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In der Warteschleife

Rubén (Julio Chávez) läuft den endlos langen Korridor entlang, immer seinem Chef, dem agentinischen Minister für Planung (Osmar Núnez) auf den Fersen. Sobald dieser in einen der Konferenzräume abbiegt, wartet Rubén draußen. Den ZuschauerInnen wird genauso wie Rubén der Rücken des Ministers und seiner Berater zugewandt. Sie erleben ebenso das Gefühl der Ausgeschlossenheit. Niemals erfahren Rubén oder die ZuschauerInnen, welche Entscheidungen der Minister hinter den verschlossenen Türen wirklich trifft.
El Custodio (Der Leibwächter) ist die Erzählung des Bodyguards Rubén, der still und pflichtbewusst seinen Job als schützender Schatten des Ministers ausführt. Er läuft hinterher, wartet und läuft wieder hinterher. Rubén spricht so gut wie nie und beobachtet durch halb geöffnete Türen das berufliche und private Treiben des Ministers. Das Geschehen rund um den Politiker steht im Zentrum allen Interesses. Rubén dagegen scheint wie ein Möbelstück im Hintergrund unterzugehen, niemals wird er selbst aktiv. Er wartet im Auto, auf dem Korridor oder drückt sich sonst wo an den Rand. Nur in seiner Freizeit handelt Rubén, aber auch da bleibt er der Beobachter. Er ist ein Hobbyzeichner und hütet seine Bilder wie einen Schatz in den Schubladen seines Schreibtisches.
Bei einer Familienfeier des Ministers werden dessen ausländische Gäste schnell auf den Unterhaltungswert Rubéns aufmerksam. Er wird aufgefordert, eine Porträtzeichnung anzufertigen. Man glaubt, Rubén werde nun direkt ins Geschehen integriert, aber der erste Eindruck täuscht. Letztendlich kann er der Kritik an seiner Zeichnung nicht folgen, da sie komplett auf Französisch erfolgt. Kurz zur Belustigung anderer in den Mittelpunkt gehoben, beobachtet Rubén schließlich doch nur wieder marginalisiert das ganze Treiben von außen.
Der geordneten Arbeitswelt Rubéns steht seine private, chaotische Welt gegenüber. Doch auch hier steht er nie im Zentrum des Interesses. Seine Schwester (Christia Villamor) quasselt so viel, als hätte sie ein Radio verschluckt. Seine unbegabte Nichte träumt vom großen Durchbruch als Sängerin. Sein Privatleben ist genauso erbärmlich wie sein Arbeitsleben, da er auch hier als eigenständige Persönlichkeit nicht richtig wahrgenommen wird. Ein bisschen menschliche Nähe und Zärtlichkeit sucht er vergeblich bei Prostituierten.
Permanente Nichtachtung und Isolation erzeugen in Rubén schließlich eine immer stärker werdende innere Anspannung, die sich zuerst nur ansatzweise auf seiner Geburtstagsfeier entlädt: Er greift zum ersten Mal direkt in das Geschehen ein und führt aktiv eine Änderung des Handlungsverlaufs herbei. Dabei scheint sich etwas in ihm zu lösen.
Durch eindrucksvolle Bilder vermittelt Drehbuchautor und Regisseur Rodrigo Moreno im ersten Teil des Films sehr überzeugend die Monotonie in Rubéns Leben: Rubén, wie er sprachlos auf dem Beifahrersitz des Ministerwagens sitzt. Rubén, wie er abwartend am großen Fenster des sterilen Ministerialgebäudes steht und sehnsuchtsvoll das Meer beobachtet, das ihm Freiheit zu verheißen scheint. Dabei überzeugt auch die schauspielerische Leistung von Julio Chávez, der in diesem Jahr auf der Berlinale mit dem Film El Otro („Der Andere“) den silbernen Bären für den besten Hauptdarsteller gewonnen hat (siehe LN 393). Den Übergang zu Rubéns komplettem Aufbegehren im letzten Teil des Films leitet Moreno mit einer Großaufnahme eines Wasserspenders ein. Nachdem jemand etwas Wasser aus ihm gezogen hat, steht er nur still da – doch dann stößt er kurz auf, um sich letztlich mit einem Gluckern zum Druckausgleich durchzuringen.

Arg./Dtld./Fr./Uru.: El Custodio („Der Leibwächter“). Regie: Rodrigo Moreno. Kinostart: 24. Mai 2007

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