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„In Chile gibt es keine Zivilgesellschaft mehr“

Chile ist ein Land, das in seiner Geschichte immer wieder von starken Erdbeben erschüttert wurde. Welche Besonderheiten zeichnen sich beim Wiederaufbau nach dem Beben am 27. Februar 2010 ab?
Heute stehen wir einer Katastrophe gegenüber, bei der die chilenische Zivilgesellschaft im Vergleich zum Erdbeben 1985 wenig zu sagen hat, da die Hilfe größtenteils durch die Zusammenarbeit staatlicher und privatwirtschaftlicher Gruppen organisiert wird. 1985 wurde ein großer Teil des Wiederaufbaus nicht von staatlicher Seite getragen, sondern von Organisationen, die mit der Kirche und Nichtregierungsorganisationen in Verbindung standen. Im Moment scheint es jedoch von zentraler Bedeutung zu sein, Konditionen für die Reaktivierung der Privatwirtschaft zu schaffen.

Was heißt das für die konkrete Umsetzung?
Der herrschende Diskurs hat dazu geführt, dass die Mehrzahl der Chilenen heute davon überzeugt ist, dass Probleme, wie zum Beispiel der jetzige Wiederaufbau, nur von Privatunternehmen gelöst werden können. Der ökonomische und materielle Wiederaufbau sind nicht das Problem, da in Chile genügend Ressourcen dafür vorhanden und die technischen Kapazitäten ausreichend sind. Es ist aber essenziell die Kontrolle genau über die Frage des Wie zu gewinnen.

Spielt die Zivilgesellschaft dabei überhaupt noch eine Rolle?
Zuerst einmal möchte ich anmerken, dass es nach meiner Meinung in Chile keine Zivilgesellschaft mehr gibt. Und wenn jemand behauptet, es gäbe eine, dann ist diese mit karitativen Aktionen beschäftigt. Diese völlig chaotische Hilfskampagne offenbart die Absenz der sozialen Netze. Wenn wir zum Beispiel Kuba betrachten, dann sehen wir dort eine Zivilgesellschaft, die auf Naturkatastrophen bestens vorbereitet ist. Bei den immer wiederkehrenden Tornados kommuniziert die Nachbarschaft und reagiert gemeinsam. Ich denke, der Wiederaufbau sollte ausgehend von der lokalen Basis geschehen. Es ist äußerst wichtig, die einheimische Bevölkerung mit ihrem lokalen Wissen bei dem Prozess mit einzubeziehen, um die Ortschaften und Stadtteile wieder in ihrem ursprünglichen Kontext aufzubauen. Es muss vermieden werden, dass Tabula rasa gemacht und etwas komplett Neues konstruiert wird. Das, was zerstört wurde, hat einen speziellen Wert für die Menschen und der darf nicht verloren gehen.

Beim missglückten Tsunami-Alarm wie auch später bei der Evakuierung und den Hilfsmaßnahmen kam es zu Unstimmigkeiten zwischen den zuständigen Behörden. Wie erklärt es sich, dass die chilenische Regierung so unvorbereitet von dem Erdbeben getroffen wurde?
Ich denke, dass der Großteil des Unvermögens, auf solch eine Katastrophe angemessen zu reagieren, mit dem Staat zu tun hat, den wir aufgebaut haben. Dies zeigt sich zum einen in der technokratischen Antwort der Regierung. So fand beispielsweise die Einschätzung der Lage vom Helikopter aus statt, um dann von dort oben zu berichten: „Schau mal, uns geht´s nicht gut”. Das chilenische Modell wird auch dadurch in Frage gestellt, dass wir in absoluter Abhängigkeit der privaten Dienstleister agieren, sogar in strategischen Bereichen. Mit dem Militär haben wir ein Hilfsmittel zur Hand, welches anscheinend nicht auf Notfallsituationen vorbereitet ist. So hängt in einer Notlage die Wiederherstellung der essenziellen Infrastruktur, wie etwa die Wasserversorgung und die Telekommunikation, von der Kapazität der Privatunternehmen ab. Man sollte sich fragen, welche Kapazität ein Staat im Angesicht einer solchen Katastrophe besitzen sollte, um autonom zu reagieren?

In den Tagen nach dem Beben kam es in den stark betroffen Städten Concepción und Chillan vermehrt zu Plünderungen. Wie ist das zu erklären?
In Chile leben viele Menschen von der Hand in den Mund. Es gibt zum einen viel Arbeit im informellen Sektor, andererseits gibt es viele saisonale Anstellungen. Damit ist offensichtlich, dass es sich hierbei nicht um eine Bevölkerung handelt, die Geld auf der Bank gespart hat, auf welches sie bei einer solchen Katastrophe zurückgreifen könnte. Wenn sie fünf Tage nicht arbeiten, bedeutet das für sie fünf Tage ohne Essen. Deshalb müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass im Kontext einer Naturkatastrophe Plünderung etwas total Normales ist.

In den letzten Wochen fanden in Chile vielerei Freiwilligenaktionen, Wohltätigkeitskampagnen und eine große Spendengala statt. Kann man da von einer Welle der Solidarität sprechen?
Mir fällt es schwer, das Solidarität zu nennen. Solidarität ist meiner Meinung nach etwas Beständigeres. Im Fall der Spendengala handelt es sich um eine karitative Aktion, die die emotionale Ebene anspricht. Außerdem haben sich aufgrund der sozialen Ungerechtigkeit in Chile seit einigen Jahren katholisch geprägte Inititativen entwickelt, die sich bemühen, Jugendliche in Freiwilligenaktionen zu integrieren.

Sie sprechen die Jugendlichen aus der Mittel- und Oberschicht an, die den Rucksack packen und sich auf den Weg ins Erdbebengebiet machen.
Hierbei handelt es sich um eine gönnerhafte und karitative Aktion der Oligarchie für diejenigen, die nichts haben. Das ganze könnte man auch „solidarischen Tourismus“ nennen. Dieses Phänomen tritt in dem Maße in Erscheinung, in dem wir als Gesellschaft nicht fähig sind, auf solch eine Situation rational zu reagieren. Es existierten zum Beispiel im Katastrophengebiet auf lokaler Ebene keine sozialen Netze, die zusammenarbeiten hätten können, um Hilfe zu empfangen und zu organisieren. So kann man von vielen Leuten, die vor Ort arbeiten, hören, dass es große Probleme gibt, mit der Hilfe umzugehen, dass zum Beispiel zuviel Kleidung und Essen geliefert wird und keine angemessenen Verteilungsmechanismen vorhanden sind.

KASTEN:

Jorge Salas Larenas

Der Soziologe ist Direktor des Instituts für Wohnungsbau (INVI) an der Fakultät für Architektur und Städtebau an der Universidad de Chile. Das INVI ist eine von drei universitären Einrichtungen, die von der gerade abgelösten Regierung beauftragt worden sind, Projektvorschläge für die Wiederaufbaumaßnahmen im Erdbebengebiet des Landes auszuarbeiten.

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