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Im roten Licht des Grenzstreifens

Der stählerne Grenzzaun, der Mexiko und die USA bis weit ins Meer hinein voneinander trennt, ist bekannt für Menschenrechtsverletzungen und eine repressive Abschottungspolitik der USA. Auf der Suche nach Arbeit versuchen nicht nur MexikanerInnen, sondern Menschen aus ganz Lateinamerika diese Grenze zu überqueren. Die meisten von ihnen haben bereits eine wochen- oder monatelange Reise hinter sich, wenn sie die nördlichste Region Mexikos erreichen.
Für viele endet die Hoffnung auf ein besseres Leben jedoch schon Tausende Kilometer südlicher, an der Frontera Olvidada (vergessenen Grenze), im Grenzgebiet zwischen Guatemala und Mexiko. Die südliche Grenze Mexikos ist vergessen von Politik und Öffentlichkeit, Schauplatz für Menschenhandel, Korruption, Prostitution und Abschiebungen.
Im Gegensatz zur 3300 km langen Südgrenze der USA, sind die Migrationsbewegungen in der Region zwischen Mexikos Landenge, dem Isthmus von Tehuantepec, und der Südgrenze einfacher zu kontrollieren. Die wirtschaftliche und politische Abhängigkeit Mexikos von den USA garantiert eine Kooperationsbereitschaft seitens Mexikos in der Migrationspolitik. Die mexikanische Migrationsbehörde, das Instituto Nacional de Migración (INM), verabschiedete im Juli 2001 den Plan Sur, der eine verstärkte Kontrolle von MigrantInnen in Mexiko vorsieht. Seitdem ist von Seiten der mexikanischen Regierung eine anwachsende Repression in der Migrationspolitik zu verzeichnen. Durch diese Abschottungspolitik bewegen sich MigrantInnen mit einem illegalisierten Status, und werden leicht Opfer korrumpierter Behörden und organisierter Kriminalität.

Zahl der minderjährigen Migrantinnen steigt
Am Río Suchiate, dem Grenzfluss liegen sich die kleinen Grenzstädte Ciudad Hidalgo und Tecún Úman gegenüber. In beiden Orten befinden sich große Rotlichtviertel, die von der Fluktuation in der Grenzregion entlang der großen Überlandstraße Interamericana profitieren. Die meisten Mädchen und Frauen in der Prostitution sind Migrantinnen aus Honduras und El Salvador. Kaum eine von ihnen ist älter als 25 Jahre, manche sind erst zwölf. Die Migration von Minderjährigen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Mädchen und Jungen ziehen los, auf der Suche nach ihren Eltern oder anderen Verwandten, die bereits in den USA leben. Diese können die Kinder nicht nachholen, wenn sie keine Aufenthaltspapiere besitzen. Häufig bezahlen sie einen Schleuser, der verspricht ihre Kinder ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bringen. Viele der Jungen und Mädchen kommen jedoch nie in den USA an. Sie werden entführt und tauchen in den unzähligen Bordellen und Nachtclubs in der Grenzregion wieder auf. Je restriktiver die Einreisebestimmungen in die USA werden, desto leichter fällt das Geschäft mit dem Kinder- und Frauenhandel.
Hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsmöglichkeiten nehmen jungen Frauen aus Zentralamerika jede Hoffnung auf ein würdevolles Leben in ihrer Heimat. Viele von ihnen sind alleinstehende Mütter, die ihre Kinder entweder mitnehmen oder sie bei Verwandten zurücklassen. Sie planen, für eine kurze Zeit in den USA zu arbeiten und danach zurückzukehren. Häufig werden junge Mädchen auch von ihren Familien geschickt, oder sie fliehen vor häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch. Mit vagen Vorstellungen über Entfernungen und die Risiken des Weges begeben sie sich alleine auf eine gefährliche Reise Richtung Norden.

Gefangen in der Schuldenspirale „Bordell“
Viele junge Frauen verlieren ihr Geld durch Überfälle, korrupte Beamte oder unseriöse Schlepper. So können sie weder weiterreisen noch nach Hause zurückkehren. In ihrer ausweglosen Situation ist die Arbeit in der Prostitution oft ihre einzige Möglichkeit zu überleben.
In den Bordellen geraten sie in eine Schuldenspirale und verdienen weit weniger, als ihnen versprochen wird. Die Getränke, die die Freier konsumieren, werden vom Gehalt der Frauen abgezogen. Außerdem müssen sie die Miete für das Zimmer zahlen. Dies ist oft nicht mehr als ein kleiner Verschlag, in dem sie nicht nur die Freier empfangen, sondern auch wohnen. Es gibt zahlreiche Frauen, deren Kinder bei ihnen im Bordell leben. Dort werden sie mit dem von Gewalt und Demütigungen geprägten Alltag ihrer Mütter konfrontiert.
Viele junge Frauen erleiden in den Bordellen der Grenzstädte schwere Körperverletzungen, infizieren sich mit HIV oder anderen Krankheiten. Für Kondome müssen sie selbst zahlen. Sie sind der Willkür von Freiern und Zuhältern ausgesetzt und werden häufig von Drogen und Alkohol abhängig gemacht, um sie an den Bordellbetrieb zu binden.
Besonders minderjährige Migrantinnen werden in der Grenzregion entführt und unter sklavenähnlichen Verhältnissen zur Prostitution gezwungen. Bei ihrer Ankunft in den Grenzorten werden sie von Taxifahrern oder vermeintlich hilfsbereiten Personen abgefangen und unter falschen Versprechen an Bordelle oder an Lastwagenfahrer verkauft, die sie in ihrem Fahrzeug vergewaltigen. Es kommt in solchen Fällen fast nie zu einer Anzeige, da Polizei und Justiz kein Interesse haben, sich für Migrantinnen ohne Aufenthaltsstatus einzusetzen. Im Gegenteil, viele Beamte und Richter decken in der Grenzregion gegen Geld und Gefälligkeiten die Akteure des Frauenhandels. Mädchen, die eine Anzeige machen, laufen Gefahr, von den Tätern bedroht und ermordet zu werden. Auch von Presse und Öffentlichkeit können die Opfer keine Unterstützung erwarten, da sie von der Gesellschaft in dreifacher Hinsicht diskriminiert werden: als Frau, als Migrantin und als Prostituierte. Denn ohne Aufenthaltspapiere eine Anzeige zu erstatten, bedeutet Abschiebung.
Manche Migrantinnen, die sich in der Prostitution durchschlagen, bewahren ihren Traum, in die USA zu reisen, und versuchen, dafür Geld zu sparen. Andere verwerfen ihn und sehen keine Chance, weiter nach Norden zu gelangen. Sie hoffen, eines Tages aus dem Bordellbetrieb herauszukommen, um vor Ort oder in ihre Heimat zum Beispiel als Straßenverkäuferin oder Köchin arbeiten zu können.
Nicht nur finanzielle Probleme, sondern auch Scham- und Schuldgefühle halten sie jedoch von einer Rückkehr ab. Die ständige Gewalt und die alltäglichen Demütigungen nehmen ihnen jedes Selbstwertgefühl.

Rettung im Casa de la Mujer
Wer einmal in das Geschäft der Prostitution geraten ist, hat kaum eine Chance wieder auszusteigen. Mit Drohungen und Gewalt machen die Bordellbesitzer ihre Ansprüche auf die Frauen geltend.
Es gibt in der Grenzregion nur eine Organisation, die sich den Frauen im Kontext von Prostitution und Frauenhandel widmet. Das Casa de la Mujer in Tecún Úman wird von den Schwestern der Hermanas Oblatas, einem für die katholische Kirche recht unkonventionellem Nonnenorden geleitet. Diese kümmern sich seit Jahren um die jungen Frauen. Sie setzen sich mit den Bordellbesitzern auseinander, um den jungen Frauen schulische Weiterbildung und Beratung in medizinischen Fragen zu ermöglichen. Vor allem aber versuchen sie, das Selbstwertgefühl der Frauen aufzubauen und ihnen als gleichwertige Gesprächspartnerin und Zuhörerin gegenüberzutreten.
„Letztlich können sie jedoch nur selbst den Entschluss fassen, den Drogen und der Gewalt, aber damit auch ihrer einzigen Einnahmequelle den Rücken zu kehren“, sagt Schwester Angélica. Den traumatisierten Mädchen und Frauen, die diesen Schritt machten, fange das Frauenhaus dann auf und böte ihnen Therapie- und Entzugsmöglichkeiten.
Für eine gute und umfangreiche Betreuung fehlen dem Casa de la Mujer jedoch oft Geld und motivierte Mitarbeiterinnen. Damit die Frauen langfristig selbstständig und finanziell unabhängig leben können, haben sie im Frauenhaus die Möglichkeit eine Ausbildung zur Schneiderin oder Kosmetikerin zu machen.
Aber auch hier, am Rand des Städtchens Tecún Úman, eingeschlossen hinter hohen Mauern, können die Frauen ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen. „Die Bordellbesitzer verfolgen die Frauen. Es kommt immer wieder vor, dass sie auch hier massiv bedroht werden“, erzählt Ordensschwester Angélica. Sie und die anderen Mitarbeiterinnen versuchen den Frauen durch psychotherapeutische Gespräche zu helfen, die traumatischen Erlebnisse zu bewältigen.

Die AutorInnen waren im Rahmen eines Studienprojektes drei Monate an der mexikanischen Südgrenze. In Zusammenarbeit mit dem Menschenrechtszentrum Fray Matías de Cordova und der Universität Ecosur haben sie zahlreiche Gespräche mit MigrantInnen auf ihrer Reise und im Abschiebegefängnis geführt, sowie Institutionen und Organisationen kennen gelernt.

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