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„Ihr werdet zu politisch“

„Studenten verteilen Flugblätter. Auswirkungen: keine.“ So lautet eine Ereigniskarte des Brettspiels „Junta“, bei dem die Teilnehmer_innen in die Rolle korrupter Politiker_innen schlüpfen. Das Spiel „Junta“ findet sich auch unter den Exponaten der Ausstellung „Chile-Solidarität in Münster“. Doch Historikerin Prof. Silke Hensel, ihre Mitarbeiterin Barbara Rupflin und Museumsleiterin Dr. Barbara Rommé haben eine andere Botschaft: Der Protest der Münsteraner_innen – darunter auch viele Student_innen – bedeutete für die Opfer der Militärdiktatur durchaus konkrete Hilfe.
So werden unter anderem chilenische Wandteppiche ausgestellt, so genannte Arpilleras. Sie wurden von Frauen genäht, deren Ehemänner aus politischen Gründen verhaftet worden waren. Viele verschwanden spurlos, nicht wenige fand man Jahre später in anonymen Massengräbern wieder – Opfer eines Staates, der zum Mörder wurde. Ihre Frauen blieben oft mittellos zurück. Indem sie die Arpilleras nähten und ins Ausland verkauften, konnten sie sich ein bescheidenes Zubrot verdienen. Die Handarbeiten künden vom erlebten Leid, geben Zeugnis auch über Sprachbarrieren hinweg. Oft halfen die kunsthandwerklichen Teppiche den Frauen auch, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten. Viele der Exponate stammen aus einer Sammlung in Göttingen, doch auch aus Münster gibt es ein Exemplar. Es zeigt Frauen, die vor einem Gebäude stehen und fragen: „Dónde están?“ Wo sind sie? Daneben ein Friedhof mit namenlosen Gräbern und der Aufschrift: „Aquí están.“ Hier sind sie. Arpilleras gehörten in den 70er Jahren zu den typischen Devotionalien der Solidaritäts-Bewegung: „Ein klassisches Objekt, das man damals zu Hause an der Wand hatte“, sagt Barbara Rupflin.
Originalplakate aus den 70er Jahren erinnern an Ereignisse wie das „Blutspenden für Chile“, bei dem die Studierenden ihre Aufwandsentschädigung der politischen Solidaritätsarbeit zur Verfügung stellten. Andere wünschten sich Spenden für Chile als Hochzeitsgeschenk. Jahr für Jahr überwiesen die Münsteraner_innen dem chilenischen Solidaritäts-Vikariat rund 100.000 Mark. Mit dem Geld wurden Anwält_innen bezahlt, die für die Menschenrechte stritten. Ferner wurden Wohnungen und Sprachkurse für im Exil lebende Politiker_innen und andere Repressionsopfer finanziert.
Auch eine Original-Sammelbüchse wird gezeigt – leider ist sie das einzige wirklich dreidimensionale Objekt der Ausstellung. Barbara Rupflin, deren Magisterarbeit den Anstoß zu der Schau gegeben hatte, erklärt: „Das Problem ist: Es gibt wenig Objekte. Die Menschen wollten damals etwas für Chile und die Exilchilenen tun. Ihre eigene Arbeit zu dokumentieren, war für sie nicht der Sinn der Sache.“
Was die Wissenschaftlerinnen heute noch finden, ist das, was man in Historikerkreisen despektierlich als Flachware bezeichnet: die eingangs erwähnten Flugblätter, selbst gemalte Plakate, Fahnen, Transparente, Zeitungsartikel, Fotos – und hiervon nicht einmal be sonders viele. Hauptsächlich Bilder aus Zeitungs- und Polizeiarchiven dokumentieren heute noch die Demonstrationen gegen die Diktatur in Chile.
Doch die Ausstellungsmacherinnen wussten sich zu helfen. Altersschwache Plakate wurden abfotografiert und originalgetreu reproduziert. Das Museum lässt in der Mitte des Raumes eine Gruppe von Pappkameraden aufmarschieren, die mit Sandwich-Plakaten behängt sind.
Gegenüber lädt eine klassische 70er-Jahre-Sitzecke dazu ein, den ausführlichen Ausstellungskatalog zu lesen, der einen historischen Abriss der Protestbewegung in Münster liefert, oder der Musik der Gruppe Inti Illimani zu lauschen, die mit Solidaritätskonzerten auf das Unrecht im Land aufmerksam machte. Hier liegt auch das „Schwarzbuch Chile“, von dem Barbara Rupflin sagt, damals habe es fast jeder gehabt. Hier liegen Buttons, Platten und Konzertkarten. Und hier kann man sogar „Junta“ spielen.
Mehr noch als Sitzgruppe und Pappkameraden hauchen die Video-Ausschnitte von Zeitzeugeninterviews der Ausstellung Leben ein. Hier berichten Aktivist_innen aus der kirchlichen Arbeit. Der damalige katholische Studentenpfarrer Dr. Ferdinand Kerstiens etwa veranschaulicht, wie die internationalen Studierenden den Blick für die Situation in anderen Kontinenten geschärft haben: „Die Welt kam mit ihren Problemen in die Gemeinde.“ Vieles hier hat anekdotischen Charakter, etwa wenn Martin Ostermann, einst Sprecher des Initiativkreises, sich erinnert, wie er sich über Jahre hinweg jeden Donnerstag mit seinen Mitstreiter_innen traf. Oder wenn Barbara Imholz, Gemeindeassistentin der katholischen Studentengemeinde, erzählt, wie wichtig, aber auch anstrengend, für sie der persönliche Kontakt mit Chilen_innen war – sie reiste sogar selbst nach Chile und lernte Spanisch. Andererseits weist Pfarrer Kerstiens auch kritisch darauf hin, dass die Kirchenobrigkeit gesagt habe: „Ihr werdet zu politisch.“ Das habe heißen sollen: „Ihr vertretet die falsche politische Meinung.“
Insofern spart die Ausstellung auch die Debatten nicht aus, die damals die Kirchen bewegten: Ging es den Aktivist_innen in Münster wirklich um die Menschenrechte, oder wandten sie sich vor allem gegen die USA, die Augusto Pinochet protegierten? Und unterstützte man, wenn man für Salvador Allende und seine Gefolgsleute Partei ergriff, auch gleichzeitig die Sowjetunion und ignorierte die Menschenrechtsverletzungen dort?
Die Veranstalterinnen haben den kirchlichen Schwerpunkt bewusst gewählt: Die studentischen Gemeinden in Deutschland standen in Kontakt mit der chilenischen Kirche, die sich als Anwalt der Opfer sah. Sie waren führend bei der Spendenakquise wie bei der Organisation von Kundgebungen. Deswegen gehört Münster zu den deutschen Städten, in denen sich der Protest konzentrierte.
Doch die Unterstützung für Chile, das zeigen die historischen Quellen, durchzog das gesamte politische Spektrum: Auf einer Demonstration sprachen nacheinander ein Pfarrer, ein Vertreter der kommunistischen Partei und der FDP-Politiker Jürgen Möllemann. Professoren unterzeichneten Spendenaufrufe und Protestnoten. 36 unterschiedliche Gruppen unterstützten den „Kongress gegen Militärdiktatur und Imperialismus in Chile und Lateinamerika“, der im Juni 1983 2000 Menschen nach Münster lockte und von dem Aufnahmen in einer zweiten Videostation zu sehen sind.
Mit der Umsetzung von Archivalien der Solidaritätsbewegung als publikumsgerechte Schau haben die Historikerinnen Neuland betreten. Das ist zu begrüßen. Die Ausstellung „Chile-Solidarität in Münster“ kann damit als Vorbild für die museale Aufbereitung weiterer Proteste gelten.

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