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Im schwarzen Rollkragenpulli

Nicht das Land, in dem sie geboren wurde, mit seiner heuchlerischen Gesellschaft voller Vorurteile, Abhängigkeiten und offener Gewalt. Und auch nicht ihren Vater Radomir, der nur sporadisch zwischen Überfällen und Gefängnisaufenthalten zu Hause auftaucht. „Du kannst ihn dir nicht aussuchen, wie einen Hund oder eine Katze,“ belehrt ihre Mutter sie, „er ist dein Vater und du musst dich einfach daran gewöhnen, ihn zu lieben.“ Wie man sich an so vieles gewöhnen muss, wenn man aufhört, Kind zu sein.
Gonzalo Justiniano´s Filmdrama B-Happy erzählt Kathys Geschichte. Sie handelt vom Erwachsenwerden und von der Schwierigkeit sich frei zu entscheiden, wenn man fast die ganze Welt gegen sich hat. Der Film erzählt, wie Kathi lernt, das Leben fortzuführen, so sinnlos es auch erscheinen mag und sich nicht von der Angst lähmen zu lassen. Wie andere im Dunkeln pfeifen, betet sie sich immer wieder vor, dass sie keine Angst hat: „Weder vor Hunden, noch vor der Nacht, nicht vor Erdbeben und nicht vor Marsmenschen…ich habe keine Angst, vor nichts und niemand.“
Kathy lebt zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Danilo in einem heruntergekommenen Haus in der Nähe der chilenischen Küste. Die Ritzen in den dünnen Wände, von denen sich die düstere Tapete rollt, bieten kaum Privatsphäre. Die Mutter arbeitet hart, um die Familie über Wasser zu halten, trotzdem sind sie angewiesen auf Almosen der Nachbarn. Kathy ist ein ganz normaler Teenager: Über ihrem Bett hängt ein Poster von Leonardo di Caprio und im Unterricht träumt sie vom ersten Kuss. Aber als in der Schule eine Handtasche gestohlen wird, fällt der Verdacht sofort auf sie. Schließlich ist bekannt, dass ihr Vater ein Krimineller ist. „Nun gib schon zu, dass du es warst, Kathy. Wir wollen dir ja nur helfen,“ drängt der Direktor sie in die Enge.
Kein Wunder, dass Kathy ihrem Vater Radomir zunächst misstrauisch gegenübersteht, als der aus dem Gefängnis nach Hause kommt. Nach einer anfänglich harmonischen Phase wird klar, dass Radomir sich nicht ändern wird. Die Familie, die bislang von der Mutter zusammengehalten wurde, beginnt auseinanderzubrechen. Nach einem Todesfall bleibt Kathy vollkommen allein zurück.
Trotz allem muss das Leben weitergehen und Kathy nimmt es in ihre eigenen Hände. Ganz bewusst holt sie sich etwas Zärtlichkeit von Chemo, dem Neuen in der Schulklasse, für den sie heimlich schwärmt. In einer hinreißenden Szene verführt sie ihn, ohne jede falsche Scham. Sie wählt Chemo zu ihrem ersten Liebhaber aus – eine der wenigen Entscheidungen, die sie frei treffen kann.
Chemo ist ein Träumer, ein Sonderling, der sich von den anderen schon rein äußerlich durch seine russische Fliegermütze abhebt. Jedes Mal wenn er Kathy besucht, bringt er ihr ein neues Buch mit. „Der kleinen Prinz“ zum Beispiel. Und wie der Pilot in Saint-Exupérys Erzählung ist auch Chemo in dem kleinen Ort gestrandet, den er nur als Zwischenstation auf seinem Weg nach Arica betrachtet, der Hafenstadt am nördlichen Zipfel von Chile.
Die Sehnsucht nach einem besseren oder vielleicht nur anderem Leben, zieht sich als Motiv durch den Film. Auch Kathys Vater Radomir träumt von Arica, wo vor langer Zeit seine jugoslawische Familie mit dem Schiff angekommen war. Er lebt auf in seinen Erinnerungen an die glorreichen Zeiten der Familie Mardovich. Doch ins Hier und Jetzt passt er nicht wirklich. Überall eckt er an in dieser Gesellschaft in der er fremd bleibt, obwohl er in dem Land geboren wurde.
Arica, das ist die Vorstellung eines vagen Glücks, das immer undefiniert bleibt und wahrscheinlich nie zu erreichen ist. Eine andere Idee von Glück scheint Gladys zu haben, Kathys Lehrerin. „Tooo beeee haaappyyyy,“ lässt sie die ganze Klasse im Chor nachsprechen, als wolle sie ihren Schutzbefohlenen einen Rat für alle Lebenslagen mit auf den Weg geben. Als ob dieser Zustand einträfe, wiederholte man ihn nur oft genug. Stets ein strahlendes Lächeln und ein Liedchen auf den Lippen, wandelt die entrückt heitere Gladys durch die Welt. Während sie die Schönheit der Natur und des Frühlings mit allen Sinnen aufnimmt, scheint sie den hässlichen Seiten der Realität gegenüber doch merkwürdig blind. Sie nimmt einfach nicht wahr, wie ihr Ehemann seine Position als Arbeitgeber in dem kleinen Krämerladen ausnutzt, um von Kathys mittelloser Mutter sexuelle Gefälligkeiten einzufordern. Als ihr die Gefahr bewusst wird, die ihr Mann schließlich für Kathy bedeutet, ist es bereits zu spät um einzugreifen.
Im Gegensatz zu Gladys blickt Kathy der Realität ins Auge, so hässlich sie auch sein mag. Und wenn sie einer grausamen Welt etwas Glück abtrotzt, so ist dies ein echteres Glück, als alles was Gladys erfährt.
Gonzalo Justiniano hat mit B-Happy einen langsamen und nachdenklichen Film geschaffen. Vorallem die wiederkehrenden Großaufnahmen des Gesichts von Kathy strukturieren den Film und machen seine Ruhe aus. So hat das Publikum viel Gelegenheit, Kathys wunderschöne Augen zu studieren, die oft skeptisch und manchmal sehr abgeklärt blicken. Und so steht und fällt der Film B-Happy mit der hervorragenden Leistung seiner Hauptdarstellerin Manuela Martelli. Nur ihre Mimik und ihr Blick sagen mehr als alle Worte. In ihrem Gesicht spiegeln sich Kathys Verlorenheit in der Welt, aber auch ihr Wille, sich trotzdem in dieser Welt zu behaupten.
B-Happy ist ein Film über AußenseiterInnen die ihr Überleben – und manchmal ihr Glück – den widrigen Umständen immer wieder von neuem abtrotzen müssen. Sie bleiben fremd, in die Welt geworfen und immer wieder von vorne beginnend. Wie Sisyphos. „Und wer ist das?“ fragt die 15-jährige Kathy ihren Freund Chemo, als er ihr ein Buch über die griechische Sagengestalt schenkt. „Ein Mann, der einen riesigen Stein auf einen Berg schaffen muss, obwohl das im Grunde unmöglich ist. Und dennoch versucht er es wieder und wieder.“

B-Happy, Regie: Gonzalo Justiniano Chile 2003; Farbe, 90 Minuten
Der Film wird auf der Berlinale (5.-15.Februar) im Forum gezeigt.

Auszeichnung für das Lebenswerk von Fernando Solanas
Der argentinische Filmemacher Fernando Solanas wird auf den diesjährigen 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin mit einem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk geehrt.
Seit über 30 Jahren betrachtet Fernando Solanas die politische und soziale Realität seines Heimatlandes Argentinien mit den Mitteln des Kinos. Bereits mit seinem aufsehenerregenden antiimperialistischen Dokumentarfilmdebüt La Hora de los hornos (Die Stunde der Hochöfen) von 1967 schuf er einen Klassiker des politischen Dokumentarfilms, der während der Zeit der Diktatur in Argentinien nur im Untergrund aufgeführt werden konnte. Auch sein Spielfilm Los Hijos de Fierro (Söhne des Fierro) wurde in Argentinien verboten.
Die Repressionen während der Militärdiktatur in Argentinien zwangen den Regisseur Mitte der 70er Jahre ins Exil nach Paris. In dieser Zeit entstanden Le Regard des autres (Der Blick der anderen) (1980) und Tangos, el exilio de Gardel (Tangos, das Exil Gardels). Mitte der 80er Jahre kehrte Fernando Solanas nach Argentinien zurück und setzte mit den Filmen El Sur (Der Süden) (1988), El Viaje (Die Reise) (1992) und La Nube (Die Wolke) (1998) seine Auseinandersetzung mit Argentinien und Lateinamerika fort.
In seinem jüngsten Dokumentarfilm Memoria del saqueo (Geschichte einer Plünderung) stehen die argentinische Krise der letzten Jahre und die Folgen von neoliberaler Politik und Globalisierung im Zentrum. Der Film arbeitet mit Interviews und Archivmaterial, um Themen wie Korruption und Verschwendung öffentlicher Gelder zu beleuchten. „Mein Film“, so Regisseur Solanas, „soll als lebendiges Bild einen Beitrag zur dringend notwendigen Diskussion leisten, die in meinem Land, in Lateinamerika und in der ganzen Welt über die menschenunwürdige Globalisierung stattfindet. Gleichzeitig soll er aufzeigen, dass eine andere Welt möglich ist.“
Aus Anlass dieser Hommage wird Solanas’ neuester Dokumentarfilm Memoria del saqueo im Anschluss an die Verleihung des Ehrenbären am 10. Februar 2004 im Kino International in Berlin gezeigt.

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