«

»

Artikel drucken

Jugendliche GrenzgängerInnen in Mexiko

Der Begriff pachuco ist heute nicht mehr besonders geläufig. Er wurde in den 1920er Jahren als Ausdruck für eine urbane Jugendkultur erfunden, die im Zuge der Migration von mexikanischen ArbeiterInnen in die US-amerikanischen Großstädte entstand. Die kulturellen Praktiken der pachucos wirken bis heute auf jugendliche Ausdrucksformen, insbesondere im Grenzraum zwischen Mexiko und den USA. In den 1950er Jahren charakterisierte Octavio Paz die pachucos als “Rebellen aus Instinkt” und “nackten Paria, der nirgends hingehört”.
Genau mit diesem Thema beschäftigt sich das Buch Entre fronteras – Grenzgänge. Jugendkulturen in Mexiko, herausgegeben von Manfred Liebel und Gabriele Rohmann.
Entre fronteras ist ein Buch über Jugendliche, deren Leben durch Grenzen bestimmt wird, und die diese Grenzen doch immer wieder überschreiten und in Frage stellen. Den SozialwissenschaftlerInnen Liebel und Rohmann ist es gelungen, bedeutende zeitgenössische JugendforscherInnen Mexikos, darunter Rosana Reguillo und José Manuel Valenzuela, für ihr innovatives Buchprojekt zu gewinnen.
Publikationen über Jugendkulturen in Lateinamerika sind hierzulande rar. Die Artikel umfassen eine Bandbreite von Themen, wie etwa einen Überblick über die verschiedenen wissenschaftlichen Diskurse über Jugendkulturen in Lateinamerika, zeigen aber auch die Forschungsdefizite auf.
Der selbst im mexikanisch-U.S.-amerikanischen Grenzraum forschende José Manuel Valenzuela blickt in seinem Essay zurück auf die Jugendkulturen Lateinamerikas im 20. Jahrhundert, bevor er sich auf die Auseinandersetzung mit Jugendkulturen an der politischen Grenze zwischen Mexiko und den USA konzentriert. Darunter fallen neben den pachucos auch deren kulturelle Erben: die in den 1970er Jahren entstandenen cholos, die stärkste grenzüberschreitende Jugendbewegung Mexikos und der USA.
Antonio A. Guerrero geht in seinem Artikel Jugendkulturen im ländlichen Umfeld und deren Verbindungen und Interaktionsprozessen mit urbanen Jugendlichen nach. Er versteht Jugend nicht als kulturelles Konstrukt, sondern als Lebensabschnitt. Guerrero geht so weit, den verschiedenen Jugendkulturen Charaktereigenschaften zuzuschreiben: Cholos seien „aggressive Jugendliche“ und gruperos „ruhige, unverklemmte junge Menschen“.
Auch wenn der Fokus auf Grenzgänge der unterschiedlichen Jugendkulturen manchmal aus den Augen gerät, und es vielmehr um die verschiedenen identitätsstiftenden Prozesse von Gruppen geht, gibt das Buch einen interessanten Überblick über einzelne Jugendbewegungen. Auf deren exakte Definition – ebenso wie auf die Verwendung des Begriffs ‚(Sub-) Kultur’ – verzichten die HerausgeberInnen bewusst. Hilfreich beim Lesen ist das Glossar mit kurzen Erklärungen zu einzelnen Subkulturen. Infokästen zur Politik Mexikos und zahlreiche Fotos, Filmplakate und Zeitschriftencover liefern dem Leser und der Leserin einen authentischen Eindruck der kulturellen Vielfalt Mexikos.

Manfred Liebel und Gabriele Rohmann (Hrsg.): Entre Fronteras. Grenzgänge. Jugendkulturen in Mexiko. Erschienen im Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2006, 140 Seiten, 20 Euro.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/jugendliche-grenzgaengerinnen-in-mexiko/