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Kein Zurück mehr

Margarita Suzán
1968 war ich nicht mehr in der Kommunistischen Partei aktiv, hatte aber schon einige Erfahrung in politischer Arbeit. Von Beginn an organisierten wir uns an der politikwissenschaftlichen Fakultät. Die Trotzkisten verleumdeten uns alle, die wir auf die eine oder andere Art marxistisch orientiert waren, obwohl man dachte, dass das gar niemand wusste. Wir waren eine, wie soll ich sagen, eine undogmatische Gruppe: Wir hörten die Stones, lasen Sartre, fühlten uns wie die Kings. Die Anderen betrachteten uns mit Argwohn. Wir lasen viele Bücher, die wir, wenn wir sie nicht im Buchladen klauten, aus der Bibliothek ausliehen und diskutierten dann darüber. Wir gingen ins Kino und machten viele Dinge, die nicht im Einklang mit der strengen Parteidisziplin standen. Die „schicken“ Linken wurden wir genannt. Uns gefielen eben andere Dinge. Ich stellte einen Filmklub auf die Beine, verteilte aber auch Flugblätter am Unabhängigkeitstag, wobei ich von der Polizei verhaftet wurde.

Ich sollte mich immer ums Essen kümmern. Bis ich sagte: „Diese Assoziation Frau-Küche-Essen – vergesst es!“

1968 wurden an allen Fakultäten Vollversammlungen abgehalten, auf denen die Anführer per Abstimmung gewählt wurden. Meistens wurden jene in die Leitung gewählt, die sich bereits vorher politisch engagiert hatten, die wussten, was in einer bestimmten Situation zu tun ist, die allgemein anerkannt waren und Charisma hatten. Einige waren begnadete Redner. Die Wahlen durch die Vollversammlungen liefen absolut demokratisch ab, was allerdings auch sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Wenn der CHN eine Entscheidung getroffen hatte, wurden an den einzelnen Einrichtungen nochmal Versammlungen einberufen, auf denen über die Annahme abgestimmt wurde. Bei einer Ablehnung musste das Thema im Nationalen Streikrat erneut diskutiert werden. Ich war eine Zeit lang Delegierte im Streikrat, wo wir Sitzungen von vierzehn, fünfzehn, manchmal sogar achtzehn oder zwanzig Stunden hatten. Wir waren dermaßen demokratisch, dass niemandem das Wort verwehrt oder entzogen wurde. Das erste Mal, dass ich ein geschlossenes Nein hörte, ohne dass sich noch wer zu Wort meldete, war, als im Hörsaal der medizinischen Fakultät ein Redner forderte, dass wir bewaffnet durch die Straßen ziehen sollten. Die Leute sagten: „Wir machen doch keine Revolution, wir wollen doch nur, dass es in diesem Land ein bisschen mehr Demokratie gibt.“ Es ging um demokratische Freiheiten, um ein bisschen mehr Raum für die politischen Rechte des Einzelnen.
Eine Sache, die mich furchtbar aufgeregt hat, war, dass die Kommunisten und die Sozialisten so konservativ und kleinkariert waren, was das Bedürfnis von uns Frauen anging, uns zu entfalten: „Frauen können auf der Schreibmaschine tippen, aber doch kein Manifest schreiben.“ Das war schon in den Jahren davor so. In den Sechzigern hat es viel mehr als nur die Studentenbewegung gegeben, für mich war es wie ein Erwachen. Die Tatsache, dass ich – wenn ich nicht vergaß, jeden Tag die Pille zu nehmen, und mir auch jemand gefiel – schlafen konnte, mit wem ich wollte, war geradezu Identitätsfindung: Ich bin meine eigene Herrin, ich kann machen, wonach mir ist. Also kannst du, nur weil du zu einem anderen Geschlecht gehörst, mir nicht erzählen, was ich zu machen habe. Als wir in Brigaden unterwegs waren, sollte ich, nur weil ich die einzige Frau in der Gruppe war, mich ständig um die Verpflegung kümmern. Bis ich eines Tages sagte: „Nein! Warum soll ich mich um das Essen kümmern? Diese Assoziation Frau-Küche-Essen – vergesst es!“
Die Demonstration am 27. August. Ich erinnere mich daran, wie ich das erste Mal das Gefühl hatte, dass diese Stadt, in der ich geboren war, meine Stadt war – es war unsere Stadt, durch die wir Parolen skandierend marschierten. Zum Schluss, als wir nur noch rannten, verfolgte mich ein Soldat. Er beschimpfte mich und versuchte, mich festzunehmen, gleichzeitig aber auch nicht, ich glaube, zu dem Zeitpunkt gab es noch keinen Befehl, jemandem etwas zu tun. Er war aber völlig überzeugt, beschimpfte mich als Nutte, ich rannte, und er lief immer schimpfend hinter mir her. Später, ich weiß nicht mehr auf welcher Höhe, konnte ich in ein Auto einsteigen, mit dem ich wieder zurück zum Uni-Gelände fuhr. Als wir uns dann an den Fakultäten wieder versammelten, hatte jeder eine Anekdote zu erzählen. Wir waren alle über den Anblick der Panzer schockiert. Noch nie zuvor hatten wir das Militär aus der Nähe gesehen, noch dazu in einer Situation, in der wir als die Feinde angesehen wurden.
Leute starben, weil sie von der Polizei dabei erschossen wurden, als sie Parolen an die Wände schrieben, manche verschwanden einfach und kehrten nie mehr zurück. Das ist verbürgt. Wir wussten, dass es Repression geben könnte, es hatte sie auch vorher gegeben. Schon seit den ersten Aktionen der Brigaden wussten wir, dass wir unterwandert wurden, es gab viele Spitzel – wir stellten schließlich eine wirkliche Bedrohung für den Status quo dar. Aber es gab auch kein Zurück mehr. Niemand hat in dem Moment gedacht: „Und was, wenn sie mich schnappen und in den Knast stecken? Ich geh’ lieber wieder nach Hause.“ Sie steckten uns dann wirklich ins Gefängnis, zu dem Zeitpunkt waren sie allerdings zum Glück noch bei Sinnen. Einmal wurden wir, 25 Frauen, in eine Zelle gesteckt, in die Nachbarzelle 25 Männer. Wir sangen die ganze Nacht Lieder und bei Tagesanbruch hielten es die Wachleute wohl nicht mehr aus und ließen uns frei.
Nach dem 2. Oktober, wo sollten da noch Massenversammlungen stattfinden – und mit wem? Die Stadt war völlig verstört. Die Leute trauten sich abends nicht mal mehr auf die Straße, alles war erstickt. Es gab tatsächlich keine Möglichkeit mehr, die Bewegung wieder zu beleben, so wie es vor dem 2. Oktober ja noch gelungen war. Die Gefangenen sahen das anders. Die dachten, wir würden nur nicht hart genug arbeiten oder wären nicht dazu in der Lage. […]
Wir waren überzeugt davon, dass wir weiter kämpfen mussten: für Demokratie, Gleichheit und Gerechtigkeit. Viele von uns hatten nach wie vor dieselben Ziele. Ich glaube – und das ist nur meine eigene Vermutung – uns hat sehr geprägt, dass plötzlich so viele Drogen verfügbar waren und so viele unserer Genossen begannen, Marihuana und LSD zu konsumieren, während andere bereits begannen, sich auf den Kampf der Stadtguerilla der nächsten Jahre vorzubereiten. Es gab einen großen Unterschied zwischen denen, die nicht so sehr in der Bewegung aktiv waren, beziehungsweise nur schnell zurück in ihre Seminare wollten, und denen, die sich der erlittenen Niederlage bewusst waren und nun keine Alternativen mehr sahen. Und die gingen zur Guerilla, wofür ihnen mein ganzer Respekt gebührt.
Ich ging in den Siebzigern nach Nicaragua, weil ich immer noch fand, dass die Revolution irgendwie stattfinden müsste. Da ich sie in meinem Land nicht machen konnte, ging ich dazu eben in ein anderes. […] Ich blieb 15 Jahre lang. Als ich gefragt worden war, ob ich trotz der beginnenden Militarisierung bleiben wollte, hatte ich mit Ja geantwortet. Denn ich dachte, das hieße nur, meine Zivilkleidung gegen eine Uniform einzutauschen.

Elisa Ramírez
Ich bin in einer außergewöhnlichen Familie aufgewachsen. Mein Vater war Universitätsprofessor, außerdem Psychoanalytiker, Pionier einer Wissenschaft und Praxis, die es noch nicht gab. Meine Mutter war berufstätig, ebenfalls als Psychoanalytikerin. Im Gegensatz zu vielen meiner Kommilitoninnen, die die ersten Akademikerinnen in ihrer Familie waren, bin ich bereits die dritte weibliche Generation an der Universität. Mein Vater war absolut liberal. Kein Linker, aber liberal, tolerant. Er verstand sich wunderbar mit all unseren Freunden. Er war 1968 Koordinator der entstehenden Psychologischen Fakultät, die damals aus der Philosophischen Fakultät heraus entstand. Bei uns zuhause wurde einfach über alles gesprochen und gestritten, auch laut. Als ich an die Uni kam, wurde ich sofort von der Kommunistischen Partei rekrutiert, das lag an meinem Bruder, der in der Kommunistischen Jugend aktiv war. Doch während ich noch dabei war, Texte zu lesen und mich diszipliniert damit auseinander setzte, worum es ging, warben mich die Spartakisten ab. Ich war auch dort noch gar nicht richtig dabei, als wir schon wieder in Massen zu den Trotzkisten überwechselten. Nachdem wir zwei Jahre lang versucht hatten, Teil dieser Bewegung zu sein, gründeten wir schließlich eine kleine anarchistische Partei, was für damalige Verhältnisse ziemlich ungewöhnlich war.
Unser 68 war – wenn es nicht so tragisch gewesen wäre – unglaublich fröhlich. Wir hatten wahnsinnig viel Spaß. Eines der ausgelassensten Erlebnisse war die Nacht, in der wir auf Beschluss des Nationalen Streikrats (CHN) die Stadt mit Parolen verschönerten. Da gab es ein Riesendurcheinander. Wer sich beim Schmieren erwischen ließ, wurde von der Polizei verfolgt. Wir mussten also rennen und uns verstecken. Wir waren außerdem so viele, dass es eine Schlacht um die Wände im Umkreis der Nationalen Autonomen Universität Mexikos (UNAM) und des Polytechnikums gab. Unsere Gruppe suchte sich die Mauer des Heldenfriedhofs Panteón Civil de Dolores aus, auf die wir schrieben: „Hier ruhen die Überreste der 36 Studenten, die von der faschistischen Regierung Gustavo Díaz Ordaz ungestraft umgebracht wurden“. Diese Mauer ist unendlich lang, und wir brauchten eine ganze Weile. Als wir fertig waren, stellten wir fest, dass wir das Wort „faschistischen“ zweimal geschrieben hatten und mussten alles wieder abändern. Es war ein Heidenspaß.

Unser 68 war – wenn es nicht so tragisch gewesen wäre – unglaublich fröhlich.

Wir bildeten Frauenbrigaden für frauenspezifische Aktionen und ließen uns dabei von großen, starken Männern begleiten, die nur dazu da waren, uns zu beschützen. Wir verteilten oft Flugblätter in der Gegend um die Straßen San Antonio Abad und Izazaga. Wir fragten die Frauen dort, wie es ihnen gehe, was sie wollten, was sie nicht wollten und wer sie seien. Aber jetzt, mit einigem Abstand, scheint es mir so, dass wir mehr daran interessiert waren, ihnen zu erzählen, wer wir waren, als ihnen zuzuhören. Innerhalb der Uni hatten wir Frauen einen ganz anderen Umgang miteinander. Das war eher Konkurrenz als Schwesterlichkeit, obwohl das natürlich immer auch auf den einzelnen Fall ankam. Eine Sache habe ich aber wirklich als bedrohlich und einschüchternd empfunden, dieses Verlangen des Nächsten, mir Lektionen zu erteilen, mir meinen Stolz zu nehmen, meinen Witz, meine Schönheit, meine Intelligenz. Das hat mir irgendwie Angst eingejagt, um es gelinde zu sagen. Denn ich kam aus völlig behüteten Verhältnissen und fand mich plötzlich mit meinem Minirock und meiner Albernheit im Raubtierkäfig wieder.
Die Nacht des 27. August. Verfolgung und Zweifel. Die Soldaten kamen wieder und wir rannten die ganze Avenida Juárez hinunter. Aus den Hotels wurden sie mit Gläsern beworfen, mit Eis, Matratzen, Kleidungsstücken, Schuhen, Stühlen, mit allem, was die Leute in den umliegenden Bars und Hotels in die Hände bekamen. Einige von uns waren auf die Baustelle der U-Bahn vorgedrungen, weil die Panzer nicht auf diese Allee konnten. Ich erinnere mich noch an das Geräusch der Rosensträucher, die über unsere Schuhe kratzten, als wir den Platz in Richtung der Station Hidalgo verließen, wo uns die U-Bahn-Fahrer empfingen und wieder zurück zum Uni-Gelände brachten. Ich glaube, das war der Moment, als mich wirklich Angst durchfuhr und ich dachte: „Dieses Spiel ist wahnsinnig lustig, aber die werden uns umbringen!“ Und wenn dich jemand umbringen will, fragst du dich zumindest, warum du dein Leben aufs Spiel setzt. Aber während da diese Zweifel aufkamen, fühltest du dich gleichzeitig moralisch verpflichtet gegenüber all den anderen, die um dich herum waren.
Das Jahr 68 hat einige Prozesse beschleunigt, die ohnehin gekommen wären. Die sexuelle Befreiung hatte schon vorher begonnen, sie war weder inexistent noch unsichtbar, aber leiser. Es war mehr oder weniger zu spüren, was in der Gesellschaft vor sich ging. Ich glaube, 1968 war nur eine zeitliche Verdichtung – nicht mehr. Es hätte vermutlich genauso auch 1970 passieren können. Was mit dem Minirock, dem freien Ausleben unserer Sexualität und unserer Körperlichkeit begonnen hatte, setzte sich schließlich in einer neuen Sprache fort, in neuen Sichtweisen, in Forderungen und in der Verpflichtung meiner Generation jenen gegenüber, die für immer jung bleiben werden.

Ana Ignacia Rodríguez (Nacha)
Ich heiße Ana Ignacia, den Spitznamen Nacha erhielt ich im Zusammenhang mit meiner Festnahme und meiner Haft. Es war der Deckname, mit dem ich im Strafregister geführt wurde. Damit sollten wir stigmatisiert werden: Straftäterin Nacha. Ich bin aber stolz auf diesen Namen, und auch darauf, dass in meiner Prozessakte steht: „Ana Ignacia Rodríguez Márquez, alias Nacha, Guevara-Anhängerin“. Dafür bin ich der Regierung sehr dankbar: Mir wurden zwei Jahre Frauengefängnis bezahlt und ich hatte Zeit, Guevara zu lesen. Jetzt bin ich tatsächlich Guevara-Anhängerin.
Ich studierte damals an der Juristischen Fakultät. Diese war eine Hochburg der Partei der institutionellen Revolution (PRI) sowohl was das Personal als auch was die studentischen Organisationen anging. Wir brachen das völlig auf. Wir gründeten eine Gruppe namens Progressive Studentenpartei, die kulturelle Aktivitäten organisierte. […] So fingen wir an, eher ruhig, aber dann kam 1966 der erste Streik, und ich erlebte die ganze Beteiligung unserer Fakultät mit.
Es ist eigentlich nie deutlich gemacht worden, welch wichtige Rolle die Frauen in der Studentenbewegung spielten. Aber schon 68 bildeten wir eigene Brigaden, gingen zu öffentlichen Versammlungen und in die Fabriken, auf die Märkte, sammelten Spenden – und die Bevölkerung unterstützte uns. Von dem gespendeten Geld und den Lebensmitteln konnten wir eine ganze Weile leben. Wir wohnten in der Fakultät. Es gab oft Gerüchte, dass das Militär einmarschieren würde, so oft, dass wir nicht mehr daran glaubten, auch dann nicht, als es schließlich wirklich kam. Am 8. September hörte ich – es war ein unglaublich lautes Geräusch – die Stiefel der Soldaten. Als wir aus der Fakultät rannten, fragten wir uns, wohin wir flüchten sollten. Wir entschieden uns für das Rektoratsgebäude, weil wir dachten, dort seien wir halbwegs sicher. Ich sehe uns noch, wie wir durch den kleinen Garten neben dem damaligen Gebäude des Rektors liefen. Später wurden wir von einem Kommando festgenommen und auf den Vorplatz geführt.]

Es ist nie deutlich gemacht worden, welch wichtige Rolle die Frauen in der Bewegung spielten.

Man brachte uns auf einen Hof mit steinernen Tischen. Wir waren dermaßen euphorisch, dass wir dachten, die anderen Genossen würden uns hören, und riefen laute Parolen, um ihnen Mut zu machen. Noch war uns nicht klar, was Repression bedeuten sollte. Ich wusste noch nicht einmal, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits politische Gefangene gab, auch kannte ich das Frauengefängnis nicht. Am nächsten Tag kamen unzählige Kriminalbeamte, um uns zu befragen. „Wie oft sind sie nach Kuba und in die Sowjetunion gereist?“ – „Ich war oft in den USA. Ich habe dort Geschwister.“ – „Nein, darum geht es nicht, uns interessieren nur Kuba und die Sowjetunion, wie oft Sie bei den Roten waren.“ Und dann haben sie es so hingedreht, dass wir Teil eines kommunistischen Komplotts seien, wir unterstützten den Kommunismus dabei, hier Ableger zu bilden, handelten auf Anweisung. Unsere Freilassung erfolgte auf Druck der Leute draußen. All unsere Kommilitonen hatten sich vor dem Gefängnis versammelt und riefen ganz laut: „Freiheit, Freiheit!“ Nach drei Tagen wurden wir freigelassen. Als ich die Haftanstalt verließ, war ich sehr gerührt, die Leute hoben mich hoch und begrüßten mich. Meine Gedanken waren damals: „Sie haben die Unabhängigkeit der Universität angetastet, was so ziemlich das Schlimmste ist, was der Bewegung widerfahren ist – und wir müssen weitermachen, wir müssen sogar noch härter kämpfen. Denn es gibt Gefangene, Verletzte und Tote.“
Den 2. Oktober hatten wir nicht erwartet. Ich stand auf dem Vorplatz, als wir die Leuchtraketen sahen, die von dem Hubschrauber abgeschossen wurden. Ich wusste in dem Moment nicht, was das zu bedeuten hatte. Später erfuhr ich, dass es der Einsatzbefehl war. Das einzige, was ich mitkriegte, war, dass der Redner auf dem Podium von einem Typ mit einem Handschuh gepackt wurde. Er und andere wurden nach hinten geschleppt. In dem Moment wurde mir bewusst, dass etwas vor sich ging, und schon hörte man die Geschosse über und unter uns. Ich sagte: „Das kann doch nicht sein, die können doch nicht auf uns schießen.“ Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen und sagte zu Tita: „Das kann doch keine echte Munition sein.“ Sie antwortete: „Jetzt stell dich nicht blöd, siehst du nicht, wie die Leute umfallen?“ Ich drehte mich um und sah, wie die anderen zu Boden fielen. Wir begannen um unser Leben zu rennen. […]
Sie holten mich und Antonio aus meiner Wohnung ab und brachten uns zu einem Gebäude der Sicherheitspolizei. Ich glaube, es war an der Ausfallstraße nach Toluca, denn wir überfuhren Gleise und wurden an einen Ort gebracht, an dem Ballen mit Pferdefutter gelagert waren. Dort wurden unsere Daten notiert. Das Schlimmste an dieser Entführung war die Fessel, eine breite Fessel, aber dermaßen straff angelegt, dass ich dachte, sie zerquetscht mir mein Gehirn. Am nächsten Tag wurde ich in einen anderen Raum geführt und das Verhör begann. Es wurde von einem US-Amerikaner durchgeführt. Er war rothaarig, hatte einen Bürstenhaarschnitt, war mit einer Tarnuniform bekleidet und sprach mit Akzent. Er sagte, ich solle unterschreiben.

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