Jenseits der Brennöfen
In San Nicolás erzählen Jugendliche zwischen Ziegelsteinen und Filmkameras ihre eigene Geschichte
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Wochenlang hat Raúl Valdés es niemandem erzählt, nicht seinen Freund*innen, nicht seiner Familie: Der 18-Jährige, der mit elf Jahren anfing zu arbeiten und später die Schule abbrach, spielt plötzlich in einem Film mit. Er hielt es selbst nicht für möglich. Trotzdem sitzt er jetzt hier am Set, zusammen mit seinen Schauspielkolleg*innen, allesamt Schüler*innen aus der Region ohne Schauspielerfahrung.
Gedreht wird heute auf dem Gelände einer Ziegelbrennerei. Sie liegt auf einer Anhöhe mit Blick auf die umliegenden Hügel. Von hier aus lassen sich viele der nahegelegenen Brennöfen ausmachen. Die rotbraunen Ziegelsteine, die sich auf den Höfen türmen, stechen unverkennbar aus der kargen Landschaft hervor. Die Luft auf dem Gelände ist staubig. Berge von Müll liegen zum Verbrennen bereit, darunter Stühle, alte Teppiche, Kinderspielzeug, Bilderrahmen, Reifen und Altholz. Aus einem der Öfen steigt Rauch auf, ein stechender Geruch zieht vorbei. Ein Arbeiter steht barfuß bis zu den Knien in Lehmmasse und rührt diese mit einem Stock an, konzentriert und ohne aufzublicken, als wäre die Kamera nicht da.
Die jugendlichen Schauspieler*innen haben es sich auf einem Schuttberg bequem gemacht. Sie halten ihre Gesichter in die Sonne, lachen, es fliegt ein Baseball. Drehpause: ein Moment zum Durchatmen. Der große, athletisch wirkende Raúl sitzt etwas abseits. Er trägt ein Sportshirt, sein fast schulterlanges, welliges Haar ist zurückgegelt. „Obwohl es mein Kindheitstraum war, in einem Film mitzuspielen, behielt ich es lange für mich”, erzählt er. „Ich glaube, es war Scham. Ehrlich gesagt ist es hier nicht üblich, Filme zu drehen.”
Ein steiniger Weg
Hier in San Nicolás, einer Gemeinde im mexikanischen Tequisquiapan, ist der Lebensweg vieler Jugendlicher vorgezeichnet: Lehm anrühren, Ziegel formen, trocknen, brennen, so wie es schon die Väter und Großväter taten. In mehr als 120 Brennöfen entsteht das Baumaterial, das mexikanische Städte prägt. Seit Generationen verlassen Jugendliche die Schule früh, nicht weil sie keine Träume haben, sondern weil das Leben in San Nicolás wenig Raum lässt, diese zu verfolgen.
Knapp 1.000 Menschen arbeiten hier direkt in der Ziegelproduktion; etwa 5.000 sind finanziell von den familiären Betrieben abhängig. Der Prozess ist seit Jahrzehnten nahezu unverändert: Lehm wird manuell mit Wasser vermengt und mit den Füßen geknetet, bis eine gleichmäßige, plastische Masse entsteht. Die feuchten Rohlinge trocknen unter freiem Himmel, bevor sie sorgfältig im Ofen gestapelt werden. Wichtig ist dabei, dass Hitze und Luft jeden einzelnen Ziegel gleichmäßig erreichen. Der Brennvorgang dauert bis zu 48 Stunden, gefolgt von zwei weiteren Tagen Abkühlung. Die fertigen Ziegel werden anschließend von Hand entnommen und gestapelt. Diese Arbeit verrichten die ortsansässigen Familien in der Regel ohne Schutzausrüstung und bei jedem Wetter.

Der Schriftsteller und Regisseur Xavier de la Vega, der aus dem nahegelegenen San Juan del Río stammt, kennt diese Bedingungen. Er hat hier jahrelang als Lehrer unterrichtet. Viele seiner ehemaligen Schüler*innen arbeiteten nach der Schule in den Familienbetrieben der „Ladrilleros“, der Ziegelbauer. Denn hier wird jedes zusätzliche Paar Hände benötigt: Die Öfen produzieren etwa 10.000 Ziegel alle 20 bis 30 Tage.
Zugleich steht die Industrie unter großem wirtschaftlichem Druck. Die Ziegelpreise werden größtenteils von Abnehmer*innen und Zwischenhändler*innen festgelegt und decken häufig kaum die Produktionskosten. Zusammen mit der Knappheit von Brennholz führte dies zum Entstehen einer informellen Zusatz-Industrie: Anwohner*innen und lokale Betriebe laden ihren Müll kostenlos bei den Brennereien ab. Diese verbrennen alles, was auf dem Hof landet. Die Arbeiter*innen und ihre Familien sind den dabei entstehenden Giftstoffen unmittelbar ausgesetzt. Bodenproben aus San Nicolás zeigen, dass die Konzentration polychlorierter Biphenyle – persistenter, schwer gesundheitsschädigender Schadstoffe – teils das 300-fache des erlaubten Grenzwertes erreicht.
Seit Generationen liefern die Ziegelbauer die Grundlage für den Baubetrieb in der Region, ohne faire Entlohnung, ohne soziale Absicherung, auf Kosten ihrer Gesundheit und der ihrer Familien. Um diesen Zyklus zu durchbrechen, werben lokale Aktivist*innen derzeit für ein Umdenken auf städtischer Ebene. Sie schlagen vor, die Öfen künftig mit Biomasse-Briketts aus kompostierbaren Gemeindeabfällen zu befeuern. Die toxische Schadstoffbelastung würde sich dadurch deutlich reduzieren. Eine verbindliche Zusage der Stadt steht jedoch noch aus.
Filmkameras zwischen Ziegelsteinen
„Viele haben mich gefragt: „Warum wählst du für den Film San Nicolás und nicht einen schöneren Ort wie das Zentrum von Tequisquiapan?“ Aber Schönheit ist subjektiv”, erklärt Filmregisseur de la Vega. Inspiriert von seiner Zeit als Lehrer, hatte er ein Buch geschrieben, das er nun an dem Ort, an dem die Geschichte ihren Anfang genommen hatte, verfilmt: in San Nicolás. Dort, wo sonst nie etwas passiert. „Wir wollten eine ehrliche, zutiefst mexikanische Geschichte erzählen”, sagt de la Vega. Er ist ein ruhiger, fast zurückhaltender Charakter. Durch seine runde Brille blicken zwei ehrliche, dunkle Augen. Er spricht mit Bedacht, wählt seine Sätze sorgfältig aus. Die Jugendlichen begegnen ihm mit Respekt. Sie wissen, dass der Regisseur ihren Alltag versteht und ins Zentrum rücken will.
„Es ist keine Geschichte von perfekten Helden, sondern von gewöhnlichen Menschen”, erklärt er weiter. Im Film geht es um zweite Chancen an unerwarteten Orten und um Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Genau deshalb suchte er seine Talente nicht in Casting-Agenturen, sondern direkt unter den Schüler*innen vor Ort. Es ging ihm um Gesichter, die bereits etwas mitteilen. Raúl etwa hat seit seinem siebten Lebensjahr ein Problem mit seinem linken Auge. Trotz dieser Einschränkung spielt er im Film eine der Hauptrollen. Das möchte er nutzen: „Ich möchte den Leuten zeigen, dass so ein vermeintlicher Defekt auch ein Alleinstellungsmerkmal sein kann. Es kann dich an Orte bringen, die du dir gar nicht vorstellen kannst”, sagt der 18-Jährige.
Der Film, den sie drehen, adaptiert das Buch von de la Vega La Rebelión de las Aves (Die Rebellion der Vögel), in dem die Liebe zum Baseball eine Brücke zwischen einem Lehrer und seinen rebellischen Schüler*innen schlägt. Während der Hauptcharakter im Buch zentral blieb, treten im Film die Jugendlichen in den Vordergrund. „Die Handlung hat sich viel stärker aus meiner Unterrichtserfahrung hier in San Nicolás gespeist. Ich wollte, dass die Geschichte von der Realität genährt wird“, sagt de la Vega. „Die Situation jeder Figur hätte so aus dem Leben von einem von uns stammen können. Wir mussten uns nicht verstellen“, bestätigt Raúl.

Als die Drehpause zu Ende ist, wird das Set für die nächste Szene vorbereitet: Der Lehrer besucht die Öfen, um einen Schüler zur Rückkehr in die Schule zu bewegen, denn sein Vater hat ihm verboten zu gehen und lässt ihn stattdessen Ziegel herstellen. Dieser Schüler ist Nicolás, verkörpert von Erick González. Der 17-Jährige wuchs selbst in der Nähe der Brennöfen auf. „Auch mein echter Vater ließ mich Ziegel machen. Damit konnte ich mich identifizieren”, sagt er und rückt seine Kappe zurecht. Trotz stechender Hitze trägt er ein schwarzes Langarmshirt.
In der Schule war Erick der Stille. „Ich war meistens für mich, sprach kaum mit anderen. Als ich erfuhr, dass ich Nicolás spielen würde, war ich glücklich, aber auch nervös.“ Auch sein Filmcharakter Nicolás ist introvertiert und somit das Gegenteil des Draufgängers Arturo, der von Raúl gespielt wird. Im Film sind die beiden Cousins. Neben dem muskulösen Raúl wirkt der schlaksige Erick noch schmaler. „Raúl ist für mich am Set die Person, der ich am meisten vertraue”, sagt Erick. Das gemeinsame Spielen hat Verbindungen geschaffen, die über das Filmset hinausgehen. „Ich glaube, ich bin jetzt nicht mehr so verschlossen. Das Baseballspielen hat geholfen, als Gruppe zusammenzuwachsen“, sagt er.
Zwischen Ernst und Albernheit
Am Set ist von der anfänglichen Scham, die die Jugendlichen beschreiben, wenig zu spüren. Sie stehen in Grüppchen zusammen, albern herum. Ruhe kehrt erst ein, als die Kamera läuft. Eine Szene am Ofen: Ein Streitgespräch entwickelt sich zwischen dem Lehrer und Nicolás’ Vater. Der Lehrer wird herausgefordert, selbst Hand anzulegen. In der Geschichte schließen sich die Jugendlichen dem Lehrer nach und nach an und helfen dabei, die Menge Ziegel herzustellen, die für den Lebensunterhalt der Familie gebraucht wird.
Die Schüler*innen warten im Hintergrund auf ihren Einsatz. Als die Szene im Kasten ist, kommt Bewegung in die Gruppe. „Macht eine Kette”, ruft einer der Produktionsmitarbeiter. Die Jugendlichen drängen ins Bild, schubsen sich gegenseitig, stellen sich schließlich in einer Reihe inmitten der getrockneten Ziegelsteine auf. Stein für Stein reichen sie weiter, stapeln sie sauber übereinander. Die Szene fängt die Realität des Ortes ein und zeigt die Kraft der Gemeinschaft. Nach einigen Aufnahmen ist die Konzentration der jungen Schauspieler*innen am Ende. Einer der Jungen tut, als würde er in Ohnmacht fallen. Die anderen lachen. Ein anderer wirft eine Handvoll Lehm auf ein Mädchen. Sie kreischt. Es beginnt eine Lehmschlacht. Der Blick geht zu de la Vega. Die Szene ist noch nicht im Kasten. Der Regisseur beobachtet, schmunzelt. Die Kamera ist weiterhin auf die Jugendlichen gerichtet. „Am Ende des Tages sind es Kinder”, sagt der Regisseur später. Für ihn zählt nicht nur das Endprodukt, sondern auch der Weg dahin, das, was bleibt, wenn die Scheinwerfer abgebaut sind. Seine Vision ist ein gemeinsamer Traum, geprägt von Zusammenhalt, durch den jede*r Einzelne über sich hinauswachsen kann. Gegen Abend wird es kühler, der Drehtag neigt sich dem Ende zu. Die Schauspieler*innen sind nach dem Tag an der Sonne müde, viele haben sich ein schattiges Plätzchen gesucht. Ihre Kleidung ist mit Lehm verschmiert, ein Mitarbeiter verteilt Äpfel an die Jugendlichen.
Während das Team das Equipment wegräumt, sitzt eine Gruppe von Schüler*innen zusammen: Raúl, Erick, Valeria und Ivonne. Die Mädchen spielen die Schülerinnen Elena und Rosario. Im Film sind die vier eine Freundesclique. Die 17-jährige Valeria Siguenza ist immer noch voller Energie. „Einem Charakter Leben einzuhauchen ist unglaublich, weil man aus seinem täglichen Leben heraustritt und das Leben von jemand anderem beginnt”, schwärmt sie und beißt in ihren Apfel. Ihr Traum ist es, auf den großen Leinwänden zu erscheinen wie ihre Vorbilder, die amerikanischen Schauspielerinnen Emma Myers und Sofia Carson.
„Nicht nur Ziegel, sondern auch viel Kultur und Talent“
Ivonne Rivera Castro, neben ihr, wirkt reifer, als ihr Alter vermuten lässt. Die 17-Jährige möchte nach der Schule Psychologie studieren. „Der Film zeigt, wie man Gründe findet, weiterzumachen und für seine Träume zu kämpfen”, sagt sie. In der Rolle der Rosario fand sie sich wieder: „In den Schauspiel-Workshops haben wir an Szenen gearbeitet. Später machten wir eine Kostümprobe. In dem Moment, als wir alle unsere Kostüme anhatten, wurde mir klar: „Ich bin Rosario.”

Erick hat durch den Dreh erlebt, dass er sich Dinge zutrauen kann, die er vorher nicht für möglich hielt. Er hofft, dass der Film anderen zeigt, „dass sie mehr erreichen können, als ihr Leben lang nur eine einzige Sache zu akzeptieren.“ Valeria ergänzt: „San Nicolás ist eben nicht nur eine Ziegelfabrik. Hier gibt es viel Kultur, viel Kunst und viele talentierte Menschen.“
Und Raúl? Er lehnt an einem Ziegelstapel und wirkt so, als hätte er in seinem Leben nichts anderes gemacht als Filme zu drehen. Dass zwei seiner größten Lebensziele, in einem Film mitspielen und Taekwondo unterrichten, ausgerechnet zur gleichen Zeit in Erfüllung gegangen sind, sieht er nicht als Zufall: „Der Film zeigt, dass alles irgendwann besser wird. Es liegt an uns, fest daran zu glauben. Viele sagen: „Sehen heißt glauben“, aber ich sage: ‘Man muss es glauben, um es dann zu sehen.'”
In San Nicolás hat das Motto des Films bereits seine Magie entfaltet: „Cuando no tengas en quien confiar, confía en ti.” Auf Deutsch: Wenn du niemanden hast, dem du vertrauen kannst, vertraue dir selbst.
Das Filmprojekt nähert sich derzeit seinem Abschluss. Ab Juli werden die letzten Szenen gedreht, die Veröffentlichung ist für Anfang 2027 geplant. Das Team hofft, “La Rebelión de las Aves” dann auf internationalen Festivals zu präsentieren.
