Im Auge des Bösen
Die brillante Studie Hangar Rojo zeigt den Putsch in Chile aus Sicht eines Offiziers mit Gewissen
„Capitán, wie fühlt es sich an, von so weit oben herunterzufallen?“ Mindestens so unschuldig wie die Frage des jungen Unteroffiziers Hernández ist auch er selbst. Gerade frisch vom heimischen Bauernhof an der Akademie der Luftwaffe in Santiago angekommen, quillt dem etwas zu redseligen Kadetten der Idealismus aus allen Poren. Sein Ausbilder Jorge Silva, den er mit Fragen löchert, ist nicht nur einer der besten Fallschirmspringer des Landes, sondern auch ein veritabler Held, der einst mithalf, ein Attentat auf Chiles Präsidenten Salvador Allende zu verhindern. Es ist der Abend des 10. September 1973 und morgen soll eigentlich ruhig und geregelt der neue Ausbildungszyklus beginnen.

Wie heute jede*r weiß, war am nächsten Tag nichts mehr in Ordnung in Chile. Das Militär putschte, auf den Präsident*innenpalast fielen Bomben und Sympathisant*innen der Regierung Allende wurden brutal gefoltert und ermordet. Doch auch innerhalb des Militärs selbst hatte es viele Unterstützer*innen Allendes gegeben. Deren Kampf zwischen Befehlstreue, Gewissensbissen und Widerstand zeigt Hangar Rojo, der Debütfilm des chilenischen Regisseurs Juan Pablo Sallato, in beklemmender und brillanter Form auf der Berlinale. Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten aus dem Buch Disparen a la Bandada (Schießt auf die Menge) des Journalisten Fernando Villagran, der ebenfalls kurz im Film vorkommt.
Capitán Jorge Silva (Nicolás Zárate) ist der Protagonist in Hangar Rojo und er hat seinen Job mit Bedacht gewählt: Als Ausbilder sieht er sich an der richtigen Stelle, um jungen Soldaten Unterstützung jenseits von brutaler Disziplin und autoritärer militärischer Ideologie zu bieten. Der Putsch trifft ihn und seine Vorgesetzten sichtlich unerwartet und konfrontiert ihn mit einem alten Feind: Oberst Jahn (Marcial Tagle, wohl nicht ganz zufällig mit Hitler-Haarschnitt) war am versuchten Attentat auf Allende beteiligt und wurde auf Hinweis von Silva des Landes verwiesen. Nun kehrt er als Verantwortlicher der Akademie zurück und baut sie zum „Hangar Rojo“ („Roter Hangar“) um, einem Folterzentrum für die Unterstützer der demokratisch gewählten Regierung. „Wie fühlt es sich an, von so weit oben herunterzufallen, Capitán?“ will auch er wissen, doch nun ist die Frage vergiftet und eine kaum verhohlene Drohung: Ich habe dich im Auge. Ein falscher Schritt und du sitzt sofort auf der anderen Seite im Hangar Rojo. Dennoch versucht Jahn auch, die unbestrittenen Qualitäten Silvas für die Zwecke der Putschisten zu nutzen und stellt ihn deshalb mit sadistischen Aufträgen auf die Probe.

Wie Nicolás Zárate diesen Ritt auf der Rasierklinge zwischen notwendiger mimischer Beherrschung und dennoch sichtbarer Abneigung gegen die Generäle auf der Leinwand verkörpert, ist in jeder Sekunde des Films beeindruckend. Auch Sallatos Inszenierung in klaustrophobisch gefilmten Schwarz-Weiß-Bildern und das packende Drehbuch von Luis Emilio Guzmán stehen dem in Nichts nach. Obwohl Gewalt so gut wie nie explizit gezeigt wird, ist fast körperlich zu spüren, wie sich die Schlinge um die wenigen Soldaten, die sich dem Unrecht zu widersetzen versuchen, unabwendbar zuzieht. Gefangen zwischen militärischer Pflicht, dem eigenen Gewissen und der Loyalität zur Regierung Allende bedeutet jede autonome Entscheidung tödliche Gefahr für das eigene Leben und das der Familie. Hangar Rojo wird so zu einer Ermutigung zum Widerstand im Kleinen, durch Gesten, Blicke und manchmal sogar Taten – selbst wenn dies im Angesicht eines übermächtigen Gegners aussichtslos erscheint. Und setzt damit ein starkes politisches Zeichen auch über die Berlinale hinaus.
Freitag, 13. Februar, 15:30 Uhr, Bluemax Theater
Samstag, 14. Februar, 13:00 Uhr, Cubix 9
Sonntag, 15. Februar, 19:15 Uhr, Cubix 8
Montag, 16. Februar, 16:00 Uhr, Colosseum 1
Mittwoch, 18. Februar, 17:00 Uhr, Xenon Kino
Hangar Rojo (Die fabelhafte Zeitmaschine), Chile/Argentinien/Italien, 2026, 81 Minuten, Weltpremiere, Regie: Juan Pablo Sallato; Spanisch mit englischen Untertiteln; Berlinale-Sektion Perspectives
LN-Bewertung: 5/5 Lamas



