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Immer tiefer hinein in die Krise

Die ökonomische Situation hat sich in letzter Zeit massiv verschlechtert: 1999 ist das Bruttoinlandsprodukt um 3,2 Prozent gesunken und in den ersten beiden Quartalen des Jahres 2000 fiel es um weitere zwei Prozent, auch ist die Arbeitslosigkeit um vier Prozent auf 14,7 Prozent gestiegen. Die Exporte gehen weiter zurück, während die Importe zunehmen. Eine Situation, die das Land kaum noch verkraften kann. Dazu kommt die Abhängigkeit von Argentinien. Die prekäre wirtschaftliche Situation des großen Nachbarn färbt auch direkt auf die Republik östlich des Río Uruguay ab, wie das Land offiziell heißt. Die Arbeitskämpfe haben sich nach einer Untersuchung der katholischen Universität im Oktober im Vergleich zum Vormonat vervierfacht, wobei unter anderem im Oktober und November über Wochen hinweg die Universitäten und Schulen besetzt wurden. Gefordert wurde eine Erhöhung des staatlichen Bildungsetats. Eine Einigung konnte nicht erzielt werden, da sich die Regierung weigerte auf die Forderungen einzugehen. (Siehe nachfolgenden Artikel) Auch das öffentliche Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Angestellte und DozentInnen befinden sich im unbefristeten Streik und einzelne Kliniken werden besetzt. Auch hier deutet sich keine kurzfristige Lösung an.
Am 6. Dezember begann bereits der zweite Generalstreik seit Beginn der Amtszeit des liberal-konservativen Präsidenten Jorge Batlle vor neun Monaten. Die Gewerkschaften mobilisierten gegen die Verabschiedung des Staatshaushaltes und fordern einen „gerechten Haushalt, bessere Löhne, den Erhalt der Arbeitsplätze, mehr Mittel für die Bildung und die öffentliche Gesundheit und Zugang zu besseren Wohnungen.“ Für 24 Stunden soll der öffentliche Transport, die Dienstleistungen, das Gesundheitssystem, das Bildungswesen etc. stillgelegt werden. Für den Präsidenten sind das alles überholte Rituale: „Streiks bringen absolut nichts mehr.“
Vor fünf Monaten, beim ersten Generalstreik seiner Amtszeit appellierte er an die Gewerkschaften, „eine professionellere Methode zu wählen und mit den Arbeitgebern und dem Staat zu diskutieren.“ Bei fast allen Arbeitskämpfen geht es hauptsächlich um Lohnforderungen. So verdient einE DozentIn an der Universität kaum mehr als 400 US-Dollar monatlich und viele ArbeiterInnen müssen mit weniger als 300 US-Dollar im Monat auskommen. Von denjenigen, die darauf angewiesen sind, Produkte auf der Straße zu verkaufen, ganz zu schweigen. Und gerade diese rund 60.000 Personen treibt der Staat mit seinem Vorschlag auf diesen Straßenhandel eine Steuer zu erheben, nach Ansicht des Vorsitzenden der Vereinigung der ambulanten VerkäuferInnen weiter in die Verzweiflung.

Die Aftosa – Die Maul- und Klauenseuche

Außer dem negativen Wirtschaftswachstum und der sozialen Spannungen, die Uruguay zur Zeit zu schaffen machen, wird das Land nun auch noch von der Maul- und Klauenseuche heimgesucht.
Im Oktober 2000 tauchte sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder im Norden des Landes an der Grenze zu Brasilien auf. Diese Infektionskrankheit ist zwar für den Menschen ungefährlich, aber das Fleisch der betroffenen Tiere kann nicht mehr verwertet werden. Die Grenzen wurden geschlossen, ganze Landstriche wurden unter Quarantäne gestellt, mehr als 20.000 Rinder wurden allein in einer einzigen Provinz vernichtet. Für die Fleischindustrie, immer noch eine der wichtigsten Exportindustrien des Landes, bedeutet dies, dass nur noch zwei von vormals 40 Märkten, nämlich Brasilien und Israel, geöffnet bleiben. Weder in die USA noch in die Europäischen Union oder nach Argentinien dürfen uruguayische Fleischprodukte zur Zeit ausgeführt werden. Eine Katastrophe für ein Land, das so stolz auf seine Gaucho-Tradition ist.
Für den Anthropologen Javier Taks hat dieses Phänomen auch mit der aktuellen politischen Situation in der Gesellschaft zu tun: „Dem betroffenem Züchter war das Problem seit langem bekannt, aber in einem System, in dem ein gnadenloser Wettbewerb herrscht, zählt nur noch das eigene Überleben. Das was Uruguay einmal ausgezeichnet hat, das Mitdenken für das Gemeinwohl und die Solidarität, ist kaum noch vorhanden. Die Folgen für die uruguayische Viehzucht müssen dem Züchter bewusst gewesen sein, trotzdem hat er auftretende Fälle nicht gemeldet.“
In der Folge der Aftosa-Krise reagierte die Regierung unvorbereitet. Um von den eigenen Versäumnissen abzulenken wurde dem Schmuggel an den Grenzen zu Brasilien der Kampf angesagt. Für viele gleicht dieser Kampf einem Strohfeuer, das keine nachhaltige Wirkung haben wird, da viele Funktionäre und Angehörige der Grenzpolizei selbst in den Schmuggel verwickelt sind.

Schmuggel und Korruption

Seit Jahrzehnten sind Schmuggel und Korruption die zwei Hauptprobleme der Wirtschaft in Uruguay. Fast wöchentlich werden neue Korruptionsfälle aufgedeckt, bei der Hafenverwaltung, bei Banken etc. Schmuggelgüter sind im Land allgegenwärtig. Jedes Jahr gehen dem Staat so Millionen von Geldern verloren, was besonders für den kleinsten Mitgliedsstaat des Mercosur ein Riesenproblem darstellt. In nahezu allen Sektoren ist der Anteil der illegal ins Land eingeführten Waren sehr hoch. Die fehlende Kaufkraft durch nicht ausgezahlte Löhne bzw. immer weiter fallendes Durchschnittseinkommen und immer geringere Eigenproduktion im Land lassen vielen Menschen gar keine Wahl. „Nicht mal mehr Kaugummis, Bonbons oder Zahnpasta wird hier hergestellt, fast alles kommt aus Brasilien ins Land,“ erklärt ein ambulanter Verkäufer, der selbst mehr als 30 Jahre bei einer Baufirma beschäftigt war und seit vier Jahren durch den Verkauf überlebt. Seit Wochen wird über eine Notstandsgesetzgebung debattiert, deren endgültige Entscheidung ist aber noch nicht gefallen. Die Besitzverhältnisse im Land polarisieren sich und der traditionell starke Mittelstand beginnt sich aufzulösen. Viele Angehörige der Mittelschicht sind auch diejenigen, die das Land verlassen wollen.

El Bajón – Eine neue Emigrationswelle

Die Hiobsbotschaften nehmen für viele kein Ende. Eine Tageszeitung sprach sogar schon von den sieben biblischen Plagen, die über das Land kommen. Die Situation ist für viele Menschen deprimierend, es „herrscht Stillstand im Land“ und fast alle reden von der Emigration. Die Schlangen vor den Passämtern sind oft mehrere Hundert Meter lang. Da ein Reisepass sehr teuer ist, ist zu vermuten, dass viele wirklich entschlossen sind, ihrem Land den Rücken zu zukehren.
Für Uruguay ist auch das nicht neu. Mehr als zehn Prozent der im Land Geborenen wohnen heute außerhalb Uruguays. Unter den 20 bis 30-Jährigen wollen mehr als 30 Prozent das Land demnächst verlassen. Die bevorzugten Zielländer sind dabei die USA, Kanada, Australien, Spanien und Italien. Die boomende Wirtschaft in den USA braucht dringend Arbeitskräfte, auch deshalb wurde vor kurzem die Visa-Pflicht für UruguayerInnen aufgehoben. Für 90 Tage können nun allee, die einen gültigen Reisepass besitzen, als TouristInnen oder Geschäftsreisende einreisen. Mittlerweile haben fast alle Familien Verwandte in Miami, New York oder Los Angeles, die wiederum weitere Uruguayos/as nach sich ziehen.
Auch das sich im wirtschaftlichen Aufschwung befindende Spanien ist für viele sehr attraktiv. Trotz der rigiden Einreisebestimmungen in der Europäischen Union finden viele einen Weg, mit einem TouristInnenvisum einzureisen oder sie haben im besten Falle von ihren Eltern oder Großeltern her einen zweiten, europäischen Pass.
Es ist jedoch nicht nur die schlechte ökonomische Situation im Land, sondern auch der politische Stillstand, der viele in die Emigration treibt. „Noch vier Jahre diese Regierung und nichts wird sich ändern, das halte ich nicht aus. Ich will nicht, dass meine Jugend weiter so vorübergeht, ich will etwas erleben und etwas erreichen. Hier bekomme ich dazu keine Chance,“ so eine 24-jährige aus der Provinz, die als Reinigungskraft nach New Jersey gehen will.
Viel Positives gibt es somit zur Zeit aus Uruguay nicht zu berichten, nicht einmal aus der Meterologie: sogar der Winter war eine Katastrophe: scheißkalt.

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