„Ich wurde Malvinera“
Interview mit der Regisseurin Gabriela Naso über den argentinischen Film Las voces del silencio

Wie kam es zu der Idee des Projekts und warum gerade das Thema der Malvinas im Kontext der argentinischen Militärdiktatur?
Während meiner Zeit an der Universität in Lomas de Zamora (Ballungsraum von Buenos Aires, Anm. d. Red.) berichtete ich als Dokumentarjournalistin über Menschenrechtsthemen. In meiner Ausbildung wurden die Malvinas als militärische Heldentat dargestellt, losgelöst von der argentinischen Diktatur. Aber als ich von den Folter-Vorwürfen von Soldaten erfuhr, wurde mir klar, dass sich dort dieselben Praktiken des Staatsterrorismus wiederholt hatten. Der heroische Diskurs hatte diese Kontinuität nur verschleiert. Ende 2016 war ich dann im Rahmen meiner Berichterstattung über die Kampagne zur Identifizierung der 123 gefallenen Soldaten in La Plata und interviewte dort Soldaten, die während des Falklandkriegs gekämpft hatten. Ich erfuhr von dem Gerichtsverfahren, in dem die Misshandlungen untersucht werden und begann, die Geschichte anhand von Interviews mit ehemaligen Kämpfern, Anwälten und Menschenrechtsaktivisten zu rekonstruieren. Ich sammelte immer mehr Zeugenaussagen, über die ich zunächst schriftlich berichtete. Mit der Zeit begann ich aber auch, persönlich an den Aktivitäten der ehemaligen Soldaten in La Plata teilzunehmen. Ich besuchte ihre Dienstagstreffen, begleitete sie bei Demonstrationen und marschierte am 24. März 2019 mit ihnen zur Plaza de Mayo, dem Hauptplatz in Buenos Aires. Auf diesem Weg begegnete ich einer Gruppe, deren Werte ich zutiefst teilte und durch sie verschrieb ich mich der Sache der Malvinas. Ich wurde Malvinera.
Wie verlief der Prozess des Infragestellens des heroischen Diskurses der Streitkräfte und der Rolle des argentinischen Staates?
Es begann damit, dass ich Zugang zu freigegebenen Archiven der Streitkräfte erhielt. Ich entdeckte, wie ein Apparat des Schweigens aufgebaut worden war, nicht nur, um die Soldaten zum Schweigen zu bringen, sondern auch, um die Angehörigen der Verschwundenen zu isolieren. Die Diktatur hatte die Idee einer „Heldentat” durch die Medien gefestigt und „Märtyrerfiguren” erschaffen. Die späteren Amnestiegesetze hatten die Anzeige von Missbräuchen erschwert und erst Jahrzehnte später kam es zu einer Anhörung und einem Gerichtsverfahren. Dabei wurden einige der ehemaligen Soldaten zum Reden ermutigt, aber viele waren weiterhin mit Stigmatisierung und der Normalisierung von Gewalt im Zusammenhang mit dem Militär und Männlichkeitsvorstellungen konfrontiert.
Was denkst du, welche Rolle hatte und hat die Bevölkerung beim Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses über den Krieg um die Malvinas?
Anfangs fand die Gesellschaft kein Gehör für die ehemaligen Soldaten und ihre Beschwerden über die auf den Malvinas erlittenen Gewalttaten. Die Gesellschaft schaute in vielen Fällen einfach weg und während die Soldaten in der öffentlichen Debatte als „Helden des Vaterlandes” bezeichnet wurden, fingen einige an, sich als „Antihelden” zu identifizieren. Mit der Zeit, insbesondere seit der Einführung staatlicher Maßnahmen zur Aufarbeitung der Vergangenheit – wie der Freigabe von Archiven und der Unterstützung der Gerichtsverfahren während der Amtszeit von Cristina Fernández de Kirchner –, wurde die Malvinas-Frage auch in der Gesellschaft aus menschenrechtlicher Perspektive betrachtet. Organisationen wie die Provinzkommission für Erinnerung, die Großmütter und Mütter der Plaza de Mayo sowie Bildungsprogramme in Schulen griffen diese Sichtweise auf und trugen dazu bei, den Konflikt neu zu bewerten. Heute erkennt ein Großteil der Bevölkerung an, dass auch auf den Malvinas staatlicher Terrorismus präsent war.
Gab es eine Aussage oder bestimmte Momente während der Dreharbeiten, die dich besonders beeindruckt haben?
Ja, ein Moment, der mich besonders beeindruckt hat, war, als Miguel Anderfuhrn beschloss, seine Anzeige beim Bundesgericht einzureichen. Als er tief bewegt aus dem Gericht kam, hatte er einen intensiven Austausch mit Roberto Cipriano García, dem Anwalt der Provinzkommission für Erinnerung. Miguel sagte, seine Aussage sei „Teil dessen, was allen widerfahren war”. Roberto antwortete ihm, dass sei das, was ihm widerfahren sei und erinnerte ihn daran, dass Überleben nicht bedeute, keine Gewalt erlitten zu haben. Er war mit dem Tod bedroht worden und sie hatten ihm eine Waffe an den Kopf gehalten, weil er versuch hatte, einem festgehaltenen Kameraden zu helfen. Die Vorbereitung und Begleitung dieser Anzeige hatten Jahre gedauert und als er schließlich seine Aussage gemacht hatte, brach er zusammen. Später erzählte er mir, dass er sich fühlte, als wäre eine riesige Last von ihm genommen worden. Ihn und seine Familie in diesem Prozess begleiten zu dürfen, war eine zutiefst bedeutsame Erfahrung. Es war eine dieser Erfahrungen, die den Beruf rechtfertigen und den Sinn der kollektiven Wiedergutmachung verkörpern.
Warum sind die Malvinas so ein wichtiges Thema für die nationale Identität Argentiniens?
Die Malvinas sind für Argentinier ein zentrales Thema, nicht nur, weil es so in der Verfassung festgelegt ist, sondern weil die Inselgruppe ein tiefes Gefühl des argentinischen Volkes hervorruft. Das zeigt sich in Poesie, in Fangesängen und Tätowierungen ebenso wie durch Flaggen und Wandmalereien – die Inseln sind einfach Teil unserer argentinischen Identität und mit der Zeit hat sich dieses Gefühl nur noch verstärkt. Die Bedeutung der Malvinas geht dabei weit über den Krieg von 1833 hinaus (Beginn der britischen Besetzung der Malvinas, Anm. d. Red.). Heute dauert der Streit um die Souveränität mit Großbritannien an, da sich in dieser Region, die reich an natürlichen Ressourcen ist und strategisch mit der Antarktis verbunden ist, ein NATO-Militärstützpunkt befindet. Daher sind die Malvinas nicht nur ein militärischer Konflikt, sondern auch eine Frage der Geopolitik, der Souveränität und des kollektiven Gedächtnisses.
Der Dokumentarfilm wird nun schon seit einigen Monaten gezeigt. Welche Wirkung hatte er, was hat sich verändert und was gibt es noch zu tun?
Der Film wurde insgesamt sehr gut aufgenommen. Die Premiere fand am 1. April dieses Jahres in Buenos Aires in einem Saal mit 400 Zuschauern statt und als ich sah, dass die Hälfte des Saals weinte, dachte ich: „Das funktioniert”. Die Menschen waren tief bewegt, viel mehr als ich erwartet hatte und das ist für mich entscheidend. Der Dokumentarfilm wurde auch auf mehreren Festivals gezeigt: Die Tour übertraf meine Erwartungen, vor allem weil ich aus dem Journalismus komme und die Auseinandersetzung mit der audiovisuellen Sprache eine große Herausforderung für mich war. Aber dank der Unterstützung des Kameramanns Fernando León González und des gesamten Teams ist es uns gelungen, die Geschichte so zu vermitteln, wie wir es wollten. Jetzt hoffen wir, den Film weiterhin in Kulturzentren, Universitäten, Schulen und Gedenkstätten zeigen zu können, um die Diskussion aufrechtzuerhalten. Parallel dazu beginne ich gerade mit der Planung eines neuen Filmprojekts über die Malvinas, das sich auf zwei Frauen konzentriert, die 200 Jahre voneinander getrennt, aber durch dasselbe Land verbunden sind: María Sáez Vernet und Clara Bernet. María war eine der ersten Personen „am Ende der Welt“ und ist Chronistin der Entstehung des argentinischen Volkes auf den Malvinas. Clara, ihre Nachfahrin, ist eine Aktivistin, die die Geschichte dieses Volkes verteidigt und sich für die Entmilitarisierung des Südatlantiks einsetzt. Aus der Perspektive der beiden Frauen können wir meiner Meinung nach einen sehr frischen und interessanten Ansatz bieten, um die Geschichte der Malvinas zu behandeln.
Welche Erkenntnisse lassen sich aus dem Prozess des Films ziehen, um über Mechanismen für Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung in anderen Kontexten von Diktaturen oder bewaffneten Konflikten in Lateinamerika nachzudenken?
Eine zentrale Erkenntnis des Prozesses war, das gesprochene Wort und die Bedeutung kollektiver Räume des Zuhörens wertzuschätzen. Der Dialog mit den Opfern darf keine erneute Viktimisierung sein, sondern muss eine echte Einbeziehung sein, die es ihnen ermöglicht, das Werk für sich anzunehmen. Die ehemaligen Soldaten sollen sich im Film authentisch repräsentiert fühlen. Ich möchte nicht nur Zeugnisse oder Notizen sammeln, sondern damit etwas bewirken. Deshalb ist es wichtig, sowohl mit den Menschen, die von ihren Erfahrungen berichten, als auch mit dem Produktionsteam, das auf die Stimmung und Intensität jedes einzelnen Zeugnisses vorbereitet sein muss, eng zusammenzuarbeiten. Ein Beispiel dafür war das Interview mit Silvio Katz, den ich dabei begleitet habe, seine Vergangenheit auf behutsame und respektvolle Weise in die Gegenwart zu holen. Ich glaube auch, dass öffentliche Maßnahmen notwendig sind, die sich um die psychische Gesundheit derjenigen kümmern, die Konfliktsituationen durchleben und dass der Staat Informationen zur Verfügung stellen muss, damit diese Verbrechen untersucht werden können. Aus kultureller Sicht kann die Kunst einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des kollektiven Gedächtnisses leisten.
GABRIELA NASO
Gabriela Naso wurde 1992 in der Provinz Buenos Aires geboren. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in Journalismus von der Universidad Nacional de Lomas de Zamora und einen Master-Abschluss in Dokumentarjournalismus von der Universidad Nacional de Tres de Febrero. Als Recherchejournalistin und Dokumentarfilmerin hat sie sich auf Menschenrechtsfragen und die Malvinas spezialisiert. Las voces del silencio ist ihr Debüt als Dokumentarfilmerin.


