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Jeder sieht sein Argentinien

Ein Buch über Argentinien, das auf dem Titel keinen Fußballer zeigt, keine Casa Rosada, kein Tangopaar, kein Borges-Foto und keine weite Pampa, das ist interessant. Man sieht graugrünes Gewässer, Ufergebüsch und Bäume, eine Holzbrücke und ein hübsches altes Haus – Argentinien?
Der Schweizer Journalist Christoph Kuhn hat seine Erfahrungen als Lateinamerika-Korrespondent des Zürcher „Tages-Anzeigers“ in ein Buch gegossen, das aufregend und unspektakulär zugleich ist. Unspektakulär, weil sich der Eindruck des Titels das ganze Buch hindurch hält: das Marktschreierische ist Kuhns Sache nicht. Er ist dem Alltag auf der Spur, den Gewohnheiten und Besonderheiten der ganz normalen Leute, und er fragt nach den unter der Oberfläche liegenden großen Erzählungen, die das Land bis heute prägen, fragt nach dem Peronismus, den Falklandinseln, der Diktatur, dem Erbe der Einwanderer und Einwanderinnen, der Nähe zu Europa. Aufregend daran ist, dass Christoph Kuhn es fertigbringt, konsequent von sich auszugehen und von dem, was er selbst gesehen, gehört, gelesen hat. Daher bringt das Buch – obwohl man natürlich vieles bereits kennt – als große Neuigkeit seine Perspektive.
„Ich wollte von Tango nichts wissen, als ich nach Buenos Aires ging. Konnte dieses schwärmerische Gerede schweizerischer Tangofreaks nicht ausstehen …“ Kuhn erzählt vom Tango als einer Erfahrung mit sich selbst. Anfangs versucht er das Thema noch durch Verweise auf literarische Kronzeugen (Jorge Luis Borges, Tomás Eloy Martínez) auf Distanz zu halten. Dann bringt ihn ein „Überredungskünstler der Sonderklasse“ doch noch zu einem Tangoabend. Nun lässt das Schlüsselerlebnis nicht mehr allzu lange auf sich warten, und er entdeckt jenseits der „Shows in den Touristenlokalen“ schließlich die „reale Fiktion des Tango“. Das ging schon anderen so. Aber es ist nur Kuhn, der dazu schreibt: „Da war nicht Kult, nicht Schwärmerei, nicht Verkleidung und Verklemmung. Da gab es keine Pein und keine Pomade.“ Verklemmung, Pomade – es gehört schon etwas Mut dazu, mit solchen Worten von sich und den eigenen Gedanken und Befürchtungen zu sprechen. Solcherart offenbart, liest sich das restliche Kapitel mit einem anderen Grundton, erfährt man dieses und jenes Faktum anders: als etwas, wozu ein persönlicher, erlebter, emotionaler Zugang möglich ist. Vielleicht ist das Kuhns Erkenntnisprinzip, dass man dann am meisten sieht, wenn man sich über den eigenen Blick auf den Gegenstand klar geworden ist.
Über die argentinische Militärdiktatur schreibt Kuhn aus der Perspektive des 24. März 2006. Dreißig Jahre nach dem Putsch der Militärclique war viel in Bewegung gekommen. In den vorangegangenen Jahren des Beschweigens hatten nur relativ wenige ihre Erinnerungen an die Öffentlichkeit getragen. Nun, unter der Präsidentschaft Néstor Kirchners, wurde das punto-final-Gesetz für verfassungswidrig erklärt, „schwollen“ die Geschichten und Berichte über die Diktaturverbrechen „zu einer wahren Flut an“ – und wurde ein offizieller Gedenktag installiert, der nun jährlich am 24. März begangen werden soll.
So gut und notwendig dieses wiedererwachte Interesse an der eigenen Geschichte ist – Kuhn sieht bereits erneut Menschen draußenbleiben. Er beschuldigt Kirchner, den Gedenktag „verordnet“, ihn zu schnell durch das Parlament gebracht zu haben, autoritär vorgegangen zu sein. Tatsächlich warfen sich Befürworter und Gegner des 24. März gegenseitig vor, ihre Argumente würden eine „Perversion“ darstellen. Der Tag, der im Erinnern vereinen sollte, hat entzweit. Dass Kirchner sich schließlich „diesen Tag unbedingt ans präsidiale Revers heften“ wollte, mag dem Schweizer besonders unangenehm aufgefallen sein, und Recht hat er. Hier wäre jene eidgenössische Langsamkeit – oder sagen wir Umsicht –, die Entscheidungen erst dann fällt, wenn alle ihre Position zum Thema eingebracht haben, der bessere Weg gewesen.
Nur logisch ist, dass Christoph Kuhn Literatur und Film gründlich in sein Argentinienbild einfließen lässt. Die entsprechenden Kapitel sind keine Einführungen in die argentinische Literatur oder das Filmschaffen, sondern sie versuchen zu verstehen, was die Künste über das Land zu sagen haben. Die literarischen Präferenzen orientieren sich mehrheitlich an den gängigen, gut übersetzten Autoren – Borges, Cortázar, Tomás Eloy Martínez, Roberto Piglia, Eduardo Belgrano Rawson, Antonio Dal Masetto, César Aira; wer selbst nachlesen will, erreicht die meisten Titel. Aber auch hier findet sich das Persönliche an prominenter Stelle. Kuhn erzählt von einer Begegnung mit dem 2005 verstorbenen (und hierzulande noch immer viel zu wenig bekannten) Juan José Saer, und er stellt ihn zunächst als einen Verehrer Robert Walsers vor. Saer habe ihm, Kuhn, einmal anhand einer Kritzelei auf einem Stück Papier vorgeführt, was ihn, Saer, mit Walser verbinde: die Überzeugung, dass die „Magie der kleinen Inspiration“ viel wirkungsvoller für das Entstehen von Literatur sei als ein großes Erzählkonzept mit moralischer oder politischer Botschaft. Die „private und oft irrationale Stimulanz“ – das klingt nicht nur nach Saer oder Walser, das ist Kuhn.
Und es ist im Grunde auch die Aufforderung, als Leser oder Leserin selbst hinzuschauen; sich von Kuhn führen, vielleicht auch verführen zu lassen, unbedingt aber dem eigenen Antrieb zu folgen und letztlich ein eigenes Argentinien-Buch zu „schreiben“.
Merkwürdigkeiten gibt es in diesem Band auch. Es sind die Bilder des 2006 verstorbenen Fotografen Jorge Sclar – dem Kuhn das Buch gewidmet hat –, die fast durchwegs pittoreske Szenen zeigen und inmitten des weiten Spektrums der Kuhnschen Themen ganz fehl am Platze wirken, weil sie zu jenen Klischees neigen, denen Kuhn mit Erfolg etwas Eigenes entgegensetzt.
Nein, dann doch lieber die Texte, die über die Wirtschaftskrise von 2001 und den Peronismus, Patagonien und Buenos Aires, das Tigredelta und die Provinz Misiones bis hin zu einer wunderbaren Grillstudie und einem Besuch in einem Oberwalliser Dorf in Patagonien reichen. Fast hätte man übersehen, dass dem Fußball gar kein Kapitel gewidmet ist.

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