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Katastrophe und keine Hilfe

In der zu den trockensten Regionen Nicaraguas gehörenden Provinz León, hat die Regenzeit schon vor Wochen mit ungewohnter Heftigkeit eingesetzt. Doch waren die Regenfälle zumeist von kurzer, nur wenige Stunden währender Dauer. Diese klimatischen Verhältnisse veränderten sich mit dem Auftauchen des Hurrikan Mitch. Nach einer Woche Dauerregen eskalierte die Situation im Norden Nicaraguas am 30. Oktober. In 24 Stunden fiel mehr Regen, als sonst im gesamten Jahr. Bäche und Flüsse verwandelten sich in reißende Ströme, Straßen, Brücken und Häuser wurden von den Fluten weggerissen. Für die größeren und befestigteren Städte wie León bedeutete das zwar erhebliche Beeinträchtigungen, abgesehen von 17 Todesopfern waren die Schäden jedoch glücklicherweise nur materieller Natur. Die oft aus Holz, Stroh und Lehm errichteten Siedlungen auf dem Land und vor allem die an Flüssen gelegenen Ortschaften waren den Wassermassen allerdings hilflos ausgeliefert. Hilflos auch deswegen, weil die schweren Überflutungen mitten in der Nacht einsetzten, also die Betroffenen im Schlaf überrascht wurden. Zu keinem Zeitpunkt war die Bevölkerung durch Regierungsstellen gewarnt oder gar evakuiert worden. Tausende Menschen, vor allem in den Siedlungen des Landkreises Posoltega, hätten gerettet werden können.

Tag der Toten

Aufgrund der Medienpolitik der Alemán-Regierung, Tatsachen erst dann zuzugeben, wenn sie schon längst durch die Presse und andere Stellen bewiesen wurden, kam der Bevölkerung erst sehr spät das tatsächliche Ausmaß des Wirbelsturms zu Bewußtsein. Die zerstörte Infrastruktur, gekappte Telefonleitungen und Hochspannungsmasten sowie sich widersprechende Meldungen sorgten für Anspannungen im Norden des Landes, während in Managua, das vom Sturm weitgehend verschont blieb, das Leben seinen gewohnten Gang ging.
Insbesondere der Landkreis Posoltega ist zum Synonym für die Schrecken geworden, die über Nicaragua hereingebrochen sind. Etwa 30 Kilometer nördlich von León gelegen, bewohnten diese Gemeinde bis vor einer Woche 15.000 Menschen. Die gewaltigen Wassermengen ließen in der Nacht zum 31. Oktober die Hänge des Vulkans Casitas in gigantischen Schlammlawinen talwärts rutschen. Die Orte Rolando Rodriguez, Santa Narzisa, El Porvenir und Ojochal wurden samt Einwohnern unter den Morastströmen begraben. Der Priester von Posoltega, Padre Benjamin Villareal, spricht von 3.000 Toten und weiteren 1.000 Vermißten alleine in seiner Gemeinde. Laut Polizeiangaben befinden sich noch 900 Personen, zum Teil unter Bäumen eingeklemmt und halb im Schlamm versunken, auf dem Vulkan. Seit nunmehr einer Woche ohne Wasser, Nahrung und Medikamente wird ihre Lage immer kritischer.
In Posoltegas sind insgesamt 49 Flüchtlingslager eingerichtet worden. Das Schicksal dieser Menschen ist ungewiß. Der Schlammlawine entkommen, kauern sie seit Tagen in Notunterkünften und warten auf Hilfe von der Regierung, die nicht kommt. Eine Woche ohne Trinkwasser und Nahrungsmittel haben die durch den Verlust zahlreicher Familienmitglieder ohnehin psychisch angeschlagenen Menschen weiter geschwächt, Krankheiten brechen aus und verbreiten sich rasend schnell. Hunderte von Kadavern, die nicht geborgen werden können bergen Seuchengefahr. Nicht zufällig bestand die erste Hilfslieferung, die von Nichtregierungsorganisationen (NRO) und internationalen Freiwilligen am 2. November, dem Tag der Toten, nach Posoltega gebracht wurden, unter anderem aus Benzin. Damit konnten an diesem Tag 120 Leichen verbrannt werden.
Auch in Wiwili, einer Ortschaft von ehemals 5000 Einwohnern, hatte der Hurrikan verheerende Folgen: Bis zum 6. November wurden 500 Leichen gefunden – das Schicksal der restlichen 4500 Einwohner ist ungewiß. Bislang ist nichts bekannt über die Misquitos, Sumos und andere Indígena-Gruppen, die beim Río Coco im Norden angesiedelt sind. Somoto und Esteli sind abgeschnitten.
Nach wie vor lehnt es die Regierung unter Präsident Alemán ab, den Notstand zu verhängen und damit massive internationale Hilfe ins Land fließen zu lassen. Damit werden vor allem zwei Ziele verfolgt: Erstens soll der Staatshaushalt gemäß eines Abkommens mit IWF und Weltbank reduziert werden. Die beim Notstand gesetzesmäßige Freigabe von Geldreserven zur Katastrophenbekämpfung würde dieses ehrgeizige Projekt gefährden. Zum anderen würde der Notstand die Handlungsmöglichkeiten der NRO erweitern. Arnoldo Alemán und der mit ihm verbündete ultrakonservative Klerus um Kardinal Obando y Bravo wollen indes den Einfluß von NRO möglichst gering halten.
In Bezug auf den Wirbelsturm Mitch werden sandinistische Hochburgen durch die geistlichen und weltlichen Würdenträger des Landes von Hilfsleistungen ausgeschlossen. So blieb zum Beispiel in Hamburgs Partnerstadt León nicht nur jede Hilfe seitens der katholischen Kirche aus, sondern es wurden die Messen abgesagt, die Kirchen abgesperrt und so eine mögliche Unterbringung der obdachlos gewordenen Menschen in den Gotteshäusern verhindert.
Das gleiche Bild bietet sich in den Städten Esteli, Matagalpa und Posoltega. Dort wurden vor zwei Jahren Vertreter der linken Oppositionspartei FSLN zu Bürgermeistern gewählt. Und das verzeiht ihnen Arnoldo Alemán nicht, der unter der Somoza-Diktatur als Nationalgardist aktiv war und durch den sandinistischen Aufstand 1979 aus dem Land gejagt wurde. Weder wurden Militärkonvois in die Gegend entsandt, noch Hilfe aus Managua geschickt. Im Gegenteil: Das Angebot der kubanischen Regierung, ein Flugzeug mit spezialisierten Ärzten und Medikamenten zu entsenden, wurde abgelehnt. Aber auch sonst kennt der Präsident keinerlei Skrupel. Am 3. November wurde Leóns sandinistischem Bürgermeister Rigoberto Sampson die Zuständigkeit für die zukünftigen Geldmittel aus dem Regierungstopf entzogen und dem Bischof Bosco Vivas übertragen.

Bereicherungsdemokratie

Die Sorge des Präsidenten, NRO könnten in den betroffenen Gebieten arbeiten, hat auch einen anderen Aspekt. Die Regierung scheint Hilfslieferungen meistens in die eigenen Kanäle fließen zu lassen. Somit ist es auch nur allzu erklärlich, daß Aleman die ausländischen Regierungen darauf hingewiesen hat, daß von der Entsendung von Menschen und Material abzusehen und die Überweisung von Geld vorzuziehen sei. Wird dieser Empfehlung nicht Folge geleisten, so sind der Präsident und seine Kameraden durchaus in der Lage, auf veränderte Situationen traditionell zu reagieren. Ebenso wie nach dem Erdbeben 1972 unter dem Diktator Anastasio Somoza, kommt Hilfe aus dem Ausland bei den tatsächlich Leidenden kaum an, sofern die regierende Liberale Partei irgendeine Zugriffsmöglichkeit findet. So wurden Hilfslieferungen aus der Dominikanischen Republik, insbesondere Milchpulver, schon 24 Stunden später auf dem größten Markt Managuas verkauft. Es sind viele, die sich an der Katastrophe schamlos und unmenschlich bereichern. In den am schwersten betroffenen Gebieten werden von den Ladenbesitzern lebensnotwendige Güter zurückgehalten und für den bis zu zehnfachen Preis verkauft. So kostete eine Schachtel Streichhölzer in Posoltega statt 50 Centavos nun fünf Cordobas. Das schafft ein Klima, in der das Ausbrechen gewaltsamer Konflikte, wie in Honduras bereits geschehen, nahezu unvermeidlich ist.
Eine der neuesten Einfälle Alemáns sieht folgendermaßen aus: Publikumswirksam läßt er Hilfsgüter von den zentralregierungstreuen Bürgermeistern verteilen, die bei der Essensausgabe betonen: „Seht, das kommt vom Präsidenten. Denkt daran, bei der nächsten Wahl.“

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