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Kein Blick zurück im Zorn

Als der Schriftsteller Sergio Ramírez Mercado am 27. Dezember 1974 in seinem Berliner Exil in der Tagesschau verfolgt, wie ein sandinistisches Kommando in einem Nobelviertel von Managua ein Haus überfällt und mehrere Minister des Diktators Somoza als Geiseln nimmt, beschließt er, nach Nicaragua zurückzukehren und sich “ganz dem Kampf anzuschließen“. Das Angebot, als Drehbuchautor Stücke für ein experimentelles Theater am Kurfürstendamm zu schreiben, schlägt er aus: „Ich hätte eine Revolution verpasst und wäre jeden Tag zum Zeitungskiosk an der Ecke gegangen, um ‘Le Monde’ zu kaufen und die Nachrichten aus den fernen Tropen zu lesen.” Eine Vorstellung, bei der Ramírez „noch heute Beklemmung überfällt“.

Kein geläuterter Zeitgenosse

amírez schloss sich der sandinistischen Befreiungsfront FSLN an, wurde nach dem Sieg der Revolution im Juli 1979 Mitglied der Regierungsjunta, danach Vizepräsident von Nicaragua. 1990 musste die FSLN nach verlorenen Wahlen die Macht abgeben. Fünf Jahre später schied Ramírez im Streit aus der FSLN aus. Nun hat er seine Erinnerungen an die Revolution vorgelegt.
Anders als es der Titel „Adios, Muchachos!“ vermuten lässt, wendet Ramírez seinen Blick nicht im Zorn zurück. Der Bruch mit der FSLN war kein Bruch mit den sandinistischen Ideen, das Buch ist keine Abrechnung mit der Revolution. Im Gegensatz zu vielen mit dem Alter vorgeblich geläuterten Zeitgenossen ist Sergio Ramírez ein bekennender Linker geblieben, für den Gerechtigkeit eine Herzensangelegenheit ist. Und der von seiner Kritik, die USA seien für viele Übel speziell in Nicaragua verantwortlich, nichts zurückzunehmen hat.

Deckname Baltazar

Nach seiner Rückkehr, zunächst nach Costa Rica, wird Sergio Ramírez – Deckname fortan Baltazar – Sprecher der „Gruppe der Zwölf“, einer Art Exilregierung aus Industriellen, Intellektuellen und Kirchenleuten, die an der Seite der FSLN den politischen Kampf gegen Somoza aufnimmt. Tag und Nacht widmet sich Ramírez der Revolution, für Familie und Beruf bleibt keine Zeit, nur dann und wann für ein Lachen. Etwa über die Antwort eines Campesino-Kämpfers auf die Frage, wie er die Gruppe der Zwölf findet: „Sehr gut, nur zu viele Pfaffen und zu viele Reiche“.
Die Geiselnahme in Managua ist unterdessen mit einem großen politischen Erfolg der Sandinisten zu Ende gegangen. Im Austausch für die Gekidnappten kommen politische Gefangene frei. Somoza wird gezwungen, in den Medien eine Erklärung der FSLN verbreiten zu lassen, die dadurch internationale Bedeutung erlangt. Obwohl – oder weil – er selbst nie zu den Waffen gegriffen und zu keiner Zeit eine Uniform getragen hat, sieht Ramírez die Notwendigkeit des Guerillakampfes und erliegt gleichzeitig seiner grausamen Faszination.
Für den Chef jenes Geiselnehmerkommandos etwa, Eduardo Contreras, hegt er offene Bewunderung. Selbst die Damen, die am Abend des Überfalls ihre Ehemänner begleiteten, seien „ganz betört“ von ihm gewesen und erinnerten sich noch heute an sein „beeindruckendes Auftreten, seine natürliche sympathische Art und die Höflichkeit eines Gentleman, mit der er noch die strengsten Befehle erteilte“, schreibt Ramírez. Contreras wurde zwei Jahre später von der Nationalgarde erschossen.
„Adios, Muchachos!“ ist eine Bühne für viele weitere Helden der Revolution. Für den Draufgänger Edén Pastora, der als legendärer „Comandante Zero“ mit einer Hand voll Guerilleros im August 1978 den Nationalpalast überfiel und vorübergehend 3.000 Menschen festsetzte, sich nach der Revolution als stellvertretender Innenminister langweilte und zur Contra überlief. Für den schlitzohrigen FSLN-Propagandaspezialisten und heutigen Bürgermeister von Managua, Herty Lewites, der die anfangs noch kümmerlichen Kämpferkolonnen und Waffenarsenale der Guerilla mit fotografischen Tricks zu vervielfachen wusste und später sandinistischer Tourismusminister wurde. Oder für den dichtenden Guerillero Leonel Rugama, der 1970 mit zwei Compañeros in einem Unterschlupf im Kampf gegen hunderte Nationalgardisten fiel und kurz vor seinem Tod den ihn zur Aufgabe auffordernden Soldaten aus dem schon zerschossenen Gebäude den Ruf „Que se rinda tu madre“ – Soll sich doch deine Mutter ergeben – entgegenschleuderte.

Sensibel für die Armen

Die SandinistInnen verjagten Somoza, zerschlugen seine Garde und marschierten im Triumphzug in Managua ein. Mit sich führten sie, wie Ramírez formuliert, die Sensibilität für die Armen. Sie waren „im reinsten Sinne radikal“, strebten nach Gerechtigkeit für die „besitzlosen Verelendeten“. Zunächst unterstützt von bürgerlichen BündnispartnerInnen, machten sich die SandinistInnen mit Eifer und Euphorie an den Aufbau der neuen Gesellschaft. Sie verkündeten eine weit reichende Landreform, proklamierten kostenlose Bildung und Gesundheit für alle. StudentInnen und OberschülerInnen, unter ihnen auch zwei Kinder von Ramírez, zogen zur Alphabetisierung der Massen aufs Land. Tausende Kindergärten wurden eröffnet, hunderttausende Kinder geimpft, der Arbeitstag in den Kaffee- und Bananenplantagen um die Hälfte gekürzt, der Mindestlohn verdoppelt. Der revolutionäre Elan verdeckte zunächst die Fehler, die die SandinistInnen begingen, die Fallen, in die sie hineintappten, insbesondere auf dem Land.
Anstatt die enteigneten Ländereien den landlosen Campesinos zu überschreiben, wurden staatliche Agrarbetriebe gegründet und FSLN-Kadern zur Verwaltung übergeben, die oft keine Ahnung von der Landwirtschaft hatten. Die Revolution, urteilt Ramírez, „verstand die Welt der Campesinos aus dem Kampf heraus, doch nicht mehr von der Macht aus“. Die von den Comandantes verkündeten Botschaften, Theorien und Organisationsformen hatten mit dem Alltag und den Wünschen der LandarbeiterInnen nichts zu tun. Unfreiwillig demontierten die SandinistInnen so einen wichtigen Sockel ihrer sozialen Basis und trieben Zehntausende in die Arme der sich formierenden Contras.

CIA bildet Contras aus

Eine echte Chance hätte die Revolution aber auch ohne diese Fehler nicht gehabt. Die USA duldeten in Nicaragua keine auch nur entfernt an Sozialismus erinnernden Experimente und erklärten den SandinistInnen einen nicht erklärten Krieg. 1982 übernahm die CIA die Ausbildung und Führung der Contras. Aggression von außen und Repression nach innen schaukelten sich hoch. Die gegnerischen Lager, schreibt Ramírez, begannen „eine eindeutige Farbe anzunehmen, in jener fatalen Dynamik, in der Schattierungen keinen Platz hatten“. Fast alle Ressourcen flossen in die militärische Verteidigung, ökonomische Ausweichmanöver blieben Makulatur, Ende der achtziger Jahre hatte Nicaragua die höchste Inflationsrate der Welt.

Wahlschlappe für die Sandinisten

1990 war Schluss, die SandinistInnen verloren die Wahlen. Der Krieg „war unser großer Gegner bei diesen Wahlen, und ihn konnten wir nicht besiegen“, so Ramírez. Gleichzeitig verwahrt er sich gegen hartnäckig kolportierte Vorwürfe, denen zufolge die FSLN-Führung die ganze Nacht darüber stritt, ob man die Wahlniederlage akzeptieren oder die Überbleibsel der Revolution lieber bewaffnet verteidigen sollte. „Soviel der Gebrauch der Macht uns auch gelehrt hatte, Wahlbetrug war nicht unter den gelernten Lektionen.” Niemandem sei eingefallen, die Resultate zu manipulieren oder nicht anzuerkennen.
Nach der Wahlniederlage von 1990 setzte ein politischer und in der Folge auch persönlicher Entfremdungsprozess zwischen Ramírez und Ex-Präsident Daniel Ortega ein. Während sich Ramírez als sandinistischer Fraktionsvorsitzender im Parlament um die Verteidigung sozialer Errungenschaften bemühte, glaubte Ortega, inzwischen Parteichef, die FSLN habe mit der Regierung nur eines ihrer Machtelemente verloren, und rief die Massen zu Streiks und Straßenkampf auf. Gleichzeitig kam es zum sandinistischen Sündenfall. Bei der so genannten „Piñata“ überschrieben sich die FSLN-Funktionäre noch vor dem Amtsantritt der neuen Regierung Häuser, Haciendas und ganze Industriebetriebe.
1994 setzte die Mehrheit um Ortega Ramírez’ Ausschluss aus der Nationalleitung, später seine Ablösung als Fraktionschef durch. Nachdem der partei-sandinistische Sender „Radio Ya“ auch noch eine Schmutzkampagne gegen seine Tochter María losgetreten hatte, war für Ramírez der Augenblick gekommen, den langjährigen Compañeros „Adios“ zu sagen. Als er auf einer Pressekonferenz seinen Parteiaustritt erklärte, hing hinter ihm ein Portrait Sandinos. „Es war, als sei er dort um mich zu verabschieden. Oder mich in Empfang zu nehmen.”

Geschichte und Geschichten im Kopf

Ramírez hat die Revolutionsgeschichte und -geschichten ganz offensichtlich so aufgeschrieben, wie sie in seinem Kopf herumschwirrten. Eine Erinnerung löst die nächste aus, ein Detail ergibt das andere, jede Anekdote eine weitere. Der bewusste Verzicht auf eine chronologische Struktur hat zur Folge, dass manchmal gar keine Struktur erkennbar ist. Wer sich nicht auskennt mit der Materie, verliert schnell den Überblick. Dies ist vielleicht die einzige Schwäche des vom Mittelamerika-Kenner Lutz Kliche vorzüglich übersetzten Buches.

Sergio Ramírez: Adios, Muchachos! Eine Erinnerung an die sandinistische Revolution. Peter Hammer Verlag. Wuppertal 2001, 280 Seiten, 35 DM (ca. 24 Euro).

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