Aktuell | Nummer 624 - Juni 2026 | Rechtsruck

Jenseits des Widerstands

In einem von Konservatismus heimgesuchten Peru erheben die trans Gemeinschaften ihre Fahnen

In einem politischen Umfeld, das von Rückschritten im Bereich der Menschenrechte geprägt ist, organisiert sich die peruanische trans Bewegung weiter und entwickelt neue Formen des Widerstands zur Verteidigung von Identität und Vielfalt. Dieser Hintergrundbericht gibt einen Überblick über die Bewegung und ihre unterschiedlichen Vertreter*innen im Land.

Von Blas de la Jara Plaza
Vor der Polizeizentrale in Lima . Schon vier Mal organisierten trans Kollektive Proteste gegen Hassverbrechen (Foto: Blas de la Jara Plaza)

Nach den Wahlen 2021 in Peru sah es im Kongress schlecht für die LGBTIQ*-Community aus. Dies gilt insbesondere für die trans und nicht-binäre Bevölkerung. Sowohl innerhalb der rechten als auch der linken Fraktionen dominierten konservative Standpunkte deutlich den parlamentarischen Konsens. Abgesehen von einer progressiven Minderheit, zu der insbesondere die Kongressabgeordneten Susel Paredes und Ruth Luque gehören, hat die konservative Mehrheit die Gesetzgebung bestimmt. Das Gesetz zur Geschlechtsidentität, das von Marisa Glave und Indira Huilca in einer früheren Legislaturperiode (2016–2020) eingebracht wurde, schaffte es nicht einmal ins Plenum, um dort debattiert und verabschiedet zu werden.

Im Gegensatz dazu hat das derzeitige Parlament Initiativen verabschiedet, die die Gewalt gegen die trans Bevölkerung verschärfen. Dazu gehört das Gesetz 32331, das vorschreibt, dass öffentliche Toiletten nur entsprechend dem im Ausweis angegebenen Geschlecht genutzt werden dürfen. Darüber hinaus hat die christliche Kongressabgeordnete Milagros Jáuregui den Gesetzentwurf 12285 vorgelegt. Diese Initiative würde Hormonbehandlungen und geschlechtsangleichende Operationen vor dem 18. Lebensjahr verbieten. Zudem verabschiedete der Kongress das Gesetz 32535, das unter anderem zur Streichung der Leitlinien zur umfassenden Sexualerziehung aus dem Lehrplan führte und jeglichen Verweis auf die Geschlechtsidentität beseitigte.

Angesichts dieser schwierigen Lage ist die Beharrlichkeit des trans Aktivismus bemerkenswert. Seine Stärke liegt nicht zuletzt darin, dass er sich keineswegs als homogener oder festgefügter Block präsentiert. Vielmehr hat sich im Laufe der Zeit eine vielfältige und dynamische Organisationslandschaft herausgebildet: In mehr als der Hälfte der Regionen Perus sind heute trans Organisationen aktiv. Ihre Vielfalt zeigt sich sowohl im Grad der institutionellen Verankerung als auch in der Zusammensetzung der einzelnen Gruppen.

Große Vielfalt in Organisationsformen und Themen

Einige Organisationen werden überwiegend von trans Frauen getragen, andere richten ihren Fokus stärker auf die Anliegen von trans Männern. Wieder andere verstehen sich ausdrücklich als Räume für unterschiedliche Geschlechtsidentitäten und schließen auch nicht-binäre Personen ein. Und auch die Führungsrolle von trans Stimmen innerhalb von LGBTIQ*-Organisationen darf nicht außer Acht gelassen werden.
Überdies teilen die Gruppierungen nicht dieselben Interessen, Beziehungsräume oder aktivistischen Praktiken. So gibt es beispielsweise Kollektive, die eher mit Schönheitswettbewerben verbunden sind, während andere dem Ballroom nahestehen. Trans Männer haben einen anderen Bezugsrahmen und interne Diskussionen als trans Frauen, sodass es unterschiedliche Standpunkte zu Themen wie beispielsweise der Bewertung von Sexarbeit geben kann.

Ein Ausdruck der ideologischen Vielfalt sind zur Veranschaulichung die vier transfemininen Kandidaturen bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Jahr 2026. Sie verteilten sich auf drei Parteien, die von einer sozialdemokratisch geprägten Mitte (Partido Morado und Perú Primero) bis hin zu einer progressiven Linken (Alianza Electoral Venceremos) reichten. Leider erreichte angesichts eines Klimas politischer Zersplitterung keine der Kandidaturen einen Sitz im Kongress für die Legislaturperiode 2026–2031.

Was den Aktivismus allerdings trotz aller Unterschiede vereint, ist der Kampf um Identität. Und die Auswirkungen dieses Kampfes lassen sich an konkreten Fällen nachvollziehen. Im Mai 2024 führte das peruanische Gesundheitsministerium die Einstufung von Transsexualität und Transvestismus unter Anderem im Kapitel „Psychische und Verhaltensstörungen“ der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme als „psychische Störung“ ein. Die Bestimmung orientierte sich an einer veralteten Klassifizierung der WHO (CIE-10). Nach strategischen Druckmaßnahmen gelang es den verschiedenen Kollektiven, noch im selben Jahr, eine Rücknahme der Regierungsbestimmung zu erreichen. Klar ist, dass der Geist der Mobilisierung weiterhin lebendig ist. Allein im Jahr 2026 fand bereits im Februar der vierte Protestmarsch gegen Hassverbrechen und Ende März die erste Ausgabe der trans Demo in Lima statt, ein disruptiver Protest, der beim Transfest, einem Festival für kleines Unternehmertum, Musik und Politik im Distrikt Barranco endete.

Um den Tisch versammelt Aktivistinnen beim ersten nationalen Treffen von trans Frauen (Foto: Samantha Guevara)


Den Kampf dezentralisieren, den Blick neu ausrichten

Angesichts der enormen multikulturellen Vielfalt Perus ist es entscheidend, die lokalen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Die Herausforderungen, denen sich eine trans Organisation in einer Region im Regenwald stellen müsste, sind nicht dieselben wie die einer Organisation in Lima, einer riesengroßen Wüstenstadt am Pazifik. Dies bestimmt die Mobilisierungsstrategien und die für die Gemeindearbeit verfügbaren Ressourcen. Auch wenn der Zugang zu Unterstützungsnetzwerken in der Hauptstadt andere Dimensionen annimmt, sollte man nicht davon ausgehen, dass dies eine Überlegenheit bedeutet. Es ist jedoch bekannt, dass sich in Lima seit langem etablierte feministische NGOs, Gesundheitsforschungszentren und Büros für internationale Zusammenarbeit konzentrieren. Dieses Umfeld bietet Partner, die Allianzen ermöglichen, um langfristig Bestand zu haben.

Trotz der geografischen Herausforderungen machen die Organisationen weiterhin Fortschritte bei der Verbesserung der Dezentralisierung ihrer Arbeit. In diesem Sinne hat das Netzwerk Red Trans La Libertad (Nordküste) seinen Sitz in der Regionalhauptstadt Trujillo, arbeitet jedoch eng mit kleineren Gruppen von trans Personen in den benachbarten Provinzen Ascope und Viru zusammen. Féminas, eine seit über zehn Jahren in Lima tätige Organisation für trans Frauen, arbeitet mit autonomen Gruppen in Cusco (südliches Hochland), Arequipa (südliches Hochland) und Loreto (Amazonasgebiet) zusammen.

Trans Aktivismus vom Regenwald bis in die Hauptstadt

Fraternidad Transmasculina wurde in der Stadt Arequipa gegründet und verfügt ebenfalls über Vertreter*innen in Cusco und Callao (Zentralküste). Darüber hinaus organisierte ATTTPE (spanische Abkürzung für Vereinigung der Travestis, Transgender und Transsexuellen Perus) im Jahr 2025 ein nationales Treffen von trans Frauen, an dem mehr als 50 führende Aktvist*innen aus verschiedenen Regionen des Landes in Lima teilnahmen. Das Kollektiv transmaskuliner und nicht-binärer Personen Diversidades Transmasculinas (DTM) führt Projekte wie Constelaciones (Konstellationen) durch, das Menschen an der Küste, im Hochland und im Regenwald des Landes besser verbinden soll.

Außerdem ist wichtig zu beachten, dass sich das Spektrum der Akteur*innen nicht nur je nach geografischer Lage unterscheidet. Auch die organisatorische Tradition spielt eine entscheidende Rolle. So lassen sich auch matriarchalische Strukturen erkennen, in denen im Allgemeinen eine oder mehrere erfahrene Anführerinnen als angesehene Mütter fungieren, die sich um das Wohlergehen ihrer transweiblichen Gemeinschaft kümmern. Die verstorbene Luisa Revilla, die erste trans Stadträtin im Bezirk La Esperanza (Trujillo, La Libertad), galt beispielsweise als Mutter der Gemeinschaft rund um das Netzwerk Red Trans La Libertad, das heute von ihrer Tochter und Nachfolgerin Jazmin Goicochea geleitet wird. In diesem Sinne bringt jede Gruppe trans Personen ein Geflecht aus Zuneigung und Wissen für die Mobilisierung mit sich.


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