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„Jaja, Señorita, ich habe Che hier gesehen“

Ende Dezember 1951 brachen die Argentinier Ernesto Guevara de la Serna und Alberto Granado zu einer Reise durch Südamerika auf. Zunächst auf einer 500er Norton, die bereits nach wenigen Wochen in Chile ihren Geist aufgab, dann in Bussen, auf Schiffen und per Anhalter durchquerten sie in sieben Monaten fünf Länder. Jahre später veröffentlichten die Argentinier ihre Reisetagebücher, in denen sie ihre eigenen Veränderungen durch die Reise ansprechen. Vor allem bei Guevara, habe die Konfrontation mit Armut und Elend auf dieser Tour entscheidende soziale und politische Bewusstwerdungs-Prozesse ausgelöst – die „Che-Werdung“ gewissermaßen. Der aus einer wohlhabenden Familie stammende, am politischen Geschehen durchaus interessierte Medizinstudent wandelte sich auf dieser Reise zum Revolutionär.
50 Jahre später hat die Frankfurter Journalistin Karin Ceballos Bentancur dieselbe Route bereist und später ebenfalls ein Buch geschrieben: Auf Che Guevaras Spuren – Lateinamerikanische Reisenotizen. Sie wollte nach Spuren suchen, die Guevara hinterlassen hat – Spuren entlang der Strecke, sowie in der Erinnerung und im Bewusstsein der Menschen, die in den lateinamerikanischen Ländern heute gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit kämpfen. Das ambitionierte Vorhaben ist der Autorin gelungen. Sie hat ein spannendes, informatives, politisches Reisebuch veröffentlicht.
Ceballos hat tatsächlich Menschen angetroffen, die noch von der Durchreise der von ihr so genannten „Jungs“ wissen – oder dies zumindest behaupten. Anderen hatten Eltern, Großeltern oder Leute aus der Nachbarschaft davon erzählt. Juan Gonzales Flores, ein Alter, der seit 1942 in der Leprastation San Pablo im peruanischen Urwald lebt, wollte sich noch ganz genau an Guevaras damaligen Besuch in der Kolonie erinnern: „Jaja, Señorita, ich habe Che hier gesehen“.
Im chilenischen Lautaro hatten die Telefonistin und die Sekretärin des Bürgermeisters davon gehört, dass Guevara und Granado in ihrer Stadt Station machten. Sie erwähnten eine Werkstatt, in der ihr Motorrad repariert wurde, und eine Tanzveranstaltung, von der Guevara vor einem eifersüchtigen Ehemann fliehen musste. „Er hat sich nämlich hier verliebt. Hier, bei uns in Lautaro.“
Che Guevara genoss bei den meisten Menschen, mit denen Ceballos sprach, hohes Ansehen. Linke Aktivisten, auf deren T-Shirts und Fahnen Ches Konterfei prangte, verehrten den „Guerillero Heroíco“ ebenso wie die Verkäuferin, die Che auf Batikstoffe bannte, und behauptete, er sei schon immer Gegenstand ihrer künstlerischen Arbeiten gewesen, mit Kommerzialisierung habe das nichts zu tun.
Kritik am Comandante kam von Oscar im argentinischen San Martin de los Andes, der gerade ein Jahr alt war, als Guevara im Haus seines Großvaters übernachtete. Er hielt Che für einen Söldner, weil er „in Ländern kämpfte, in denen er nichts zu suchen hatte“. Oscar machte den Freiheitskämpfer auch für die anschließende Repression der Militärs verantwortlich. Ohne Che wären die revolutionären Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre ja nicht entstanden.
Anekdotenhaft schildert Ceballos ihre Erlebnisse an den einzelnen Reise-Stationen und webt gleichzeitig die aktuellen politischen Ereignisse in den bereisten Ländern ein. Die Autorin lässt die Demonstrationen und Straßenblockaden gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik in Argentinien Revue passieren, die gescheiterten Friedensgespräche zwischen Regierung und Guerilla in Kolumbien, die spektakuläre Flucht des korrupten peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori nach Japan, den gescheiterten Putsch gegen den venezolanischen Staatschef Hugo Chávez.
Am Ende ihrer Spurensuche fährt Karin Ceballos nach Kuba, um Alberto Granado zu interviewen. Doch der über 80-Jährige verweigert das Gespräch. Er steht unter Vertrag mit einem Team um Robert Redford, der die Filmrechte an seinem Reisetagebuch gekauft hat. „Du hättest vorher anrufen sollen“, erklärt Granado seiner Besucherin. „Dann hätte ich es dir schon am Telefon gesagt.“

Karin Ceballos Betancur: Auf Che Guevaras Spuren – Lateinamerikanische Reisenotizen. Picus Verlag, Wien 2003. 192 Seiten, 14,90 Euro.

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