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// KÄMPFERISCH BLEIBEN

2020 ist ein Jahr mit vielen Herausforderungen. Zum zweiten Mal in diesem Jahr stellen wir uns bei den Lateinamerika Nachrichten gerade die Frage, wie es mit unserer kollektiven Arbeit in Zeiten der Pandemie weitergehen kann. Schon im Frühjahr konnten wir uns während des Lockdowns nur virtuell treffen. Das ermüdete, denn so manche Diskussion kam dabei zu kurz oder blieb trotz mehrstündiger Telefonkonferenzen ganz aus. Nach zwei aus der Not geborenen Onlineausgaben schenkten uns das moderate Infektionsgeschehen und die schöne Dachterrasse vom Mehringhof im Sommer eine gewisse Normalität. Endlich wieder ohne Technikprobleme miteinander diskutieren und uns dabei in die Augen schauen!
Leider waren die Sommermonate zu schnell wieder vorbei und die Dachterrasse zu kalt für abendliche Sitzungen. Seitdem haben wir uns hybrid getroffen: eine Handvoll Leute mit ausreichend Abstand und Maske in der Redaktion, die anderen virtuell von zu Hause aus. Wie wir nun mit wachsenden Fallzahlen und Beschränkungen umgehen, diskutieren wir gerade. Denn obwohl wir technisch gut aufgestellt sind, schlägt sich die erneut zunehmende Isolation auf unsere Motivation nieder. Denn es ist ja nicht nur die Arbeit, die uns bei LN verbindet, sondern eben auch die gemeinsamen Momente und lebendigen Diskussionen über Themen, die uns alle – auch und gerade jetzt – beschäftigen.
Unsere journalistische Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation macht uns immer wieder bewusst, dass viele Menschen auf der Welt gerade viel Schlimmeres durchstehen müssen. Dabei leiden Frauen weltweit besonders: Sie übernehmen nicht nur deutlich mehr Sorgearbeit und verlieren deshalb oft dringend benötigtes Einkommen; viele Frauen sind in häuslicher Quarantäne auch verstärkt von patriarchaler Gewalt betroffen. Gewalt, die Frauen erfahren, weil sie Frauen sind, war und ist in Lateinamerika ein zentrales Thema. So ist der Kampf gegen patriarchale Gewalt und insbesondere Feminizide ein vereinendes Anliegen der feministischen Bewegungen. In den vergangenen zehn Jahren haben die meisten Länder Lateinamerikas, meist auf Druck von Feminist*innen, zwar Gesetze erlassen, die einen eigenen, strafverschärfenden Tatbestand für Feminizide eingeführt haben und Hilfen für die von Gewalt betroffenen Frauen etablierten. Die Umsetzung dieser progressiven Gesetzgebungen ist aber allzu oft mangelhaft, was sich in diesem Jahr besonders schmerzhaft zeigt. Unser mit kämpferischen Motiven lateinamerikanischer Illustrator*innen gestaltetes Dossier ¡Vivas nos queremos! („Wir wollen uns lebend!“), das zusammen mit dieser Ausgabe erscheint, beschäftigt sich mit diesem Thema. Die Texte vornehmlich lateinamerikanischer Autor*innen bringen darin feministische Erfahrungen, Kämpfe, Debatten und Strategien zusammen.
Andere aktuelle Ereignisse sollen in dieser Ausgabe aber nicht untergehen. Bolivien und Chile sind zwei Länder, auf die wir im Laufe dieses Jahres mit besonderer Spannung geblickt haben. Dort kam es im Oktober zu historischen Entscheidungen: In Bolivien verlor die seit dem Putsch vor einem Jahr de facto regierende Rechte die Wahlen überraschend deutlich. In Chile stimmte ein Jahr nach Beginn der großen Proteste fast 80 Prozent der Bevölkerung dafür, dass ein eigens dafür gewählter Konvent den Text für eine neue Verfassung ausarbeitet. Diese soll die aktuelle carta magna, eine Hinterlassenschaft Pinochets, ablösen. Trotz aller zu erwartenden Beschränkungen und Unzulänglichkeiten des kommenden Verfassungsprozesses ein starker Schritt!
Bolivien und Chile zeigen, was Menschen auf der Straße gemeinsam in einem zunächst scheinbar aussichtlosen Kampf gegen ein mächtiges, repressives System bewirken können – eine positive Botschaft! Auch und gerade in schwierigen Zeiten.

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