit vier Freunden Anfang der 80er eine New Wave Band gegründet. Ein Franzose bemerkte, daß unsere Art des New Wave karibisch geprägt war. Er erfuhr von meiner haitianischen Mutter und schlug vor, mit der Band nach Haiti zu gehen, um den karibischen Einfluß noch zu verstärken. Es war die Zeit des New Wave, in der sich in den USA viele Bands in Richtung World Music orientierten, zum Beispiel die Talking Heads, Peter Gabriel und Brian Eno. Bevor es dazu kam, ist die Band jedoch 1984 auseinandergegangen. Ich habe daraufhin ein Jahr als Maler in New York gelebt, wo ich mit Francesco Clemente gearbeitet habe. Die meiste Zeit habe ich mich im Umfeld von Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat aufgehalten. Aber es war nicht meine Welt, ich wollte lieber komponieren und Musik machen. Also habe ich die ursprüngliche Idee wieder aufgenommen und bin 1985 nach Haiti gegangen, um mich mehr mit der Voodoomusik zu beschäftigen. Ich wollte eine Mischung entwickeln, eine tanzbare, auf Pop basierende. Als ich den Leuten hier erzählte, was für eine Musik ich machen wollte, erklärten sie mich für verrückt. Sie hatten mich nicht verstanden.

Wie war die Musikszene in Haiti, als du hierher kamst? Gab es rasin in der heutigen Form bereits?

Es gab eigentlich nur den konpa, der aber etwas darnieder lag. Zouk von den französischen Antillen, wie zum Beispiel mit der Gruppe Kassav, war zu der Zeit eine erfolgreiche Konkurrenz. Daneben habe ich drei damals relativ unbekannte Gruppen vorgefunden, die rasin unter anderem mit modernen Instrumenten spielten. Es waren Sanba Zao, Foula und Boukman Eksperyans. Sie blieben aber praktisch unter sich.

Diese Bands haben im Vergleich zu RAM zum Teil einen anderen Stil. Foula zum Beispiel orientiert sich am Jazz.

Ja genau, jede Band hat ihren eigenen Stil. Ich mochte damals Boukman, weil sie poppiger waren und somit eine Musik machten, die ich besser verstehen konnte. Aber Boukman damals und Boukman heute ist nicht mehr dasselbe. Alle Musiker sind mittlerweile ausgetauscht worden, das gilt auch für die anderen beiden Gruppen. Es sind nicht mehr die gleichen Gruppen, sie haben nur noch den gleichen Namen. Zu Beginn hatte ich die Idee diese Gruppen zu fördern. Aber die musikalische Richtung, die sie nehmen wollten, war nicht die, die ich einschlagen wollte, so daß ich meine eigene Band gründete. 1990 habe ich dann aus einer Tanzgruppe heraus RAM formiert.

Es scheint schwierig zu sein, rasin zu klassifizieren, da es offensichtlich verschiedene Richtungen gibt?

Ja, aber sie haben alle eine gemeinsame Basis, Voodoo oder auch Rara. Und sie benutzen alle elektrische Gitarren und andere moderne Instrumente. Jede Generation macht rasin mit den jeweils aktuellen Instrumenten. Ich spiele rasin in der dritten Familiengeneration. Zur Zeit meiner Mutter wurden Flöte, akustische Gitarre und Trommel gespielt, bei meinem Großvater, der auch Sänger war, kam noch das Piano dazu. Deswegen ist die häufig aufgestellte Behauptung, daß rasin eine neue Musik ist, auch nicht richtig. Rasin in der ursprünglichen Form ist bereits mit den Sklaven aus Afrika nach Haiti gekommen, wo die erste Mischung mit den Rhythmen der Kariben stattfand.

Warum spielst du rasin, was zieht dich an dieser Musik an?

Ich bin ursprünglich wegen des Rhythmus gekommen, den ich sehr gerne mag. Ich habe dann aber sehr schnell gelernt, daß die Melodie etwas besonderes ist. Viel später, nachdem ich kreolisch gelernt hatte und die Texte besser verstand, merkte ich, daß sie gar nicht so mystisch sind, sondern eher aus Parabeln bestehen. Sie sind somit offen für Interpretationen, die wiederum abhängig von der jeweiligen aktuellen Situation wechseln können.

Du erzähltest vorhin, daß du in den USA New Wave Musik gemacht hast. Das überrascht mich ein wenig, wenn ich an den Song „Boat People Blues“ auf dem zweiten Album PURITAN VODOU denke, der sehr stark vom Blues beeinflußt ist.

Ja, das ist Blues. Ich wollte damit die Einflüsse des Voodoo auf die moderne Musik zeigen. Für mich kommt der Blues aus dem Voodoo und Voodoo kommt aus Afrika. Und die Rockmusik ist aus dem Blues entstanden. Das heißt, Grundlage all dieser modernen Musik ist Voodoo. Wir spielen im „Boat People Blues“ den Blues, aber der Rhythmus, den wir trommeln heißt Nago, der im Voodoo ein heilender Rhythmus ist. Gesungen wird auf englisch und auf kreolisch, letzteres sind Voodoogebete. An dem Stück kann man gut erkennen, daß die Mischung funktioniert, eben weil der Blues aus dem Voodoo kommt.

Wie hat sich rasin seit 1990 entwickelt?

Seit 1990 ist die Musik sehr politisiert worden. Der konpa, die haitianische Musik der 70er und 80er Jahre, wurde gleichgesetzt mit dem Duvalierismus und den Militärs. Aristide hat versucht rasin für seine politischen Zwecke zu instrumentalisieren, was zu einem sehr gespannten und polemischen Verhältnis zwischen rasin und konpa geführt hat. Mir gefällt das nicht. Ich denke, jeder Musiker muß die Musik machen, die ihm gefällt. Es gibt Leute, die behaupten, wir spielen konpa. Das stimmt aber nicht. Wir haben Merengueeinflüsse, da ich Musiker habe, die früher Merengue gespielt haben und natürlich entsprechend beeinflußt sind. Mein Ziel ist es einfach, gute Musik zu machen. Es gefällt mir nicht, Musik zu politisieren, eine Revolution zu machen oder eine Regierung zu beeinflussen. Zum Glück hat die Polemik zwischen konpa und rasin nachgelassen.

Im Gegensatz zu anderen Rasin-Gruppen wie Boukman Eksperyans oder Koudjay hat RAM sich nie direkt für Aristide erklärt. Unter euren Songs sind jedoch auch welche mit politischen Texten zu finden, die Aristide unterstützen. Ich denke da zum Beispiel an den Song „Fèy“ („Blatt“) auf dem ersten Album AIBOBO oder den Song zum Karneval 1996 „Misik Marasa“ („Zwillingsmusik“)

Es sind keine politischen Texte. Es sind Parabeln, die in einer sehr politischen Zeit auch sehr politisch interpretiert werden können. Aber ist die Situation nicht politisch, wird auch keine politische Aussage in der Musik gefunden werden. Der Song „Fèy“ spricht von fallenden Baumblättern, aber in der damaligen Situation ist das Blatt zur Regierung und das schlechte Wetter, von dem wir singen, zum Staatsstreich von 1991 geworden. Auch „Misik Marasa“ wurde politisch ausgelegt, da Aristide erklärt hatte, daß er und der regierende Präsident René Préval Zwillinge sind. Ich muß zugeben, daß es aufgrund der damaligen Situation zu dieser politischen Auslegung kommen konnte. Aber diese Interpretation kann sich ändern und wäre heute wohl eine andere. Die Interpretationen sind möglich, weil der Voodoo in Parabeln spricht. Schon in der Bibel sind Parabeln zu finden. Jede Generation versucht die Parabeln der Bibel so zu interpretieren, daß sie der aktuellen Situation gerecht werden.

Wie groß ist der Einfluß des Karnevals auf die haitianische Musik?

Nun, der Karneval hat einen großen Einfluß, da er den verschiedenen Gruppen ermöglicht, sich zu präsentieren. Jeder Musiker oder jede Gruppe versucht einen „merengue carnevalesque“, einen Karnevalssong, zu machen, in der Hoffnung, daß sie damit am Umzug in Port-au-Prince teilnehmen können, um endlich bekannt zu werden. Früher gab es ungefähr 500 verschiedene neue Songs zum Karneval, letztes Jahr waren es 100 oder 150. Dieses Jahr sollen es angeblich mehr als 300 sein. Es ist daher eine Art Glücksspiel, ob eine Teilnahme möglich ist. Für uns ist es relativ einfach, unseren Karnevalssong unterzubringen, da wir bekannt genug sind. Im allgemeinen warten die Leute schon darauf, was wir zum Karneval für Musik machen werden und was wir zu sagen haben. Leider hat sich der Karneval seit dem Sturz Jean Claude Duvaliers (Ex-Diktator von 1971-86), der ihn stark finanziell unterstützte, geändert. Es gibt jetzt weniger konpa und mehr rasin und Ragga. Zudem ist alles viel unorganisierter und weniger schön geworden. So wie es sich heute darstellt, ist es eigentlich kein Karneval mehr. In Brasilien oder Trinidad siehst du alles voller Kostüme und viele Wägen. Alles sieht schön aus, die Vorbereitungen beginnen bereits ab September des Vorjahres. Hier wird jetzt alles in letzter Minute gemacht.

Wo liegt die Zukunft des rasin und der haitianischen Musik? Die Bedeutung der DJ’s und der Rapper hat in Haiti offensichtlich zugenommen.

Diese Art der Musik ist viel einfacher zu machen. So ist das immer, es gibt Strömungen, die kommen und gehen wieder. Die DJs sind in den USA sehr wichtig geworden. Ich habe ein Konzert mit Wyclef Jean von den Fugees und anderen Rappern in Miami gespielt. Ihre Art, Musik zu machen, zum Beispiel durch Programmieren, interessiert mich allerdings nicht. Ich ziehe es vor, in einer Band mit Instrumenten zu spielen. Wir machen Musik, wir sind keine Entertainer. Wir wollen die Musik, die wir spielen fühlen und dieses Gefühl an das Publikum weitergeben.

Wann erscheint das dritte Album von RAM?

Wir sind dabei es aufzunehmen. Es wird DENYE TESTAMAN (Letztes Testament) heißen. Ich mag diesen Namen, weil wir sehr stark vom Voodoo beeinflußt sind. Die englischsprachigen Songs auf dem ersten Album hatte ich bereits in New York komponiert. Das zweite Album ist sehr vom Voodoo geprägt und von dem, was ich in Haiti gesehen und erlebt habe. Das dritte Album wird als Zyklus angelegt sein und mehr eine Beschreibung der Synthese von der haitianischen Gesellschaft und Voodoo sein.

Bisher erschienen als CD/MC:
RAM – Aïbobo. 101932-5 Cave Wall Records N.Y.
RAM 2 – Puritan Vodou. 162-531 103-2 Margaritaville Records (Island Records)

1Konpa oder französisch Compas, ist ein in den 50er/60er Jahren entstandener haitianischer Musikstil. Die Wurzeln dieser Musik liegen in einer Mischung aus Mambo, Bolero und Merengue. Ihre erfolgreichste Phase hatte diese Musik in den 70er Jahren, als es z.B. Tabou Combo mit „New York City“ gelang, einen Hit in den USA und Frankreich zu landen.

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