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Juan Gelman findet sein Enkelkind

Am 31. März konnte sich Juan Gelman mit seiner 23-jährigen Enkeltochter treffen – zum ersten Mal in seinem Leben. Bei einem Treffen mit Jorge Batlle, dem seit Anfang März amtierenden neuen Präsidenten Uruguays, hatte er endlich erfahren, dass seine Enkeltochter am Leben ist und von einem uruguayischen Polizeioffizier „adoptiert“ wurde. Die Studentin lebt heute, nach dem Tod des Adoptivvaters 1996, zusammen mit ihrer Adoptivmutter in Montevideo und möchte dort bleiben. Ihre Identität wurde nicht bekanntgegeben, um ihr ein ungestörtes Weiterleben zu ermöglichen. Ein genetischer Test, dem die junge Frau schon zugestimmt hat, soll den letzten Zweifel an ihrer wahren Identität beseitigen. Ihre leibliche Mutter, María Claudia García Irureta Goyena de Gelman, die Schwiegertochter Gelmans, war im Herbst 1976 von Buenos Aires, wo sie im berüchtigten Folterzentrum „Automotores Orletti“ gefangen gehalten wurde, nach Montevideo verschleppt worden. Dort wurde sie ins Militärhospital eingeliefert, wo sie ihr Kind zur Welt brachte. Was danach mit ihr geschehen ist, ist bislang ungeklärt. Bekannt ist lediglich, dass sie von zwei Militärs aus dem Gebäude gebracht wurde und einer von beiden sagte: „Manchmal muss man unangenehme Dinge erledigen“. Juan Gelman nimmt deswegen an, dass seine Schwiegertochter ermordet worden ist – genauso wie sein Sohn, dessen Leiche vor mehreren Jahren gefunden wurde.
Der Pressekonferenz am 31. März, bei der Jorge Batlle und Juan Gelman gemeinsam die Nachricht verkündeten, ging ein langes Gespräch zwischen den beiden voraus – ein Novum in der 15-jährigen Demokratie in Uruguay. Kein Präsident vorher war bereit, einen Angehörigen von „Verschwundenen“ offiziell zu empfangen. Der Colorado Jorge Batlle, der im November 1999 nur knapp in der Stichwahl gegen Tabaré Vázquez, den Kandidaten des Linksbündnisses Frente Amplio, gewinnen konnte, hat erstmals die Verantwortung des Staates für die Verbrechen während der Diktatur von 1973 bis 1985 offiziell anerkannt. Er kündigte an, die Verschwundenen für tot zu erklären, die Familienangehörigen zu entschädigen und im Namen des Staates um Vergebung zu bitten.
Für Juan Gelman, der sich niemals mit dem staatlichen Schweigen abgefunden hat, ist die Suche nach seinen Angehörigen aber noch nicht zu Ende: Er will auch Auskunft über das Schicksal seiner in Uruguay „verschwundenen“ Schwiegertochter.

KASTEN:
70 Jahre Juan Gelman

Der argentinische Lyriker Juan Gelman wurde 1930 in Buenos Aires als Sohn eingewanderter ukrainischer Juden geboren. Von Kind auf mit politischen Fragen in Berührung gekommen – vor allem durch seinen sozialrevolutionären Vater, der 1928 der Sowjetunion desillusioniert den Rücken gekehrt hatte, und durch die Nachrichten vom Spanischen Bürgerkrieg, engagierte sich Gelman schon frühzeitig in linken Organisationen. Zunächst ging er zu den argentinischen Kommunisten; nachdem ihm dort der kubanische Einfluss zu groß wurde, entschied er sich für den bewaffneten Kampf der linksperonistischen Montoneros. Vor dem Terror der paramilitärischen Triple A (Alianza Anticomunista Argentina), auf deren Todeslisten er stand, floh Gelman 1975 ins europäische Exil zunächst nach Rom; in den folgenden Jahren lebte er in der Schweiz, in Frankreich und Spanien. So entkam er dem Schicksal seiner Dichterkollegen Rodolfo Walsh und Haroldo Conti, die von den argentinischen Militärs ermordet wurden. 1979 sagte er sich von den Montoneros los. Als 1983 die Militärjunta die Macht an den zivilen Präsidenten Raúl Alfonsín abgab, blieb Gelman von der Amnestie ausgenommen, die ansonsten für fast alle politisch Aktiven – Generäle wie Guerilleros – galt. Erst 1989 durfte er wieder nach Argentinien einreisen. Seit 1990 lebt Juan Gelman in Mexiko-Stadt, er nimmt jedoch am politischen Geschehen in Argentinien regen Anteil. Vor allem die Straflosigkeit der Diktaturverbrechen erregt immer wieder seine scharfe Kritik.
1997 ist Juan Gelman mit dem altehrwürdigen argentinischen Nationalpreis für Dichtung ausgezeichnet worden. Obwohl er sich in seiner Dankesrede dagegen wehrte, über den Umweg der literarischen Anerkennung auch politisch vereinnahmt zu werden, konnte er sich über die Würdigung seines Lebenswerkes doch freuen. Ohne Zweifel gehört Gelman zu den wichtigsten lateinamerikanischen Dichtern unserer Zeit, seine Entdeckung auf Deutsch steht allerdings noch aus. Mit Gedichtbänden wie Violín y otras cuestiones (1956; Violine und andere Angelegenheiten), Gotán (1962) oder Cólera Buey (1971; Ochsenwut) schuf er sich eine dichterische Sprache, mit der er immer wieder soziale oder auch politische Themen behandelt, wobei Gelman jedoch auf kämpferische, im engeren Sinne engagierte Gedichte konsequent verzichtet. Charakteristisch für seine Texte ist der expressive Umgang mit der Sprache: er schafft Bedeutung, indem er verschiedene Worte miteinander kontrastiert, sie bisweilen konfrontiert. Anders als zum Beispiel Pablo Neruda, den Gelman gekannt und sehr bewundert hat, der sich der Bedeutung seiner Worte von vornherein sicher ist und sie zu einem großen Epos aneinander fügt, sind Gelmans Verse durch Perspektivwechsel, durch Um- und Neudeutungen und durch innere Dialoge gekennzeichnet.

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