Im Paradies der Schwurbler*innen
Der Dokumentarfilm „Im Umkreis des Paradieses“ legt die Abgehobenheit Weißer Zuwander*innen in Paraguay bloß
„Es ist ganz einfach: Bei uns darf jeder sagen, was er will und glauben, was er möchte“ proklamiert Erwin Annau gleich zu Beginn des Berlinale-Films Im Umkreis des Paradieses. Der Österreicher leitet eine Auswander*innenkolonie in Caazapá, einer ländlichen Kleinstadt im Süden Paraguays. „Nur LGBT (sic!), Polygamie und Impfungen haben bei uns keinen Platz!“ Damit ist der Ton gesetzt in dieser Dokumentation mit ihrem etwas sperrigen deutschen Titel – der englische Around Paradise wirkt deutlich eingängiger.

Im Umkreis des Paradieses zeigt, wie sich Verschwörungstheoretiker*innen aus Deutschland und anderen Ländern des Globalen Nordens in der paraguayischen Provinz breitmachen und sich dabei wie moderne Kolonialist*innen benehmen. Trotz der räumlichen Nähe scheinen sie mental auf einem anderen Planeten zu leben als die sie umgebende Lokalbevölkerung.
Die deutsche Regisseurin Yulia Lokshina beschränkt sich filmisch auf das Stilmittel der Beobachtung. Es sprechen ausschließlich die Protagonist*innen selbst, Interviews oder Kommentare aus dem Off gibt es nicht. Dass das genau der richtige Ansatz ist, wird sehr schnell deutlich, wenn Lokshina die Beobachtung der esoterisch-verschwörungstheoretisch verklärten Zuwander*innen aus dem Globalen Norden mit dem Leben zweier lokaler Jugendlicher kontrastiert: Will und Yoha bezeichnen sich selbst als Influencer, lieben ihre Stadt und träumen davon, dort Touren für Tourist*innen anzubieten. Doch obwohl sie in den sozialen Medien für ihr Business werben, will das Geschäft nicht so richtig anlaufen. Also müssen sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen: Will putzt in einem Fitnessstudio, Yoha arbeitet in einem Café. Den beiden bei ihren Gesprächen über ihre Pläne und Träume zuzuhören, ist ebenso herzerwärmend wie erhellend und steht im krassen Gegensatz zu den oft völlig verqueren und teils auch rassistischen Einlassungen der Neuankömmlinge. Wer sich als Zuschauer*in dabei an den Kopf fasst, nimmt die Hand am besten gar nicht mehr weg. Sätze wie „Ich kann Krebs ohne Medikamente nur mit meinen Händen heilen“ sind eher die Regel als die Ausnahme.
Die Neokolonialist*innen glauben, in der paraguayischen Peripherie den Himmel auf Erden gefunden zu haben. In ihrer Siedlung am Rand eines Naturschutzgebietes namens El Paraiso Verde („Das grüne Paradies”) errichten sie teils imposante Häuser. Angeführt wird das Unternehmen von Erwin Annau, einem gleichermaßen überdrehten wie zwielichtigen Typen, der in seinem vorherigen Leben in Österreich als Anwalt und Finanzberater tätig war. Er lockt mit Versprechen staatlicher Kontrollfreiheit und „Schutz vor dem 3. Weltkrieg” Menschen mit meist viel Geld nach Paraguay. Was genau er mit dem eingesammelten Reichtum dann anstellt, macht er jedoch nicht wirklich transparent.

Hinzu kommt, dass sich die propagierte Basisdemokratie als Fassade erweist. Denn Demokratie heißt bei Annau, dass er sich bei allen wichtigen Fragen ein Vetorecht sichert. Entscheidungen an ihm vorbei zu treffen, ist faktisch unmöglich. Das führt im Laufe des Films zu erheblichen Spannungen der am Anfang noch so begeistert eingeschworenen Gemeinschaft der Schwurbler*innen. Einige Mitglieder werden im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlossen, Zurückweisung durch den bewaffneten (selbstverständlich paraguayischen) Wachdienst inklusive. Da helfen dann auch die Beschwörungen des Obergurus und seiner Familie, man werde von der CIA beobachtet, nichts mehr. Wenn es ums liebe Geld geht, ist es scheinbar schnell vorbei mit der neurechten Einigkeit.
Mit Im Umkreis des Paradieses ist Yulia Lokshina eine der bemerkenswertesten Dokumentationen der Berlinale 2026 gelungen. Ihr Film ist nicht nur eine genaue Beobachtung einer rechten Auswander*innen-Community, die deren Weltfremdheit und Menschenfeindlichkeit schonungslos bloßlegt, ohne externe Kommentare zu benötigen. Er zeigt auch koloniale Kontinuitäten auf, denn schon 100 Jahre zuvor scheiterte der Versuch der Gründung einer deutschen Siedlung fast am gleichem Ort. Und ironischerweise liegt damals wie heute ein wesentlicher Grund für das Scheitern an genau dem Punkt, den rechte Stimmen Migrant*innen in Deutschland nur allzu gerne vorwerfen: mangelnde Integration.
LN-Bewertung: 5/5 Lamas
Im Umkreis des Paradieses // Deutschland/Paraguay 2026 // 120 Minuten // Dokumentarische Form // Regie: Yulia Lokshin // Deutsch, Spanisch und Guaraní mit englischen Untertiteln // Berlinale-Sektion Panorama


