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// DOSSIER: GEWERKSCHAFTEN IN LATEINAMERIKA

Arbeiter*innen der Druckerei R.R. Donnelley (vormals Atlantida) haben ihren eigenen Betrieb übernommen // Foto: Simon Zamora Martin

(Download des gesamten Dossiers)

 

„Kämpferisch“, „korrupt“, „kriminalisiert“ – mit solch widersprüchlichen Attributen wurden und werden Gewerkschaften in Lateinamerika häufig beschrieben. Gewerkschaften sind kämpferisch, sie vertreten die Interessen lohnabhängiger Arbeiter*innen. Aus traditioneller linker Perspektive gelten sie als notwendige Organisationsform der Arbeiter*innenklasse, um sich gegen die Ausbeutung der kapitalistischen Wertschöpfung zu wehren. Aus der Selbstorganisation der Arbeiter*innen zur Verteidigung ihrer Interessen erhoff(t)en sich diverse linke Denker*innen die Entwicklung der Arbeiter*innenklasse von der Klasse an sich zu einer Klasse für sich, die bewusst die Überwindung des Kapitalismus anstrebe. Gewerkschaften haben durchaus progressives Potential.

Allerdings darf man auch nicht die Augen vor der allzu häufig weniger progressiven Realität gewerkschaftlicher Organisationsformen verschließen. Insbesondere in der Geschichte Lateinamerikas versuch(t)en diverse links- und rechtspopulistische autoritäre Regierungen, Gewerkschaften für ihre eigenen Herrschaftsprojekte zu instrumentalisieren und die Arbeiter*innen zu kooptieren. Zur Zeit der Militärdiktaturen wurden sie aber auch verboten und brutal verfolgt. Es gilt zu berücksichtigen, dass Gewerkschaften auch bewusst als „korrupt”, „mafiös” oder gar „terroristisch” verunglimpft werden, um sie zu kriminalisieren. Derartige Kampagnen gehen dann bisweilen von unternehmernahen Lobbygruppen aus, wie hier etwa von Mexicanos Primero gegen die kämpferische Lehrer*innengewerkschaft CNTE (siehe Artikel ab Seite 6).

Mit dem vorliegende Dossier wollen wir uns mit dem aktuellen Zustand von Gewerkschaftsarbeit in Lateinamerika beschäftigen. Wie bewegen sich die Gewerkschaften in dem geschilderten Spannungsfeld? Dabei wollen wir eine kritisch-solidarische Haltung zu Gewerkschaften einnehmen. Das bedeutet für uns, dass die gegen sie vorgebrachte Kritik immer abgewogen werden muss: Wann handelt es sich um berechtigte Kritik an Fehlentwicklungen, wann handelt es sich um bewusste Diffamierung, um die Selbstorganisation von Arbeiter*innen zu schwächen?

Hintergrund für unser Dossier ist auch die veränderte politische Lage in Lateinamerika. Im vergangenen Jahrzehnt haben in vielen Ländern der Region linksorientierte Politiker*innen die Regierung übernommen. Zu einem nicht unerheblichen Teil basierten deren Wahlerfolge auf ihrem Rückhalt bei sozialen Bewegungen und linken Organisationen, nicht zuletzt auch Gewerkschaften. Konnten die Gewerkschaften ihrem prophezeiten Bedeutungsverlust nach den neoliberalen Reformen der 1980er und 1990er Jahre erfolgreich entgegentreten? In dem Dossier möchten wir der Frage nachgehen, wie viel gesellschaftlichen Wandel die Gewerkschaften beim Thema Arbeit erreicht haben und wofür sie aktuell kämpfen müssen.

Natürlich können wir nicht alle Aspekte dieses Themas behandeln. Wir möchten deshalb schlaglichtartig einige Aspekte gewerkschaftlicher Kämpfe in Lateinamerika vorstellen. Anhand einzelner Beispiele wollen wir ihre Vielfalt und Konflikte veranschaulichen. Unser Anspruch ist es dabei, nicht mit „eurozentrischem“, gar besserwisserischem Blick über die Gewerkschaftsbewegungen zu urteilen. Stattdessen möchten wir mit unserem solidarisch-kritischen Ansatz viele unterschiedliche Stimmen, Meinungen und Positionen zu Wort kommen lassen und die regionalen Kontexte beachten. Aus diesem Grund finden sich in diesem Dossier besonders viele Interviews, in denen mutige Gewerkschafter*innen von ihren Kämpfen berichten.

Verschiedenen Fragen sind wir dabei nachgegangen: Wie steht es mit der transnationalen Vernetzung von lateinamerikanischen Gewerkschaften mit Kolleg*innen in anderen Regionen? Welche Rolle spielen Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht im Arbeitskampf? Bei der Untersuchung dieser Leitfragen wollen wir immer im Blick behalten, wie lateinamerikanische Gewerkschaften Unterdrückung, Ausbeutung und Diskriminierung zu überwinden helfen können. In einem Artikel stellen wir die bereits erwähnte Lehrer*innengewerkschaft CNTE aus dem mexikanischen Bundesstaat Oaxaca und ihre aktuellen Kämpfe vor. An diesem Beispiel wird besonders deutlich, wie Gewerkschaften einerseits selbst enorme interne Widersprüche aufweisen, aber auch immer wieder von Repression und Kriminalisierung bedroht werden (Seite 6).

In einem Interview berichtet Nélida Reyes Guzmán von einer Frauengewerkschaft der U-Bahn von Mexiko-Stadt, die sich gegen Korruption und machistische Machtstrukturen innerhalb der Hauptgewerkschaft zur Wehr setzen (Seite 11). Um – ebenfalls meist weibliche – Hausangestellte in Brasilien geht es in einem weiteren Artikel. Nicht zuletzt wegen der langen Geschichte der Sklaverei in Brasilien leben Hausangestellte meist im Haus ihrer Dienstherr*innen und sind oft besonders stark von einer dreifachen Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Klasse und ihrer Ethnizität betroffen. Sexuelle Gewalt gegen sie ist weit verbreitet und wird häufig bagatellisiert. Wir zeigen, wie es um die gewerkschaftliche Organisation von Hausangestellten steht und wie sie sich gegen Ausbeutung wehren (Seite 15).

Welche Bedeutung internationale Kooperation für gewerkschaftliche Arbeit bedeutet, und was aus ihr gelernt werden kann, verdeutlicht das Beispiel einer nunmehr 30-jährigen Partnerschaft zwischen Gewerkschafter*innen in Mannheim und in der ABC-Industrieregion in São Paulo, Brasilien. Wir sprechen mit den Protagonist*innen, die diese Kooperation in den 1980er Jahren begründet haben (Seite 17).

Doch was geschieht, wenn die Arbeiter*innen selbst die Kontrolle im Betrieb übernehmen? Insbesondere in Argentinien haben Arbeiter*innen zahlreiche Betriebe, die nach der Wirtschaftskrise 2001 von der Schließung bedroht waren, besetzt und führen sie in Eigenregie weiter. In einer Reportage schildern wir den Alltag in einem solchen Betrieb (Seite 20), in einem Interview kommt ein Protagonist dieser Bewegung zu Wort (Seite 27). Zudem sprechen mit einem Wissenschaftler, der sich mit diesem Phänomen, das längst in mehreren Ländern des Cono Sur Früchte zu tragen beginnt (Seite 30). Auch ein Buch zur Betriebsbesetzung in Argentinien wird vorgestellt, sodass Leser*innen Thema gegebenenfalls vertiefen können.

In drei weiteren Interviews schildern Gewerkschafter* innen und Arbeitsrechtler*innen die aktuellen Arbeitskämpfe, die Arbeiter*innen in Lateinamerika derzeit austragen. Der Arbeitsrechtler Sergio Chávez erklärt, mit welchen Problemen Maquila-Arbeiter*innen in der Textilindustrie Zentralamerikas konfrontiert sind (Seite 32). Maria Miranda und Liroy Pérez Pérez von der costa-ricanischen Hafengewerkschaft Sintrajap berichten von der Repression gewerkschaftlicher Organisation in der vermeintlichen „Schweiz Zentralamerikas” (Seite 36). William Mendoza berichtet von den Kämpfen der kolumbianischen Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal, die sich für menschenwürdige Arbeitsbedingungen bei Coca Cola einsetzt, wobei mehrere Kolleg*innen der Gewerkschaft bereits von Paramilitärs ermordet wurden (Seite 39). Der gefährliche Einsatz der hier vorgestellten Gewerkschafter*innen für grundlegende Arbeitsrechte, ihr Widerstand gegen Repressionen spiegeln die Brutalität kapitalistischer Ausbeutung wieder. Doch ihre Kämpfe inspirieren und ermutigen auch dazu, diese Zustände nicht hinzunehmen.

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