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Kamele aus der Favela

In sengender Hitze sitze ich mit Marcus, in einem Innenhof zwischen Plastik- und Papiermüll und Elektroschrott in der Favela Maré. Er arbeitet als camelô, zu deutsch „Kamel“, wie die fliegenden HändlerInnen genannt werden, im Touristen- und Mittelklasseviertel Copacabana. Wie viele BewohnerInnen informeller Viertel hat Marcus mehrere Jobs: „Morgens arbeite ich in der Recyclingkooperative und abends als camelô. Ich verkaufe Mützen, Sonnenbrillen, alles, was ich kriegen kann. Wenn das Wetter schlecht ist, putze ich Schuhe.“ Die Favela Maré, in der Marcus mit seiner Familie wohnt, ist ein Komplex aus 14 Vierteln. Dieser befindet sich zwischen den Hauptzufahrtsstraßen Avenida do Brasil und Linea amarela, die vom Flughafen in den reicheren südlichen Teil der Stadt führen. Schlecht angebunden und isoliert wirkt die Maré fast wie eine eigene Stadt. Etwa 100.000 Menschen leben hier.

Informelle BewohnerInnen
„Die Informalität hängt nicht mit der Tätigkeit sondern mit der Stellung in der Gesellschaft zusammen. In Brasilien sind 30 bis 40 Prozent der städtischen Gebiete informell. Das sind die Favelas. Alles, was dort geschieht, ist informell. Die BewohnerInnen haben keinen Personalausweis. Sie sind nicht sichtbar für den Staat, nicht sichtbar für die Gesellschaft“, erzählt Gonçalo Guimarães. Er ist Professor an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro, und hat sich auf Stadtplanung und den informellen Sektor spezialisiert. Für ihn bezieht sich Informalität nicht nur auf die Arbeit, die nicht durch einen formellen Vertrag geregelt ist. Auch die Wohnverhältnisse in den Favelas gehören zur dazu.
Die Lebenshaltungskosten in diesen Vierteln sind häufig sehr hoch. Das liegt daran, dass in einigen Favelas im Vergleich mit Mittelklassevierteln extrem hohe Mietpreise vorherrschen. „Warum zahlt jemand 300 Reais (knapp 90 Euro) für ein Zimmer in einer Baracke, wenn er/sie für 600 Reais (knapp 200 Euro) eine kleine Wohnung mit Küche und Bad in Copacabana mieten könnte? Weil man, um in Copacabana zu wohnen, einen Personalausweis und einen Einkommensnachweis braucht.“ erklärt Guimaraes.

Brasilianische Normalität
Während informelle und prekäre Jobs in Europa noch Empörung hervorrufen, sind die meisten Jobs, von denen Menschen in Lateinamerika leben, in der einen oder anderen Weise informell. Sie sind in nicht oder nur wenig normierten und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Meistens haben sie keinen formellen oder nur einen kurzfristigen Arbeitsvertrag, weder Sozialversicherung noch gewerkschaftlichen Schutz und sehr lange Arbeitszeiten.
Der vielfältig verwendete Begriff „informelle Arbeit“ bezieht sich einerseits auf autonome Aktivitäten: „Auf eigene Rechnung” an der Steuer vorbei, also Schwarzarbeit. Andererseits bezeichnet informelle Arbeit Selbstversorgung in Haushalten und die Herstellung bedarfsorientierter Produkte.
In den neunziger Jahren wuchs die Zahl derer, die informellen Tätigkeiten nachgehen, stark an. Dies liegt daran, dass die Arbeitslosigkeit nach der Marktöffnung 1990 durch die Regierung des Präsidenten Fernando Collor explosionsartig in die Höhe schnellte. Als Billig-Importe in Massen ins Land strömten, gingen viele brasilianische Industriebetriebe pleite. Tausende von ArbeiterInnen aus der Mittelklasse verloren ihre Stellen und fanden keine Beschäftigung mehr auf dem formellen Arbeitsmarkt.

Aus der Not heraus
„Da die carteira assinada in Brasilien nicht richtig funktioniert, muss man sich etwas ausdenken, um an Geld zu kommen“, erzählt Marcus, als ich ihn an der Strandpromenade von Copacabana in Rio de Janeiro besuche, an seinem Arbeitsplatz. Die carteira assinada entspricht in etwa der Lohnsteuerkarte in Deutschland. Sie wurde im Rahmen der Arbeitsgesetzgebung CLT (Consolidação das Leis do Trabalho) in den vierziger Jahren von Präsident Vargas erlassen, um die Arbeiter ruhig zu stellen. Sie garantiert Sozial- und Arbeitslosenversicherung, bezahlten Urlaub, Weihnachtsgeld und begrenzte Arbeitszeiten. Allerdings waren diese Gesetze außerhalb der industrialisierten Südostregion Brasiliens nie wirksam und wurden schlicht ignoriert.
Die fliegenden HändlerInnen stellen sich an Orten auf, wo viele Menschen vorbeigehen, an Krankenhäusern, Universitäten, Schulen, Fabriken und an U-Bahn- und Bushaltestellen. Oder sie versammeln sich spontan zu bestimmten Ereignissen, zum Beispiel im Umfeld eines Fußballstadions am Tag eines großen Spiels. Selbst auf mehrspurigen Straßen, bei denen bekannt ist, dass es regelmäßig zu Verkehrsstaus kommt, entsteht in kürzester Zeit ein Verkaufsraum für fliegende HändlerInnen. Sie verkaufen fast alles: Von Kleidung über Früchte bis hin zu Autozubehör, Spielzeug und Blumen.

Kühles Bier zum Fußballspiel
„Ich verkaufe nur Ananas – süß und gekühlt“, erzählt Jorge, ein fliegender Händler des Mittelklasseviertels Laranjeras. „Ich stehe um vier Uhr morgens auf, um die Ananas auf dem Zentralmarkt zu besorgen. Später kommt mein Schwager mit dem Eis hierher. Die Ananas ist eine Frucht, die Fett verbrennt, alle Welt will abnehmen, aus diesem Grund habe ich so viele Kunden.“ Ob er schon einmal von seinem Platz gegenüber eines Restaurants auf dem Bürgersteig neben der Tankstelle vertrieben wurde, frage ich ihn: „Meine Frau ist Köchin in diesem Restaurant. Das Personal wollte mich von hier vertreiben, aber sie ging zum Boss und sagte ihm, dass ich ihr Mann sei, und da haben sie Ruhe gegeben. Sie haben nur gefordert, dass ich keinen Müll hier liegen lasse, aber damit passe ich sehr gut auf. Wenn man Müll in der Nähe hat, kommen keine Kunden.“
Die fliegenden HändlerInnen kennen den Markt oft sehr genau. In der Auswahl ihres Standortes beziehen sie Festtage, Klimaveränderungen und Modeaspekte ein: Wo besteht wann Bedarf an gekühlten Getränken? Welche Menschen tragen diese Art von Sonnenbrillen, und wo kommen diese Leute wann vorbei? Die meisten fliegenden HändlerInnen sind Mitglieder von Netzwerken. Diese werden über Lager, die im Zentrum der Stadt liegen, versorgt. Die BesitzerInnen solcher Versorgungsstellen arbeiten selbst häufig informell.

Von der Polizei verfolgt
Schon immer wurden die fliegenden HändlerInnen von der Polizei verfolgt. Doch ist der Druck durch die schiere Zahl der informellen VerkäuferInnen so groß, dass schließlich auch die Politik einlenken musste. Im Zentrum Rio de Janeiros wurde ein Platz designiert, auf dem die Camelôs offiziell verkaufen dürfen, der Camelôdromo. Auf dem mit grünen Buden bebauten Platz, bieten unzählige HändlerInnen auf ausgebreiteten Decken gebrachte Lampen, Werkzeuge, unaufhörlich klingelnde Wecker und Transistorradios an. Dort besuche ich Alexandre bei seinem Stand. „Ich habe zwar meine Bude hier, aber ich laufe auch mit einigen Waren im Zentrum herum, um zu sehen, ob ich dort mehr verkaufen kann. Das Problem sind die Kontrolleure. Deshalb breite ich Waren auf einer Plastikfolie aus und bei der geringsten Gefahr ziehe ich an den Bändern und haue ab. Es ist schwer, Camelô zu sein, aber ich brauche das Geld“, erzählt Alexandre.
Sich als fliegender Händler den Lebensunterhalt zu verdienen, erweist sich unter dem rechten Bürgermeister Rio de Janeiros, César Maia, als immer schwieriger: „Jetzt verfolgt uns die Polizei immer mehr. Viele von uns haben aufgehört, kriminell zu sein, um auf der Straße zu verkaufen.“ berichtet Marcus. Erwischt die Polizei die fliegenden Händler, nimmt sie ihnen ihre Ware und damit häufig fast alles weg, was sie besitzen.
Die zunehmende Verfolgung durch die Polizei treibt viele HändlerInnen, die sich die Registrierung eines Gewerbes nicht leisten können, zurück in die Kriminalität.

Kasten:
Tanz der Arbeitslosen
Dies ist der Tanz des Arbeitslosen, der noch nicht tanzte;
Es ist an der Zeit, dies zu lernen.
Der neue Tanz der Arbeitslosen, der Tänzer kannst morgen Du sein.
Er steckt die Hand in die Tasche, sie ist leer,
Er steckt sie in die Geldbörse, es ist nichts darin. …
Er sucht Arbeit, es gibt keine.
Und er schaut nach den Zeitungsanzeigen, nichts,…
Dieser Tanz der Arbeitslosen, der Tänzer kannst morgen Du sein.
Du steigst ab, Du steigst ab bis nach Paraguay.
Du kehrst zurück,
Du bietest die Hehlerwaren als erstklassig an, wer kauft sie?
Du verkaufst und verkaufst, überlebst als camelô und
Du läufst und läufst, die Polizei nähert sich, so ein Pech.
Lied vom Hip Hop Musiker Gabriel O Pensador, 1997

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