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Kapitalistische Apartheid

Herr de Soto, Ihr neuestes Werk ist in mehr als fünfzehn Sprachen übersetzt worden, alle haben den Titel „Das Geheimnis des Kapitals“, nur die deutsche Ausgabe heißt „Freiheit für das Kapital“. Warum?

Also, der deutsche Titel gefällt mir eigentlich gar nicht. Verstehen sie mich bloß nicht falsch, mir geht es nicht um „Freiheit für das Kapital“, mir geht es um mehr Freiheit für die Menschen, endlich an Kapital zu gelangen. Aber ich ließ mich von meinem deutschen Verleger überzeugen. Ihm ging es im Wesentlichen darum, Neugierde zu wecken, zu provozieren.

Also mehr Freiheit für die Menschen?

Genau, in einem gewissen Sinne. In den Entwicklungsländern und in den ehemaligen kommunistischen Staaten haben wir einen ganz wesentlichen Faktor für wirtschaftlichen Fortschritt verkannt: der freie Zugang aller zu Kapital.
Sehen Sie, in den Ländern der Dritten Welt wimmelt es nur so von Kleinstunternehmern. Auf den Straßen flitzen Kleinbusse, die den Personennahverkehr organisieren, an den Straßen stehen Händler, die allerlei Waren anbieten, und überall entstehen neue Siedlungen. Wer immer behauptet, es fehle an Unternehmergeist und Marktorientierung in der Dritten Welt, der irrt sich ganz gewaltig.
Was diesen Menschen fehlt, ist die Möglichkeit, Kapital zu erzeugen. Dazu fehlen formale Eigentumsrechte, Instanzen, die verbindliche Antworten zu Besitztümern geben. Ich nenne das kapitalistische Apartheid. Den Menschen, die neu in die Großstädte kamen und kommen, bleibt es verwehrt, legal eine Wohnung zu bekommen, formell unternehmerisch tätig zu sein oder einer legalen Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Und so landeten sie in der Extralegalität, aus der Sie sie jetzt – so ist in Ihrem Buch zu lesen – innerhalb weniger Jahre wieder herausholen wollen.

Genau. Mein Forscherteam und ich haben uns einmal ganz genau den Wohnungsbau in fünf Großstädten der Dritten Welt angesehen, in Lima, Port-au-Prince, Mexiko-Stadt, Kairo und Manila. Um dem Erwerb eines privaten Grundstücks Rechtsgültigkeit zu verschaffen, bedarf es in Ägypten 77 bürokratischer Schritte bei 31 öffentlichen und privaten Stellen, auf Haiti sogar 176 bürokratischer Schritte. Das dauert länger und kostet mehr, als die Mehrheit der Menschen sich leisten kann.

Sie greifen die Kritik des ehemaligen Präsidenten der Weltbank Josef Stiglitz auf, der den Internationalen Währungsfonds auffordert, sich mehr über die tatsächliche Situation in den Ländern der Dritten Welt zu informieren und damit zur Pflichtlektüre der Globalisierungskritiker geworden ist. De Soto – Neumitglied der internationalen Globalisierungskritikerszene?

Im Gegensatz zu den meisten Experten, die die Welt von ihren Bürotürmen aus betrachten oder bei Vor-Ort-Besuchen in den Hotels bleiben, gehen wir auf die Straßen, unter die Menschen. Das hat nichts mit Globalisierungskritik zu tun.
Wir haben uns die illegal gebauten Häuser in Lima, Manila, Port-au-Prince, Mexiko Stadt und Kairo angesehen, eine Bestandsaufnahme vor Ort gemacht und den Wert geschätzt. Und dann haben wir – verkürzt gesagt – hochgerechnet.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass in Lateinamerika Reformen, die das Ziel hatten, kapitalistische Systeme zu errichten, mindestens vier mal gescheitert seien. Derzeit gehe die Sympathie der Menschen für die freie Marktwirtschaft wieder deutlich zurück und der Kapitalismus nützte nur einer Minderheit. Die Nachahmung des Kapitalismus durch Import von McDonald´s und Blockbuster reiche nicht aus. Sozialer Frieden, Entwicklung und Fortschritt durch Kapitalisierung. Das Allheilmittel?

Es geht mir nicht um ein Allheilmittel. Unser Konzept hat in Peru große Früchte getragen: wir haben über 380.000 Unternehmen formalisiert. Darüber hinaus haben wir es geschafft, dass mehr als 6,3 Millionen PeruanerInnen unter der Armutsgrenze jetzt auch formell gehört, was sie schon lange besaßen. Das schuf bis zu 560.000 neue Arbeitsplätze, die Steuereinnahmen des Staates sind massiv gestiegen.

Wie wollen Sie trotz Steuererklärungen, Buchführung, Qualitäts- und Sicherheitsstandards die Menschen im informellen Sektor für eine Formalisierung gewinnen?

Man muss den Leuten klar machen, welche Nachteile der informelle Sektor mit sich bringt. Er macht es unmöglich, Investoren zu gewinnen, Werbung zu machen, Versicherungen abzuschließen, Risiken zu minimieren. Und es entstehen immense Kosten durch Erpressung, Bestechung und Schutzgeldzahlungen. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass in den meisten Ländern die Befreiung von diesen Kosten und Mühen des extralegalen Sektors für das Zahlen von Steuern entschädigt.

In Ihrem Buch skizzieren Sie eine Strategie des Kapitalisierungsprozesses. Auf die Entwicklung eines Finanzsystems, neben der Formalisierung eines der entscheidenden Themen, gehen Sie aber gar nicht weiter ein. Woher sollen denn die Kredite kommen, wer kann überzeugt werden, in brasilianischen Favelas zu investieren?

Weil Sie Favelas nennen, will ich beim Beispiel Brasiliens bleiben. Gerade im April begannen die öffentlichen Diskussionen um die sogenannten Sem-Bancos in Brasilien, d.h. die meist aus dem informellen Sektor stammenden Klein- und Mikrounternehmen, die keinen Zugang zu Krediten haben.
Die Gespräche laufen sehr gut, der Staat hat Initiative ergriffen, die Banco do Brasil will ihren Kundenstamm um 5 Millionen erweitern. Ziel sind vor allem Unternehmer, die nicht im formellen System registriert sind. Finanzinstitutionen und Markt signalisieren großen Zuspruch. Derzeit wird diskutiert, unter welchen Umständen Kleinkredite vergeben werden sollen.

Es wurde auch kritisiert, dass Ihre Strategie, eine Brücke zwischen legalem und extralegalem Recht zu schlagen, nicht realisierbar wäre und Sie die mafia-ähnlichen Strukturen in den Slums der Großstädte übersähen. Außerdem hätten durch eine Integration wieder einmal die Ärmsten und Langsamsten das Nachsehen, weil diese gar nicht die betriebswirtschaftliche Kompetenz besitzen.

Mich wundern diese Kritikpunkte. Das sind Details. Und für mich und für die meisten Experten in der Dritten Welt bedeuten Detailprobleme nicht, dass das gesamte Konzept falsch ist! Ganz im Gegenteil. Ich möchte die Probleme nicht leugnen, obwohl sie sich bei genauerem Hinsehen meist als gering erweisen.
Einige Favelas in Brasilien sind bestimmt in der Hand der Mafia. Aber meiner Meinung nach weitaus weniger als immer angenommen wird. Und selbst dort werden die Menschen mehr Interesse an einer Integration haben, als an bewaffneten Gangkommandanten. Nur ist es die Herausforderung des Staates, ihnen diese Integration verständlich, leicht und günstig zu machen.

Hernado de Soto: Freiheit für das Kapital. Warum der Kapitalismus nicht welteit funktioniert. Rowohlt-Verlag, Berlin. 19,90 Euro.

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