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Ihre Zukunft liegt halb hinter uns

Eigentlich sei es ganz einfach gewesen, auf Gisela Tenenbaums Spuren zu kommen, sagt Erich Hackl. Seit längerer Zeit schon befinde er sich auf der Suche nach Österreicherinnen und Österreichern, die in Argentinien Opfer der Militärdiktatur wurden. Und da sei es ihm entgegengekommen, dass von diesen Geschichten bisher kaum je einer habe hören wollen. Fast alle, die Gisi Tenenbaum gekannt haben, hätten ihm bereitwillig Auskunft erteilt und damit ein Stück auch ihres eigenen Lebens erzählt, das gleichfalls keinen mehr interessiere. Oder wer will heute noch etwas wissen vom kommunistischen Engagement in den siebziger Jahren? Oder gar von irgendwelchen persönlichen Erinnerungen an Menschen, die seit dreißig Jahren tot sind?
Bei der Buchvorstellung im Zürcher Literaturhaus, das sich in etwa auf der Luftlinie zwischen der Redaktion der Wochenzeitung, für die er lange gearbeitet hat, und seinem Verlag befindet – wo er also halb ansässig ist –, sitzt Hackl da wie einer, der doch nicht hingehört. Dem die Welt nicht so passt, wie sie ist, die kapitalistische Welt mit ihren mal geschickten, mal plumpen Verkleidungen. Der eine andere Welt auf jeden Fall für möglich, genauer: für notwendig hält. Der freundlich die Fragen des moderierenden Literaturkritikers beantwortet und doch zu ahnen scheint, dass das, was er im Kern zu sagen hat, günstigenfalls interessiert, aber kaum jemanden bewegt.
Die Lust an der archivarischen Akribie und am genauen Detail ist diesem Buch deutlich anzumerken. Nicht nur die Tatsache, dass Gisi Tenenbaum aus Mendoza stammte, jener konservativen westargentinischen Provinzhauptstadt (und nicht etwa aus Buenos Aires), ist für die Geschichte von Belang. Wichtig ist auch, wie die Stimmung zu jener Zeit in Mendoza genau war, welche Menschen diese Stimmung geprägt haben und warum. So wird Gisi begreiflich in ihrer Art, verbindlich und verantwortungsvoll mit einem überschaubaren Personenkreis umzugehen; wie viel schwieriger wäre das in der Metropole denkbar.
Hackl erzählt mehr als einen Lebenslauf, mehr als eine Familien- oder Milieugeschichte: Es wird eine ganze Welt erkennbar. Insofern ist dieses Buch mit seiner bedrückenden Geschichte außerordentlich belebend, weil es mitfühlende Anteilnahme ermöglicht und Verständnis hervorruft. An manchen Stellen ist es sogar von großer Leichtigkeit. Allerdings ahnt man, dass zwischen der Recherche und dem klaren Text viel Bergwerksarbeit liegt.
Gisela Tenenbaums Eltern waren Flüchtlinge, die es rechtzeitig aus dem nationalsozialistisch beherrschten Österreich nach Lateinamerika geschafft hatten. Mit viel Energie schlugen beide eine medizinische Laufbahn ein und bekamen in den fünfziger Jahren drei Mädchen, Gisi war die mittlere. Was an ihrer Geschichte besonders ist, wird gleich zu Beginn klar: Als Mitglied der Montoneros, des bewaffneten Arms der peronistischen Jugend im Argentinien der 70er Jahre, wurde sie am 8. April 1977 verhaftet und ist seither verschwunden. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie nicht mehr lebt, auch wenn der letzte Beweis fehlt (und er fehlt bei so vielen dieser Verschwundenen). Das Buch führt auf eindrückliche Art und Weise vor Augen, wie gravierend dieses Verschwundensein für die Angehörigen ist.
Aber Gisi Tenenbaum ist nicht irgendeine Linksaktivistin. Die Kapitel, die ihr kurzes Leben umkreisen, erzählen von einem engelähnlichen Wesen, und das wirft Fragen auf. Fragen nach kitschiger Idealisierung, die sich angesichts von Hackls zugewandtem, aber distanziertem Stil rasch erledigen, und der Autor betont auf dem Lesepodium, dass ihm tatsächlich von Gisi so berichtet worden sei und er nichts beschönigt habe. Die Frage Nummer zwei: „Hatte sie denn gar keine schlechten Seiten?“, provoziert eine Gegenfrage: „Ist es nicht oft so, dass wir geliebte Menschen, die wir verlieren, gut in Erinnerung behalten?“ Und eine weitere Gegenfrage schließt sich an: „Warum vermuten wir hinter allem Positiven etwas Negatives, eine Täuschung?“
Die Frage, warum Gisela Tenenbaum bereit war zu töten, ist eine viel heiklere. Und selbst für jene, die mit der Haltung herangehen, dass Waffengewalt grundsätzlich abzulehnen sei, hat Hackl eine plausible Antwort parat. Kronzeuge ist Gisis Vater Willi, der physische Gewalt strikt ablehnt. Dessen Eindrücke gibt Hackl so wieder: „Gisi verwies auf die Brutalität der Sicherheitskräfte; ihren Einwand, sie müßten sich wehren, um von diesen nicht innerhalb von kurzer Zeit ausgerottet zu werden, vermochte er nicht zu entkräften. Es gab keine Stelle mehr, an die man sich wenden konnte, wenn einem Unrecht oder Leid zugefügt oder mitgeteilt wurde. Es ging nur noch um Leben und Tod. Und um ein hehres Ziel.“ Die Vorgehensweise der Montoneros-Führung, die sich nach Rom absetzte und die bewaffnete Basis aufforderte, entschieden weiterzukämpfen (statt sich angesichts der aussichtslosen Lage in Sicherheit zu bringen), diese Position sieht Hackl als kriminell an. Für die Entscheidung von Leuten wie Gisi, weiterzumachen, hat er ein Verständnis, das sich mühelos mitteilt.
Die österreichische Schriftstellerin Ruth Klüger hat, wie der Klappentext wiedergibt, einmal über Hackls Bücher gesagt, sie lese diese so gern, weil Frauen „es so gut bei ihm haben“. Nach den Mädchen- und Frauengestalten in Auroras Anlass, Abschied von Sidonie und Sara und Simón wird Klüger auch hier wieder diese zutiefst freundschaftliche, überhaupt nicht machohafte Annäherung finden, die jemanden wie Gisi so lebendig macht.
Das ist das Thema des Buches: Gisi wieder lebendig zu machen. „Als ob ein Engel vom Himmel käme“, führt Hackl zu Beginn eine Märchenpassage ins Feld: „Sie ging auf ihren Vater und ihre Mutter zu, fiel ihnen um den Hals und küsste sie.“ Gisi Tenenbaum ist tot. Aber Erich Hackl, der weniger Geschichtsschreibung betreibt als ein Geschäft für die Gegenwart, vergegenwärtigt Menschen wie Gisi, die er für heute braucht. Das, was ihre Zukunft hätte sein können, „liegt halb hinter uns“, wie es im Buch heißt: Es steht uns offen, ihre Zukunft zu unserer Angelegenheit zu machen.

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