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Keine Luft zum Atmen mehr

Arturo Alape, Autor des Romans Sangre Ajena ist seit Dezember 2000 in Hamburg im Exil, und wenn man das ganze Buch liest, wird einem auch klar, warum das so ist. In Sangre Ajena geht es um die Geschichte zweier Bogotaner Kinder, die von Zuhause abhauen, sich nach Medellín durchschlagen und dort ein neues Leben beginnen. Don Luis, Chef einer so genannten oficina, einer Vermittlungsstelle für Auftragsmorde, nimmt sich der beiden Jungen, Nelson und Ramón Chatarra, an und lässt sie im Umgang mit Waffen ausbilden. Auf diese Weise kommen die zwei zu einem Job. Sie werden, gerade einmal 9 und 13 Jahre alt, zu Auftragsmördern, zu Leuten, die töten, ohne nach Gründen zu fragen. Sie erschießen Kriminelle, die sich in Geschäfte eingemischt haben, Juweliere, die ihre Ware nicht herausrücken, Passanten, die einfach an der falschen Stelle stehen, aber auch políticos, wie Ramón Chatarra es ausdrückt, Oppositionelle, die der Regierung, den Eliten und den großen Unternehmen Probleme bereiten. Die mordenden Kinder und Jugendlichen wissen nicht, warum und für wen sie töten, für sie ist das Interessengestrüpp hinter den Anschlägen undurchschaubar. Dass es bei den Morden manchmal um Bandenkonkurrenz, andere Male um die Verteidigung sozialer Privilegien geht, wissen sie nicht. Sie verdienen sich einfach ihren Lebensunterhalt, kämpfen um die eigene Existenz. Es ist die grausame Tragik der kolumbianischen Verhältnisse: Oft tragen diejenigen, die unter den sozialen Zuständen am meisten zu leiden haben, als Berufssoldaten, Paramilitärs oder Todesschwadrone aktiv dazu bei, genau diese Ordnung aufrecht zu erhalten.
Arturo Alape, der sich als Maler, Historiker und Schriftsteller einen Namen gemacht hat, zeigt mit Sangre Ajena den Grad des sozialen Zerfalls in Kolumbien auf, ohne Analysen zu präsentieren. Er lässt seine Hauptperson einfach sprechen: über die Armut und Kälte zu Hause, die Zeit als Straßenkind, den Aufstieg zum Killer, der sich Respekt verschafft, den Verlust von Freunden und des Bruders, die Hoffnungen, Ängste und Wünsche und schließlich die Rückkehr in die Armut, denn Ramón Chatarra geht nach Bogotá zurück, um die Arbeit zu machen, die schon seine Eltern gemacht haben, Müll sammeln. Er zieht nach dem Tod seines älteren Bruders einfach die Notbremse: nur weg aus Medellín.
Man könnte die Geschichte – im Sinne des Sozialrealismus – als Anklage gegen die kolumbianische Gesellschaft verstehen. Und doch hat man – vor allem wenn man an Alapes Gang ins Exil denkt – den Eindruck, dass es um mehr geht, nämlich auch um Alape selbst. Immerhin schreibt ein potenzielles Opfer die Geschichte seines potenziellen Mörders; eine bizarre Begegnung, die zwei wesentliche Momente in Alapes Leben beleuchtet: Zum einen wird deutlich, warum Alape sein ganzes Leben lang politisch aktiv war – Verhältnisse wie diese muss man bekämpfen –, zum anderen versteht man aber auch, warum Alape immer wieder ins Exil gehen musste. Die zum Berufszweig gewordene Gewalt, die von den Eliten nach Belieben unter Vertrag genommen wird, hat Oppositionellen wie Alape die Luft zum Atmen genommen.
Dabei gehört der mittlerweile 62-jährige Alape im Land selbst zu den meistgelesenen Autoren. Er ist eine Institution unter den Intellektuellen, einer der wenigen Künstler, die gleichermaßen in der Literatur, der Malerei, den Geschichtswissenschaften und der politischen Praxis aktiv waren. Alape begann seine künstlerische Laufbahn als Maler, es folgten die politischen Aktivitäten im Umfeld von KP und FARC-Guerilla, die ihm bis heute ein Einreiseverbot in die USA beschert haben; Anfang der 70er machte er sich als Historiker einen Namen. Aus seiner Feder stammt die wichtigste Biografie des FARC-Kommandanten Pedro Marín alias Manuel Marulanda genannt ‘Tirofijo’. Mit El Bogotazo verfasste Alape das Standardwerk über die Ermordung des Oppositionspolitikers Gaitán und den linken Volksaufstand am 9. April 1948 (der den Auftakt des letzten großen Bürgerkriegs darstellte); und er widmete sich immer wieder den Geschichtsrealitäten von unten: 1977 der Zivilstreikbewegung, 1985 dem Thema Krieg und Frieden, 1995 den Armenvierteln von Ciudad Bolívar. Parallel dazu zeichnete, malte und collagierte er, schrieb Erzählungen, von denen einige ins Deutsche übersetzt sind und drei Romane.
Den Hass der Mächtigen, der ihn nun ins Exil getrieben hat, haben ihm allerdings nicht die künstlerischen Arbeiten beschert. Literatur darf, wie Alape feststellt, in Kolumbien einiges, denn in einem Land, in dem aus verschiedenen Gründen kaum gelesen wird, kann der Inhalt eines Buches auch keine subversive Drohung mehr darstellen. „Was die kolumbianische Oligarchie nicht duldet, ist die politische Positionierung des Schriftstellers jenseits der Kunst. Wer öffentlich einen Standpunkt vertritt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.“ Alape weiß, wovon er spricht. 1987 musste er, damals Vorsitzender des frisch gegründeten kolumbianischen Schriftstellerverbandes, zum ersten Mal ins Exil. Es war die Zeit des Vernichtungskriegs gegen die linke Unión Patriótica, mit der Alape sympathisierte. An die 3.000 AktivistInnen der (aus Friedensverhandlungen mit der Guerilla hervorgegangenen) Partei wurden innerhalb kürzester Zeit von den Armeegeheimdiensten ermordet, darunter auch zahlreiche Freunde Alapes. Der Maler-Historiker-Schriftsteller ging nach Kuba, blieb vier Jahre dort und kehrte 1991 in ein Land zurück, in dem die legale, politische Opposition praktisch eliminiert war. Alape veröffentlichte den zweiten Teil seiner Marulanda-Biografie, schrieb an den Romanen Mirando al final del alba und Sangre Ajena und gelangte auf neue Todeslisten. Inzwischen muss man in Kolumbien nicht mehr in linken Gruppen wie der UP organisiert sein, um erschossen zu werden. Es reicht, als einer der Letzten eine andere Meinung zu haben. Die kolumbianische Ultrarechte in Armee, Großgrundbesitz und Industrie sucht die militärische Lösung des Konflikts. Auf diese Weise ist Alape als Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte im Winter 2000 mit seiner Lebensgefährtin und zwei Kindern nach Deutschland gekommen. Er habe sich Sorgen gemacht vor dem Exil, sagt er. In einem fremden Land zu arbeiten, sei schwer. Sein Vorgänger als Stipendiat, der Journalist Hernando Corral, habe es gerade einmal vier Monate in Deutschland ausgehalten. Aber jetzt sei Alape doch überraschend zufrieden. Allein die Erleichterung: keine anonymen Anrufe mehr und für die Kinder Plätze in der Schule, für die man kein Vermögen zahlen muss.

KASTEN

„Nelson und ich wurden zwei Basuqueros voller Angst und mit Geld in den Taschen. Das war das Vergnügen, das unser Leben erfüllte und die Zeit angenehmer erscheinen ließ, die wir auf die Befehle von Don Luis zu einem Überfall oder einen gefährlichen Auftrag warteten. Mit Nelson qualmte ich im Zimmer. Manchmal, vielleicht sogar meistens, begannen wir gemeinsam, andere Male fing er oder ich mit dem Basuco an und der jeweils andere wurde zum Wachhund, damit der Bruder nicht auf der Reise verloren ging. Wir machten das, um dem Herren Angst und seiner Verwandten, der Panik, Auge in Auge gegenüber zu stehen.
Und wieder Aufträge und rauchen und Attentate und rauchen. Klar, dass wir uns vor dem Qualmen gut anzogen, Spaß mit ein paar Schlampen hatten und uns Schnaps reinlaufen ließen. Dem Chef erzählten sie, dass wir rauchten, aber ihm war das egal. Er sagte, man muss sie machen lassen, was können sie sonst schon tun? Er gab uns Ratschläge, dass einem das schaden würde, dass wir nichts von unserer Arbeit hätten, wenn wir das Geld ständig verrauchten, immer nur rauchten. Wir gaben ihm Recht, aber wir machten weiter wie gehabt. In dieser Pension rauchten alle. Sie verkauften das Basuco direkt im Haus.“
(Arturo Alape, Sangre Ajena)

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