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Integrale Befreiung

Bischof Ramazzini, Sie wurden 1971 zum Pfarrer ordiniert. Welche Bedeutung hatte für Sie in jenen Jahren die Bischofskonferenz von Medellín 1968?

In der ersten Hälfte der 70er Jahre arbeitete ich als Lehrer für Fundamentaltheologie am Priesterseminar von Guatemala. Wir sprachen zwar über die Konferenz von Medellín und deren Konsequenzen für die Kirche, jedoch vor allem auf einer theoretischen Ebene. Das besondere Ambiente eines Priesterseminars verhindert nämlich einen engen Kontakt zur Bevölkerung, die in Armut und Ungerechtigkeit lebt. So diskutierten wir über die Dokumente von Medellín, hatten aber keinen direkten Kontakt zur Realität, die diese Dokumente beschrieben. Wir versuchten allerdings, den Seminaristen verständlich zu machen, daß ihre Aufgabe als Priester sei, an der Seite des leidenden Volkes zu stehen und sich nicht auf einen bequemen Lebensstil einzulassen.

In diesen Jahren begannen insbesondere Katecheten, die Bevölkerung in einigen Regionen Guatemalas zu organisieren und für soziale Veränderungen zu kämpfen. Wie haben Sie und die Amtskirche diese Aktivitäten gesehen und welche Bedeutung hatte die Theologie der Befreiung in Guatemala?

Mehrere Pfarrer nahmen in dieser Zeit eine sehr deutliche Position auf seiten der Armen ein, sympathisierten mit der Theologie der Befreiung und stellten sich auf die Seite sozialer Bewegungen. Die Arbeit der Katecheten wurde auch von einigen Bischöfen unterstützt. Innerhalb der Bischofskonferenz gab es in diesen Jahren jedoch keine einheitliche Position.
Die Bedeutung der Theologie der Befreiung in diesen Jahren in Guatemala vermag ich nicht einzuschätzen, da ich dafür zu wenig Austausch mit der Arbeit in den Diözesen hatte und mir auch der direkte Kontakt zum Beispiel zu den Katecheten fehlte. Zuerst war ich ja im Priesterseminar tätig und von 1976 bis 1980 war ich in Rom.
Die Nachrichten über die wachsende Repression und insbesondere 1979 der Mord an Hermógenes López, der im Priesterseminar mein Lehrer gewesen war, trafen mich sehr. Was wirklich in Guatemala geschah, begriff ich jedoch erst nach meiner Rückkehr aus Rom.
Zurück in Guatemala beteiligte ich mich an Hilfsaktionen für die Menschen, die vor dem Terror der Armee aus dem Hochland, vor allem aus dem Quiché fliehen mußten. Dies war nicht ungefährlich, denn die Polizei kontrollierte unsere Arbeit und notierte sehr genau, wer was machte. Durch diese Arbeit lernte ich das ganze Leid kennen, das diese Menschen durchmachten.

Sie haben gesagt, daß es innerhalb der Bischofskonferenz keine einheitliche Position gab. Wie entwickelte sich denn das Verhältnis zwischen Kirche und Regierung bzw. Militär, als die Repression immer stärker wurde?

Zu Beginn der 80er Jahre, als die Repression am schlimmsten war, geriet die guatemaltekische Kirche in eine sehr schwierige Situation. Einige Bischöfe wollten weiterhin ein gutes Verhältnis zur Regierung und schwiegen zu dem, was geschah. Andere Bischöfe akzeptierten dies nicht. Es gab Uneinigkeit innerhalb der Bischofskonferenz. Diese Zeit bedeutete eine schwere Prüfung für die Kirche Guatemalas.

Zurück zur Theologie der Befreiung, von der seit einigen Jahren ja nur noch selten gesprochen wird. Was ist Ihrer Meinung nach heute noch aktuell daran?

Gültigkeit hat für mich noch immer das Konzept der integralen Befreiung. Dies bedeutet, daß die Pastoralarbeit nicht nur auf das spirituelle ausgerichtet ist, sondern daß eine Verbindung von spiritueller und materieller Arbeit erreicht wird. Mit anderen Worten: das Evangelium bedeutet für uns eine soziale Verpflichtung. Und wenn diese Verpflichtung nicht dazu führt, Anstrengungen zur Veränderung der Gesellschaft und ihrer Strukturen, die dem Evangelium widersprechen, zu unternehmen, dann machen wir uns zu Komplizen einer falschen Art, das Evangelium zu leben.
Gültigkeit hat für mich außerdem noch immer, daß die Option für die Armen im Vordergrund steht und daß wir der Praxis eine große Bedeutung einräumen. Dies bedeutet, daß wir, so wie es von der Theologie der Befreiung gefordert wird, nicht bei theologischen Reflexionen oder der Analyse einer bestimmten Situation stehenbleiben – ohne die Praxis verändert sich noch nichts am wirklichen Leben der Menschen.
Ich war allerdings nie einverstanden damit, daß die Theologie der Befreiung dazu benutzt wurde, daß Menschen aggressiv werden und gegen andere Menschen kämpfen. Es geht für mich vielmehr darum, ohne Rücksicht auf sich selbst, zu geben – so wie Jesus Christus, der eine Rebellion gegen die Römer hätte anführen können, aber sich entschieden hat, sein Leben für das der Anderen zu geben. Da unterscheide ich mich von jenen, die, so wie es auch der Heilige Thomas vertreten hat, die Anwendung von Gewalt in extremen Situationen für gerechtfertigt halten.

Die Theologie der Befreiung entstand in einer Zeit, als große Hoffnung auf soziale Veränderungen und Befreiung bestand. Diese Hoffnung ist vorbei. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aufgaben der Kirche in Guatemala heute?

Wir müssen auch weiterhin alle Systeme denunzieren, in denen nicht an erster Stelle der Mensch steht, wo die Beziehungen zwischen den Menschen nicht auf Gerechtigkeit, gegenseitigem Respekt und Solidarität beruhen. Dies gilt natürlich auch für die Beziehung zwischen Frauen und Männern. In Anbetracht des Neoliberalismus und der Globalisierungstendenzen müssen wir darauf bestehen, daß es wichtigeres gibt als den Besitz. Nicht der Gewinn oder das Einkommen macht uns wertvoll, sondern die Fähigkeit zu teilen. Diese Werte zu vertreten ist heute eine zentrale Aufgabe.

In Ihrer Diözese San Marcos, einer der ärmsten Regionen des Landes, gibt es viele Landkonflikte, bei denen die von Ihnen begründete Landpastorale den armen Bauern in ihrem Kampf zur Seite steht. Sehen Sie Ihre eigene Rolle in diesen Auseinandersetzungen eher in der Vermittlung oder in der Unterstützung derer, die landlos sind?

Anfangs habe ich versucht, als Vermittler aufzutreten. Dann kam allerdings ein Punkt, an dem ich mich entscheiden mußte: Entweder ich bin für diese armen Menschen und versuche ihnen zu helfen, oder ich verstumme und mache mich zum Komplizen der bestehenden Verhältnisse. Heute sehe ich meine Aufgabe darin, die armen Menschen direkt zu unterstützen – Menschen, deren Hoffnung auf ein besseres Leben immer wieder zerstört wurde. Ich bin überzeugt davon, daß eine meiner Aufgaben als Bischof von San Marcos darin besteht, Aktionen zu unterstützen, die dazu beitragen, die Landbesitzstruktur in San Marcos – vor allem das System der großen fincas – zu verändern. Dies soll natürlich zuerst mit legalen Mitteln versucht werden. Wichtig ist aber auch, die Solidarität der Menschen untereinander zu fördern und klar zu machen, daß es ethische Prinzipien gibt, die ihnen in ihrem Kampf recht geben.
Mir geht es allerdings um mehr: Es reicht nicht, daß die Landbevölkerung ausreichend zu essen und Kleidung hat, daß die Gesundheitsversorgung stimmt. Es geht auch darum, den Kindern dieser Bauern und Bäuerinnen eine Ausbildung zu geben, die sie in die Lage versetzt, ein anderes Leben als das ihrer Eltern zu führen.

Die mangelnden Zukunftsperspektiven hängen auch mit dem Rassismus der Weißen und Mestizen gegen die indigene Bevölkerungsmehrheit, insbesondere auf dem Land, zusammen. Was tut denn die Kirche gegen die Diskriminierung der Maya-Bevölkerung?

Wir versuchen innerhalb wie außerhalb der Kirche gegen die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung vorzugehen. Ein zentraler Bereich ist die Ausbildung der indigenen Bevölkerung, weshalb wir in einer Gemeinde ein zweisprachiges Bildungsinstitut aufgebaut haben. Außerdem richtet sich der Großteil unserer sozialen Arbeit an die indigene Bevölkerung. Es gibt jedoch noch sehr viel zu tun. Viele Ladinos (Weiße und Mestizen; die Red.) glauben noch immer, daß sie den Indígenas überlegen sind. Zugleich haben viele Indígenas einen Minderwertigkeitskomplex, der ihnen Jahrhunderte lang vermittelt wurde, und den sie nicht so einfach überwinden können. Diese Probleme zeigen sich auch innerhalb der Kirche. Ganz bewußt habe ich deshalb zwei Pfarreien an der Küste, wo mehrheitlich Ladinos leben, mit zwei Indígena-Pfarrern besetzt, damit sie dort Erfahrungen in der Welt der Ladinos sammeln können. Immerhin, sie werden von den Gemeindemitgliedern akzeptiert. Auch innerhalb der Kirche gibt es jedoch noch einiges zu tun.

Diskriminierung gibt es auch innerhalb der Indígena-Gemeinden – gerade in der Mam-Kultur (die indigene Bevölkerung in San Marcos gehört mehrheitlich zur Ethnie der Mam; die Red.) sind Frauen traditionell benachteiligt. Wie gehen Sie denn mit diesem Problem um?

Zunächst geht es darum, das Positive an der Kultur der Indígena-Bevölkerung zu fördern. Dies heißt aber natürlich nicht, daß Negatives übersehen werden darf. Konkret auf das Geschlechterverhältnis bezogen, heißt dies, den Mam-Männern zu verdeutlichen, daß Mann und Frau gleich an Rechten und Pflichten sind. Dieser Prozeß der Rollenveränderung ist sehr langsam, aber ich bin sicher, daß er sich vollziehen wird – Kultur ist ja nichts Statisches.

Auch in der katholischen Kirche gibt es eine traditionelle Dominanz von Männern. Wie sieht es denn da in der Diözese von San Marcos aus? Wird die Überzeugung, daß die Situation der Frauen verbessert werden muß, auch in die Praxis umgesetzt?

Wir haben in der Diözese ein Frauenförderungsprogramm, das den Frauen hilft, größeres Selbstbewußtsein zu bekommen. Insbesondere in den Gemeinden, in denen Nonnen arbeiten, verändert sich das Selbstbild der Frauen. Aber an einigen anderen Orten hat sich noch nicht viel getan. Einige Katecheten wollen nicht akzeptieren, daß es wichtiger ist, sich an der Hausarbeit und bei der Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen, als zu predigen und die Frau allein zu Hause zu lassen. Einige Männer üben klaren Widerstand gegen nötige Veränderungen und wollen ihren Frauen zum Beispiel verbieten, zu Kursen oder Versammlungen speziell für Frauen zu gehen.

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