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Keine Spur von Integration

Das kolumbianische Dorf La Pista liegt am Grenzfluss Río de Oro. Am gegenüberliegenden Ufer beginnt venezolanisches Territorium, bewacht von einigen Soldaten, die an der 2.200 Kilometer langen Grenze verloren wirken. Auf der kolumbianischen Seite lässt sich dagegen weit und breit kein Militär sehen. Und auch keine Einwohner mehr. Diese haben mit ihren Kanus inzwischen das Land gewechselt, nachdem am 22. August der 38-jährige Familienvater Henry Fernández von Paramilitärs erschossen wurde. 500 bis 1.500 Menschen sollen es gewesen sein, die daraufhin aus Angst vor der Gewalt ihren Grund und Boden verlassen haben.
Kein Einzelfall: Im Mai 1999 ermordeten Paramilitärs dutzende Einwohner des Ortes La Gabarra, weiter südlich von La Pista. Binnen weniger Stunden überquerten Tausende auf Mauleseln den Fluss Richtung Venezuela.
Seit Hugo Chávez auf dem Präsidentenstuhl in Caracas sitzt und die USA und Kolumbien den Plan Colombia aus der Taufe gehoben haben, steuern die bilateralen Beziehungen immer weiter einem Tiefpunkt entgegen. Chávez gilt als schärfster Kritiker der militärischen Komponente im Plan Colombia. Zudem wirft man ihm auf kolumbianischer Seite vor, mit seiner revolutionären Rhetorik nicht gerade auf Oppositionskurs zu den Guerillabewegungen zu stehen.
Ein Punkt, auf den man beim kolumbianischen Militär gerne aufmerksam macht. So hob General Fernando Tapias im Juli diesen Jahres hervor, dass sich in den Arsenalen der Guerilla Waffen und Munition mit dem Symbol der venezolanischen Armee befinden. „Es muss Personen geben, die Beziehungen zu den zuständigen Institutionen haben, aus denen die Waffen entwendet wurden,” so Tapias.
Aus Sicht der venezolanischen Behörden liegt das Problem auf der anderen Seite des Flusses. Durch die Migration über die Grenze bekommen sie die Auswirkungen des kolumbianischen Konflikts zu spüren, die Ursachen aber liegen auf fremdem Territorium. Für die Ortschaft La Fría setzte die Regierung in Caracas kürzlich einen Hilfsplan in Gang, um dort angekommene, geflohene Bauern mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Einige Flüchtlinge werden zwar zurückgeschickt, die Mehrheit jedoch wird in anliegende Orte durchgelassen. Zudem kann die Grenze nicht lückenlos kontrolliert werden. Wie viele Kolumbianer tatsächlich geflohen sind, weiß man auf venezolanischer Seite daher nicht. In den letzten zehn Jahren sollen es mehrere Zehntausend gewesen sein.

Klein-Kolumbien in Venezuela

Dabei hat die Migration eine lange Geschichte. Anfang der siebziger Jahre waren 30 Prozent der in Venezuela lebenden AusländerInnen kolumbianischer Abstammung, 1981 bereits 47 Prozent, was etwa eine halbe Million Menschen umfasst. Diese Wanderungsströme haben das venezolanische Grenzgebiet im Laufe der Zeit zu einer kolumbianischen Exklave gemacht.
Zum Beispiel die Stadt Machiques. 80 Prozent der etwa 100.000 Einwohner sind mittlerweile KolumbianerInnen, was den Widerstand der Alteingesessenen auf die Spitze treibt. „Die Kolumbianer bringen Krankheiten, Drogen und Entführungsdelikte in unser Land, beklagt sich eine Gruppe venezolanischer Grundbesitzer über die zunehmende Einwanderung und Verbreitung des Konfliktes in ihrer Gegend. Denn während die frühere Migration noch wirtschaftlich begründet war, spielt nun die Gewalt eine immer größere Rolle, die auch nicht vor der Grenze Halt macht.
Tatsächlich gibt es seit geraumer Zeit mehrere Fälle von Entführungen auf venezolanischem Terrain. Laut Polizeiangaben sollen in den letzten Monaten kolumbianische Banden 24 Venezolaner verschleppt haben, die sie auf der anderen Seite des Flusses an die Guerilla verkauften. Sechs wurden nach Lösegeldzahlungen freigelassen, die Situation der anderen 18 ist unklar.
Reaktionen auf diese Entwicklung blieben nicht aus. Das venezolanische Militär hat nun seine Grenztruppen um 6.000 Soldaten verstärkt. José Luis Betancourt, Präsident der venezolanischen Viehzüchterorganisation, verklagte am 11. Oktober die kolumbianische Regierung vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission der Organisation amerikanischer Staaten (OAS). „Die kontrollieren ihre Grenze nicht. Wir werden einem Konflikt ausgesetzt, mit dem wir nichts zu tun haben”, sagt er. Mit seiner Klage will Betancourt erreichen, dass die kolumbianische Regierung die Menschen in der Grenzregion moralisch und finanziell entschädigt.
Bei einem Erfolg auf juristischem Wege müsste die kolumbianische Seite ihrer Aufgabe der Grenzsicherung nachkommen und aktiv werden. Eine solche Auflage könnte die kolumbianische Armee aber kaum erfüllen, zumal ein Großteil des Grenzgebietes von „irregulären Gruppen“ – Guerilla und Paramilitärs – kontrolliert wird. 30.000 Hektar an Kokafeldern befinden sich im Korridor zwischen kolumbianischem und venezolanischem Staat, die diese “irregulären Gruppen” nur ungerne aufgäben.

Militärische Zwistigkeiten

Die kolumbianische Seite also wird die alarmierende Situation an der Grenze weiterhin gewissenhaft missachten. Zum einen fehlt in großen Teilen Kolumbiens ohnehin die Staatsautorität. Zum anderen liegt das Desinteresse der Kolumbianer an der Grenzregion an den schlechten politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Luftraumverletzungen, Schießereien und gegenseitige Beschuldigungen prägen den Dialog an der Grenze.
Ein vorläufiger Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war der 12. Oktober, als venezolanisches Militär den kolumbianischen Grenzort Tres Bocas attackiert haben soll. Laut Angaben der kolumbianischen Armee hätten die Soldaten ein Haus beschossen, dabei mehrere Tiere getötet und ein Gebäude zerstört. „Eine vulgäre Lüge, so der venezolanische Außenminister José Vicente Rangel. „Es scheint einige kolumbianische Militärs zu geben, die das Verhältnis zu Venezuela stören wollen. Die Fronten waren so weit verhärtet, dass man diesen Vorfall nicht zusammen aufklären konnte. Beide Seiten setzten jeweils eine eigene Kommission ein, anstatt gemeinsam eine zu bilden. Das Ergebnis: beide beharrten auf ihren Versionen. Einig sind sich beide Seiten nur darin, dass das venezolanische Militär eine Kokabekämpfungsaktion im Grenzgebiet durchgeführt hat.
Um die Sicherheit an der Grenze zu erhöhen, setzt die venezolanische Seite auch recht unorthodoxe Methoden ein, die in kolumbianischen Regierungskreisen Unmut erregen. So führt man seit geraumer Zeit Gespräche mit der Guerilla. „Wenn wir uns der Guerilla nicht genähert hätten, wäre die Situation an der Grenze viel verheerender, so Rangel. Durch seine Politik habe sich die Zahl der Entführungen in den letzten zwei Jahren verringert.

Wirtschaftlicher Protektionismus

Auch in wirtschaftlichen Belangen machen sich beide Länder das Leben schwer. Zwar sehen die Regeln im andinen Wirtschaftsraum vor, dass von Caracas bis La Paz frei gehandelt wird. Doch erschwert Venezuela seit Anfang 1999 den Import von kolumbianischen Waren: Lastwagen werden verschärft kontrolliert, Auto- und Lebensmittelimporte mit Zöllen belegt. Die in Kolumbien zusammengebauten Sofasa (Renault) erlitten in Venezuela einen steilen Absatzeinbruch und Produkten wie Fleisch, Milch und Kartoffeln aus Kolumbien wurde der Marktzugang erschwert, sodass die Händler auf einem Großteil ihrer Waren sitzen blieben.
Allein im letzten Jahr ging der bilaterale Handel um eine Milliarde US-Dollar auf zwei Milliarden US-Dollar zurück. „Chávez führt einen Integrationsdiskurs, aber die Mittel, die seine Funktionäre anwenden, sind genau das Gegenteil, beklagte sich bereits im Juli letzten Jahres die kolumbianische Ministerin für Außenhandel. Dieses Jahr konnte man annähernd den Einbruch wieder auffangen, obwohl die Handelskonditionen sich nicht geändert haben.

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