Kolumbien | Nummer 621 - März 2026

„Ich musste von innen heraus handeln“

Whistleblower Andrés Olarte Peña über seine Zeit beim kolumbianischen Ölgiganten Ecopetrol

Kolumbien ist eins der gefährlichsten Länder für Menschen, die gegen Korruption kämpfen und die Umwelt verteidigen. Andrés Olarte Peña, ehemaliger Berater von Ecopetrol, riskierte seine Karriere, seine Sicherheit und sein Leben, um massive Umweltverschmutzungen, das Ver­schweigen von Schäden und die Repressalien gegen Umweltaktivist*innen durch das größte Erdölunternehmens des Landes aufzudecken. Für seinen Mut wurde er mit dem Ellsberg Whistleblower Award 2026 ausgezeichnet. Im Interview mit LN spricht Olarte über seine Erfahrungen, den Preis der Wahrheit und darüber, was es bedeutet, sich einem der größten Unternehmensgiganten Kolumbiens zu widersetzen.

Interview von Gabriela Rojas Bock & Juliana Garzón Beltrán (Übersetzung: Sarah Schaarschmidt)

Was hat Sie dazu bewogen, die Unregelmäßigkeiten, die Sie innerhalb von Ecopetrol sahen, anzuzeigen?
Schon in meinen ersten Tagen bei Ecopetrol bemerkte ich Missstände und die Verschleierung von Informationen. Ich war gerade von meinem Masterstudium in Umweltpolitik in Cambridge zurückgekehrt und hatte bereits bei der Autonomen Regionalen Körperschaft von Santander gearbeitet, die die ältesten Bohrlöcher des Landes überwacht. Drei Monate später wurde ich von Ecopetrol als Berater des Präsidenten rekrutiert und durch meine Arbeit mit Betriebsabläufen und Umweltfragen bekam ich Zugang zu umfangreichen Datenbanken und Analysen. Diese zeigten zum Teil Muster der Nichteinhaltung von Vorschriften bei Wassereinleitungen.
Meine eigentliche Motivation entstand jedoch, als ich sah, wie sich die Aktivitäten von Ecopetrol direkt auf mein Land, auf Freunde und Familienangehörige auswirkten. Zu sehen, dass das Unternehmen über Menschen hinweggehen konnte, ohne Wiedergutmachung zu leisten, weckte in mir das ethische Bedürfnis, zu handeln. Ich erkannte auch, dass diejenigen, die sich Projekten widersetzten, als technische Probleme behandelt und zum Schweigen oder sogar in Gefahr gebracht werden konnten. Das verstärkte meine Überzeugung, dass ich von innen heraus handeln musste.

Wie verlief die Recherche innerhalb des Unternehmens und welchen Herausforderungen standen Sie gegenüber?
Meine Position bei Ecopetrol ermöglichte mir den Zugriff auf fragmentierte Datenbanken und intelligente Tools zur Analyse von Wassereinleitungen, Methanemissionen und der Einhaltung von Vorschriften. Ich trug Informationen zusammen, dokumentierte Unstimmigkeiten und sammelte Beweise, darunter auch Daten, die nicht offiziell gemeldet worden waren. Der Umgang mit diesen Informationen war mit erheblichen Risiken verbunden: Ich erhielt direkte Drohungen und die Situation wurde für meine Familie untragbar, was uns dazu brachte, das Land zu verlassen. Aus dem Ausland schickte ich die Daten an regionale, nationale und internationale Behörden und wandte mich an Transparency International, um die Informationen zu schützen. Journalisten überprüften die Daten und erstellten einen Bericht, der als Vorlage für einen BBC-Dokumentarfilm diente. Außerdem reichte ich bei der SEC (US-amerikanische Bundesbehörde, die die Finanzmärkte überwacht, Anm. d. Red.) eine Anzeige wegen irreführender Informationen gegenüber Investoren ein. Damit wurde ich offiziell zum „Whistleblower“.

Was waren die größten persönlichen und beruflichen Opfer, die Sie bringen mussten, als Sie beschlossen, die Informationen weiter­zugeben?
Die Kosten waren enorm. Es gab eine finanzielle Belastung, weil wir umziehen mussten, eine berufliche, weil meine Karriere in der Branche erheblich beeinträchtigt wurde, und eine enorme emotionale Belastung durch posttraumatischen Stress und familiäre Konflikte. All das passierte, als ich gerade einmal 24 oder 25 war, und es wirkte sich auch direkt auf das Leben meiner Schwester und meiner Eltern aus, die mich bedingungslos unterstützten.
Gleichzeitig sind meine Opfer im Vergleich zu den allermeisten Aktivist*innen in Kolumbien, deren Arbeit vor Ort und deren Lebensgefahr viel größer sind, gering. Ihr Mut und die Kosten, die sie zum Schutz ihrer Gemeinschaften auf sich nehmen, zeigen, dass mein Weg, so schmerzhaft er auch war, dank Ressourcen und Bildung möglich war. Das verpflichtet mich, ihren Kampf zu würdigen, während ich mich weiterhin mit den persönlichen Auswirkungen meiner Entscheidung auseinandersetzen muss.

Welche konkreten Folgen haben Sie für die betroffenen Gemeinschaften gesehen oder befürchten Sie?
Die Art und Weise, wie Ecopetrol operiert, ist tief in seinem Geschäftsmodell verankert, und das hat schwerwiegende Folgen. Während meiner Zeit im Unternehmen konnte ich anhand von Daten beobachten, wie bestimmte Personen um den Schutz ihrer Umwelt kämpften, doch in vielen Gemeinschaften herrscht Resignation: Nach Jahren des Kampfes gegen einen Giganten fühlen sich die Aktivist*innen machtlos und viele junge Menschen verlassen ihre Heimat und verlieren ihre kulturelle Identität. Obwohl ich meine Erfahrungen hauptsächlich vom Bildschirm aus machte, konnte ich mich in die Fälle in meiner Nähe, wie etwa in Santander, hineinversetzen und das historische Leid an anderen Orten wie Putumayo, Meta oder Arauca gut nachvollziehen. Dank des Berichts und der Dokumentation der BBC glaube ich, wurde ein wichtiger Präzedenzfall geschaffen: Jetzt können sich Aktivist*innen und Gemeinschaften auf solide und überprüfbare Beweise stützen, nicht nur auf einzelne Anzeigen. Das stärkt ihren Kampf und bietet einen Hoffnungsschimmer angesichts der Machtstrukturen, die Ecopetrol nach wie vor schützen.

Gab es nach der Veröffentlichung des Berichts und der Dokumentation irgendeine Reaktion von Seiten des kolumbianischen Staates oder der Medien?
Bislang haben weder die kolumbianische Regierung noch Ecopetrol offizielle Stellungnahmen abgegeben. Die Berichterstattung in den kolumbianischen Medien war so gut wie nicht existent. Die Fernsehsender Caracol und RCN berichteten nicht über das Thema, während die Zeitschrift Semana einen Artikel veröffentlichte, in dem das Unternehmen verteidigt und die Richtigkeit des Dokumentarfilms infrage gestellt wurde.

Welche strukturellen Risiken birgt der Fall Ecopetrol für Kolumbien als Land?
Das größte strukturelle Risiko ist der Interessenkonflikt, der entsteht, wenn ein privates Unternehmen das Militär finanziert und eng mit ihm verbunden ist. Denn die Aufgabe des Militärs sollte ja eigentlich sein, die Interessen aller Kolumbianer*innen zu schützen. Aber es kann dann passieren, dass das Militär die Ziele des Unternehmens über das Wohl der lokalen Gemeinschaften stellt. In einem zentralisierten Land, in dem Entscheidungen in Bogotá getroffen werden und die Kontrolle über natürliche Ressourcen konzentriert ist, wirft diese Beziehung tiefgreifende Fragen zur Qualität der Demokratie auf. Zudem verstärkt die in Kolumbien historische Verbindung zwischen illegalen bewaffneten Akteuren und dem Schutz strategischer Infrastrukturen diese strukturellen Konflikte, sodass bestimmte fragwürdige Praktiken fortbestehen und sich im Laufe der Zeit reproduzieren können. Dadurch kann sich ein Modell verfestigen, in dem sich wirtschaftliche und politische Macht gegen die Rechte und die Stimme der lokalen Gemeinden richtet.

Sie leben jetzt im Exil. Wie hat sich diese Situation auf Ihr persönliches Leben und Ihr Verständnis für den Preis der Wahrheit ausgewirkt?
Das plötzliche Verlassen Kolumbiens und das Leben im Exil waren eine enorme Herausforderung. Ich musste das Leben meiner Schwester und meiner Eltern neu organisieren, mich an ein fremdes Land anpassen und mit gesundheitlichen Problemen und Stress fertig werden, ganz zu schweigen von der beruflichen Unsicherheit, die mit dem Dasein als Whistleblower einhergeht. Diese Erfahrung hat mir noch deutlicher vor Augen geführt, welchen Preis es hat, die Wahrheit zu sagen und wie viel Widerstandskraft solche Entscheidungen erfordern. Nach einiger Zeit nach Kolumbien zurückzukehren, war zutiefst heilsam. Mit meiner Familie zusammen zu sein, mich wieder mit meinen Wurzeln und den Orten mener Kindheit zu verbinden, hat mich daran erinnert, warum ich getan habe, was ich getan habe, und erlaubte mir, mich mit dem Verlust eines Lebensplans zu versöhnen, den ich nie freiwillig aufgegeben hätte.

Welche Botschaft würden Sie gerne anderen Umweltaktivist*innen in Kolumbien mitgeben, die sich in ähnlichen Situationen befinden?

Ich möchte meine tiefe Bewunderung und meinen Respekt für die Umweltaktivist*innen ausdrücken, die ihr Leben und ihr Wohlbefinden riskieren, um ihr Land, ihr Zuhause und ihre Familie zu schützen. Ich bedauere zutiefst all das Leid und möchte, dass sie wissen, dass mein Handeln darauf abzielt, ihren Kampf zu würdigen. Es ist essenziell, vorsichtig, klug und strategisch vorzugehen, die verfügbaren Ressourcen zum Schutz zu nutzen und bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, wie weit man gehen kann, ohne das eigene Leben oder das von Angehörigen zu gefährden. Ich respektiere auch diejenigen, die sich aus Sicherheitsgründen entscheiden, zu schweigen oder sich zurückziehen, denn es ist völlig legitim, angesichts mächtiger Gegner seine persönlichen Grenzen einzugestehen. Vor allem aber möchte ich diejenigen ehren und ihnen danken, die ihr Leben für die Verteidigung ihres Lands gegeben haben. Ihr Mut ist der wahre Motor der Hoffnung in Kolumbien.

Andrés Olarte Peña (Foto: Privat)

Andrés Olarte Peña arbeitete zwischen 2017 und 2019 bei Ecopetrol in technischen und umweltberatenden Funktionen. Nachdem er mögliche Unregelmäßigkeiten identifiziert und intern gemeldet hatte, und keine wirksame Reaktion erfolgte, beschloss er, sich an eine internationale Forschungsorganisation zu wenden. Seine Enthüllungen trugen zur Veröffentlichung des Berichts Crude Lies, zur Verbreitung der Iguana Papers und zur BBC-Doku­mentation Kolumbien: Erdöl, Verschmutzung und Paramilitärs bei. Sein Ziel ist es, strukturelle Veränderungen zu fördern und Transparenz und Rechenschaftspflicht zu stärken.


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